Microsoft und Nokia:Allianz der Verlierer

Lesezeit: 3 min

Nokia Lumia Microsoft

Microsoft kauft Nokias Handy-Geschäft

(Foto: Dado Ruvic/Reuters)

Mächtige Konzerne stürzen über Nacht, Unbekannte gelangen ebenso schnell zu Macht und Reichtum: Unternehmer glauben, dass nur noch mit drastischen Schritten etwas zu bewegen ist in der Branche. Auch der Microsoft-Nokia-Deal folgt dieser Logik. Es geht um alles oder nichts.

Ein Kommentar von Nikolaus Piper

Wer erinnert sich noch an die Zeiten, als Siemens in Deutschland Handys produzierte? Erst acht Jahre ist es her, dass der Münchner Konzern seine Handysparte an ein taiwanesisches Unternehmen namens BenQ verkaufte, das kurz danach bankrott war. Und doch mag dies heute jungen Leuten mit ihren iPhones und Galaxys in der Jackentasche wie eine Nachricht aus dem Erdmittelalter erscheinen. Ein Siemens-Handy von damals sieht heute nur noch anachronistisch aus. Nun kommt eine weitere Nachricht von der mobilen Revolution: Nokia, der einstige Marktführer aus Finnland, verkauft sein Handygeschäft für 5,4 Milliarden Euro an das Software-Imperium Microsoft. Das Handy-Unternehmen Nokia gibt es damit nicht mehr.

Der Deal ist der jüngste Ausläufer eines riesigen Bebens, das durch die Weltmärkte geht, seit es gelungen ist, das Internet aufs Telefon zu bringen. Nicht nur, dass die neue Welt der Smartphones und Apps das Kauf- und Sozialverhalten der Menschen von Grund auf ändert, in ihr können auch mächtige Konzerne über Nacht stürzen und Unbekannte ebenso schnell zu Macht und Reichtum kommen. Sicher ist jedenfalls nichts mehr. Viele Manager ahnen, dass die neue Technik ihr Geschäft von Grund auf ändern wird, sie wissen aber nicht wie.

Die Logik des Microsoft-Nokia-Deals ist dabei einfach: Microsoft verdient sein Geld immer noch hauptsächlich mit der Software für PCs. Wegen all der iPhones und iPads werden aber heute weniger PCs verkauft. Microsoft-Chef Steve Ballmer fürchtet um die Zukunft des Konzerns. Nokia fühlt sich zu schwach, um es mit Apple und Samsung aufzunehmen. Also gehen die beiden Verlierer zusammen - in der Hoffnung, gemeinsam die Nummer drei auf der Welt zu werden. Nokias Aktionäre sind froh, die Handys los zu sein: Der Kurs stieg um 43 Prozent - auch eine Möglichkeit, viel Geld zu machen.

Für Microsoft geht es bei dem Geschäft um alles oder nichts. Misslingt es, wird die Lage für den Konzern sehr schwierig. Überhaupt ist Alles-oder-nichts das Motto der Zeit: Meist können nur radikale Entscheidungen die Unternehmen für das mobile Internet tauglich machen. Ein bisschen eifern alle immer noch Apple nach, dem Konzern, den der Gründer Steve Jobs vom hoffnungslosen Fall zum zeitweise teuersten Unternehmen Amerikas machte. Zunehmend wird jetzt aber Apple durch Samsung herausgefordert - die Konkurrenz führte bereits zu einem erbitterten Patentstreit vor Gericht.

Phantastische Summen für Minifirmen

Ein anderes Symptom: Manager kaufen für zum Teil phantastische Summen Minifirmen, von denen sie sich Lösungen für das neue Zeitalter versprechen. Facebook zahlte 2012 eine Milliarde Dollar für den Fotodienst Instagram, der zu diesem Zeitpunkt noch keinen Cent Umsatz gemacht hatte. Auf eine große Wette hat sich der PC-Pionier Michael Dell aus Texas eingelassen: Er will seine zerzauste Firma von der Börse nehmen und im Verbund mit Finanzinvestoren - vulgo Heuschrecken - ins mobile Zeitalter führen.

Die Unternehmer und Chefs glauben, dass sie nur eine Chance haben, wenn sie ein großes Rad drehen. Das Tempo und die Dimension der Veränderungen begünstigen daher exorbitante Gehälter. Das hat zwei Aspekte: Einmal kann die Zukunft Zehntausender Arbeitsplätze tatsächlich von einem Genie wie Steve Jobs abhängen - deshalb hält sich die Entrüstung in Grenzen, wenn dieser seine Aktienoptionen phantasiereich gestaltet. Das Problem mit den Genies ist aber, dass man im Vorhinein nicht weiß, wer eines ist. Also unternehmen Aufsichts- und Verwaltungsräte fast alles, Talente nicht zu verlieren. Das gibt diesen als "Talente" definierten CEOs eine ungeheure Verhandlungsmacht. Es ist bezeichnend, dass bei Microsoft und Nokia der bisherige Chef von Nokia, Stephen Elop, Teil des Deals ist: Er gilt als erwählter Nachfolger von Steve Ballmer.

Das Beben auf dem Markt des mobilen Internets ist im historischen Vergleich nicht ungewöhnlich. In der Zeit der amerikanischen Räuberbarone waren es Männer wie John D. Rockefeller oder Cornelius Vanderbilt, die die Wirtschaft durchpflügten und mit ihrem Reichtum und ihrer Macht die Zeitgenossen erschreckten. Als das Zeitalter des PCs begann, musste sich der einst übermächtige IBM-Konzern radikal reformieren. Nokia blickt auf eine stolze Geschichte des Sich-Selbsterfindens zurück. Das Unternehmen produzierte Papier, Fahrradmäntel und Gummistiefel, ehe es sich auf das Telefongeschäft verlegte. Der Prozess der schöpferischen Zerstörung findet in jeder Marktwirtschaft statt. Im Zeitalter des mobilen Internets beschleunigt er sich manchmal auf beängstigende Weise. Doch es wäre töricht, sich ihm zu entziehen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema