Mietmarkt:Wie Geldnot in die Wohnungslosigkeit führen kann

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Nicht nur barrierefreie Wohnungen fehlen in Deutschland, sondern auch bezahlbare - gerade für Menschen mit wenig Geld. Dem Paritätischen Wohlfahrtsverband zufolge müssten in Deutschland jedes Jahr 80 000 zusätzliche Sozialwohnungen entstehen. Tatsächlich sind aber zum Beispiel 2016 nur 24 550 errichtet worden. Schätzungen des Mieterbundes zufolge hat fast die Hälfte aller Deutschen Anspruch auf eine Sozialwohnung. Doch nur für jeden Siebten sei eine da.

Für Menschen mit wenig Geld sind das schlechte Aussichten. Im schlimmsten Fall stehen sie irgendwann ohne Wohnung da, wie Leserin Birte L.:

"Ich war acht Jahre auf Wohnungssuche, bevor ich durch einen Dringlichkeitsschein diese Wohnung gefunden habe. Es waren acht schlimme Jahre, einige Monate war ich sogar wohnungslos und zwei Jahre habe ich außerhalb der Stadt gewohnt, da ich in Hamburg nichts Bezahlbares gefunden habe. Umso glücklicher bin ich jetzt in meiner zentralen, ruhigen, günstigen Wohnung."

Die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland hat sich der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe zufolge seit 2014 verdoppelt, die BAG W registrierte vergangenes Jahr 860 000 Menschen, die keine eigene Wohnung haben und in Übergangsunterkünften leben. Mehr als die Hälfte davon sind Flüchtlinge, was den großen Anstieg zum Teil erklärt. Aber eben nur zum Teil. Auch ohne Flüchtlinge ist die Zahl der Wohnungslosen von etwa 335 000 auf 420 000 gestiegen. Hinzu kommen bundesweit etwa 52 000 Obdachlose, also Menschen, die nicht in Unterkünften oder bei Freunden oder Verwandten unterkommen konnten und auf der Straße leben.

"Häufig ist eine Trennung der Grund, warum jemand plötzlich ohne Wohnung dasteht", sagt Ortrud Wohlwend von der Berliner Stadtmission. Oder der Eintritt in die Rente, womit die Wohnung zu teuer wird. Aber auch Menschen, denen die Schulden über den Kopf gewachsen sind, landen in Notunterkünften. Sie haben die Miete nicht bezahlt, die Briefe vom Amt nicht mehr geöffnet - und eines Tages steht dann der Gerichtsvollzieher vor der Tür.

"Die Notunterkünfte sollen eine Übergangslösung sein, bis sich die Menschen wieder stabilisiert haben", sagt Wohlwend. Also für ein Jahr oder anderthalb. Aber inzwischen sei es so schwer für sie, eine Wohnung zu finden, dass manche bis zu zehn Jahre in einer Notunterkunft lebten. "Ein Problem ist, dass sich die Menschen mit der Zeit in der Situation einrichten und irgendwann mit einer eigenen Wohnung sogar überfordert wären", sagt Wohlwend. Und so blockieren sie ein Hilfesystem, in das zugleich immer neue Menschen hineindrängen.

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