Süddeutsche Zeitung

Milliardenskandal:Wirecard-Managern drohen Haftbefehle

Im Milliardenskandal bei Wirecard müssen die bisherigen Konzernmanager Markus Braun und Jan Marsalek mit Haftbefehlen rechnen. Die Staatsanwaltschaft München I prüft alle in Betracht kommenden Straftaten.

Von Klaus Ott und Jörg Schmitt

Wenige Tage nach ihrem Ausscheiden bei Wirecard wegen des Skandals um mögliche Luftbuchungen in Milliardenhöhe könnte es für die bisherigen Konzernmanager Markus Braun und Jan Marsalek noch schlimmer kommen. Mit dem Fall befasste Wirtschaftsanwälte gehen davon aus, dass die Staatsanwaltschaft München I Haftbefehle gegen die beiden langjährigen Manager des Internetkonzerns beantragen wird. Untersuchungshaft wäre möglich, wenn Flucht- oder Verdunkelungsgefahr vorläge. "Mein Mandant wird sich dem Verfahren selbstverständlich stellen", sagte Brauns Anwalt Alfred Dierlamm der SZ.

Die Staatsanwaltschaft prüft nach eigener Aussage alle in Betracht kommenden Straftaten. Weitere Angaben machte die Ermittlungsbehörde nicht. Die Staatsanwaltschaft München I ist bei großen Wirtschaftsverfahren für ihr hartes Durchgreifen bekannt. Sie ermittelt im Fall Wirecard bereits wegen des Verdachts, Braun, Marsalek und deren bisherige Vorstandskollegen hätten den Börsenkurs des Zahlungsdienstleisters manipuliert.

Wirecard: Bankguthaben auf philippinischen Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Millarden Euro sollen "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen"

Als weitere mutmaßliche Delikte könnten nun Bilanzfälschung sowie Betrug von Banken bei Kreditanträgen hinzu kommen. Die Wirecard AG hat in den Nacht von Sonntag auf Montag in einer Mitteilung für die Börsen zugegeben, dass Bankguthaben auf philippinischen Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Millarden Euro "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen". Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass sich das auf die Jahresabschlüsse vorangegangener Geschäftsjahre auswirke. Gemeint sind die Konzernbilanzen bis 2018.

Braun war am Freitag als Vorstandschef zurückgetreten. Marsalek war tags zuvor als Vorstandsmitglied vorläufig freigestellt worden. Die Vorgänge auf den Philippinen sollen in seinen Verantwortungsbereich gefallen sein.

Wirecard hatte unter der Leitung von Braun und Marsalek stets alle Vorwürfe zurückgewiesen, dass es bei den Geschäften des Bezahldienstleisters zu Unregelmäßigkeiten gekommen sei. Braun und Marsalek hatten vielmehr erklärt, Wirecard sei das Opfer von Börsenspekulanten, die auf fallende Kurse setzten und deshalb falsche Vorwürfe verbreiteten.

Hohes Strafmaß möglich

Manipulation des Börsenkurses kann mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet werden, Fälschung der Bilanz mit bis zu drei Jahren. Das gilt auch für Kreditbetrug - also falschen Angaben bei erfolgreichen Anträgen auf Bankkredite. Hätte Wirecard seine Ertrags- und Vermögenslage über Jahre hinweg geschönt, dann könnte ein hohes Strafmaß zustande kommen.

Abzuwarten bleibt freilich, was bei den weiteren Untersuchungen bezüglich der Vorgänge auf den Philippinen herauskommt. Und selbst wenn am Ende 1,9 Milliarden Euro oder ein anderer größerer Betrag fehlen sollte, wäre noch die Frage zu klären, ob Braun und Marsalek dies gewusst hätten oder ob sie selbst getäuscht worden wären.

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