Milton Friedman zum 100. Geburtstag:Aus der Wirtschaftskrise etwas Neues schaffen

Sein Schlüsselerlebnis war, wie für alle Ökonomen der Generation, die Weltwirt-schaftskrise. Während die Katastrophe jedoch vielen anderen als finale Krise des Kapitalismus erschien, lieferte sie für Friedman den Anstoß, eben diesen Kapitalismus neu zu begründen. Im schlimmsten Jahr der Krise, 1932, kam Friedman praktisch mittellos an die Universität Chicago. Dort lernte er seine Frau Rose kennen und fand seine intellektuelle Heimat.

Schon damals gab es die Chicago School of Economics, die später dank Friedman weltberühmt werden sollte. Hauptmerkmal der Chicagoer war und ist ihr unerschütterlicher Glaube, dass der Preis die Wirtschaft effizient steuert - vorausgesetzt, der Staat mischt sich nicht ein. Das bedeutet: Der Kapitalismus ist inhärent stabil.

Aus dieser Überzeugung heraus entstanden viele radikale Ideen, für die Friedman später werben sollte: Der Staat soll sich aus den Schulen zurückziehen und stattdessen allen Eltern "Bildungsgutscheine" ausgeben, die sie dann bei der Privatschule ihrer Wahl ausgeben können. Friedman wollte das öffentliche Wohlfahrtswesen abschaffen und durch eine "negative Einkommensteuer" ersetzen. Er war gegen die Wehrpflicht und für die Freigabe von Drogen.

In Chicago war Friedman während seiner prägenden Jahre intellektuell und geographisch abgeschirmt von Keynes' revolutionären Theorien, die damals von England aus die Universitäten an der amerikanischen Ostküste erreichten. Die Keynesianer lehrten das genaue Gegenteil der Chicagoer: Der Kapitalismus ist inhärent instabil, er braucht die Hilfe des Staates. Und gab es einen besseren Beleg dafür als die Große Depression?

In Washington startete Präsident Franklin D. Roosevelt im März 1933 seinen New Deal. Dieser war zwar, anders als oft behauptet, nicht von Keynes beeinflusst, aber sein Programm sah in weiten Strecken so aus. Roosevelt gab dem Staat eine so dominierende Rolle in der Wirtschaft, wie sich dies bis dahin in Amerika niemand vorstellen konnte. Die Vereinigten Staaten nahmen zuweilen Züge einer Planwirtschaft an.

In diesem Washington bekam Friedman seinen ersten Job als Ökonom, was vermutlich seine Abneigung gegen den Staat noch festigte. Er arbeitete zunächst im National Resources Committee, einer New-Deal-Organisation, später im Finanzministerium, wo er darüber nachdachte, wie der Staat im Falle eines Krieges die Bürger effizienter besteuern konnte. Seine damalige Arbeit sollte er später, vermutlich nur halb ironisch, als "größten Fehler meines Lebens" bezeichnen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg überwachte er in Paris den Umgang mit den Mitteln des Marshall-Planes. Dabei befasste er sich auch mit dem Schuman-Plan, dem ersten Projekt der europäischen Einigung. Er sei damals zu der Überzeugung gekommen, dass ein gemeinsamer Markt ohne flexible Wechselkurse unweigerlich zum Scheitern verurteilt sei, sagte er später.

"We Are All Keynesians Now"

Friedman kehrte 1946 nach Chicago zurück, war aber mit seinen Ansichten in den fünfziger und sechziger Jahren ein krasser Außenseiter. Wirtschaftstheorie und -politik richteten sich an Keynes aus, so wie man ihn damals verstand: Der Staat sollte die Wirtschaft so steuern, dass Arbeitslosigkeit, Inflation und schwere Wirtschaftskrisen der Vergangenheit angehörten. "Wir sind alle Keynesianer", zitierte das Time Magazine Friedman damals. Später bestand er darauf, die Journalisten hätten das Zitat aus dem Zusammenhang gerissen.

Friedmans wissenschaftliches Werk entstand in der Auseinandersetzung mit Keynes. Zum Beispiel die Frage der Konjunkturprogramme: Nach Überzeugung keynesianischer Ökonomen kann der Staat die Arbeitslosigkeit bekämpfen, indem er in der Krise mehr Geld ausgibt oder die Steuern senkt. Wenn die Regierung eine neue Brücke baut, schafft sie Einkommen bei Unternehmern und Bauarbeitern. Diese geben den größeren Teil des neu verdienten Geldes wieder aus und schaffen so Einkommen bei Einzelhändlern, Friseuren und Gastwirten. Auch diese geben wieder einen Teil aus. So entsteht eine positive Kettenreaktion.

Der Impuls der Regierung produziert ein Vielfaches an kaufkräftiger Nachfrage. Dieses Vielfache heißt "Multiplikator" und ist Kern der Konjunkturtheorie in der Tradition von Keynes. Friedman zerpflückte dieses Konzept: Wenn jemand nur einmal Geld von der Regierung bekommt, so Friedmans These, dann gibt er es nicht aus, sondern spart es. Sein Konsum orientiert sich nicht am kurzfristigen, sondern am "permanenten Einkommen". Deshalb bleiben Konjunkturprogramme ohne Wirkung. Unter anderem für diese Theorie sollte er 1976 den Wirtschaftsnobelpreis bekommen.

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