Künstliche Intelligenz:Wie Microsoft die Websuche erobern will

Künstliche Intelligenz: Microsoft-Chef Satya Nadella setzt auf künstliche Intelligenz bei der eigenen Suchmaschine Bing.

Microsoft-Chef Satya Nadella setzt auf künstliche Intelligenz bei der eigenen Suchmaschine Bing.

(Foto: Jason Redmond/AFP)

Google ist die erfolgreichste Suchmaschine, Microsofts Bing liegt abgeschlagen auf Platz zwei. Der Konzern will das jetzt ändern und setzt dabei auf künstliche Intelligenz. Kann das funktionieren?

Von Simon Hurtz

Das Wettrennen um die smarteste Suchmaschine ist eröffnet, und zum ersten Mal seit Jahrzehnten könnte Google das Nachsehen haben. Microsoft stattet Bing mit künstlicher Intelligenz (KI) aus, die Fragen in Textform beantwortet. Die Sätze klingen, als hätte sie ein Mensch formuliert, manchmal nutzt das Sprachmodell passende Emojis. In vielen Fällen könnte der Chatbot hilfreicher sein als die Suchergebnisse, die Google und Bing bislang liefern.

Dahinter steckt die Technologie des Start-ups OpenAI, das Chat-GPT entwickelt. Der Chatbot wurde vor gut zwei Monaten veröffentlicht, seitdem haben mehr als 100 Millionen Menschen die Anwendung genutzt - und mit eigenen Augen gesehen, welche enormen Fortschritte maschinelles Lernen gemacht hat. Microsoft investierte zehn Milliarden Dollar in OpenAI, möchte KI in alle seine Produkte integrieren und Googles Dominanz bei der Websuche brechen.

Bislang kann man das neue Bing nur mit wenigen fest vorgegebenen Suchbegriffen ausprobieren, etwa: "Schreibe ein Gedicht für die achtjährige Alena, das sich reimt. Sie mag Hunde und schwimmt gerne." Wer Zugriff auf die vollständige Version haben möchte, muss sich auf eine Warteliste setzen lassen. Dann kann man Bing nicht nur beliebige Fragen stellen, sondern auch um Präzisierungen bitten und chatten. Der Bot erkennt den Kontext, sodass eine Art Gespräch entsteht.

Beeindruckende Antworten - und üble Patzer

US-Medien wie das Wall Street Journal, die Washington Post und The Verge konnten bereits einige Stunden mit dem angeblich intelligenten Bing verbringen. Die Software sei ähnlich eloquent wie Chat-GPT, habe aber einen entscheidenden Vorteil. Chat-GPT wurde mit Material trainiert, das bis ins Jahr 2021 reicht, muss also bei aktuellen Themen passen. Bing konnte sogar beantworten, wann es selbst vorgestellt wurde, und bezog sich dabei auf Artikel, die zu diesem Zeitpunkt erst wenige Stunden alt waren. Dabei verlinkt es seine Quellen, sodass man die Angaben selbst prüfen kann.

"KI wird jede Art von Software grundlegend verändern, angefangen bei der Suche", sagt Microsoft-Chef Satya Nadella. Bis es so weit ist, muss Bing aber noch viel lernen. Selbst Microsoft gibt zu, dass die Vorschauversion "unerwartete oder ungenaue Ergebnisse basierend auf dem zusammengefassten Webinhalt" liefern könne. Tatsächlich gab Bing den US-Journalistinnen und Journalisten teils unvollständige oder falsche Antworten. Der Bot behauptete etwa, Tom Hanks habe den Watergate-Skandal aufgedeckt. Tatsächlich spielt Hanks nur im Film "Die Verlegerin" mit, der sich um die Veröffentlichung der Pentagon-Papiere dreht.

Sprachmodelle unterscheiden nicht zwischen Fakten und Desinformation. Die neuralen Netze kombinieren bloß Wörter miteinander und imitieren dabei ihr Trainingsmaterial. Oft liegen die Bots damit richtig, manchmal aber fürchterlich falsch. Inhaltliche Fehler sind nur eines von vielen Problemen. Chat-GPT lässt sich etwa so unter Druck setzen, dass es die Regeln vergisst, die ihm seine Schöpfer auferlegt haben. Wer den Bot mit dem Tod bedroht, erhält Bauanleitungen für Atombomben oder kann das System zwingen, auf rassistische Fragen zu antworten, bei denen es sich sonst verweigert.

Microsoft verweist auf zahlreiche Vorsichtsmaßnahmen und seine Richtlinien für den verantwortlichen Umgang mit KI. Die Erfahrung zeigt aber, dass Menschen nicht perfekt vorhersagen können, wie Modelle reagieren, die auf maschinellem Lernen beruhen. Dafür sind neuronale Netze zu komplex, Fehler und unerwünschtes Verhalten lassen sich oft nur mühsam erkennen und beheben.

Das KI-Rennen geht jetzt erst los

Trotz aller Risiken und Nebenwirkungen ist Nadella überzeugt, dass der Zeitpunkt für die KI-Revolution gekommen sei. Behält er recht, könnten die kommenden Jahre die Machtverhältnisse im Netz durcheinanderwirbeln. Für viele Menschen steht Googeln synonym für Suchen, gebingt werden höchsten Serien. Microsoft geht davon aus, dass jeder Prozentpunkt, den man Google an Marktanteil abjagen kann, einem zusätzlichen Werbeumsatz von etwa zwei Milliarden Dollar entspricht.

Nadella hofft, dass Menschen das neue Bing ausprobieren und es dann weiter nutzen. Google hat die Gefahr erkannt und deswegen im Dezember intern "Alarmstufe rot" ausgerufen. Am Montagabend stellte der Konzern dann überraschend seinen Chatbot Bard vor. Es wird aber noch einige Wochen dauern, bis Google die KI in seine Suche integriert.

In der Technikgeschichte setzt sich aber selten der schnellste Starter durch: Yahoo, Myspace und der Blackberry waren zwar früher dran als Google, Facebook und das iPhone - haben sich aber nicht durchgesetzt. Microsoft mag die erste Zwischenwertung knapp gewonnen haben. Das KI-Rennen dürfte aber kein Sprint, sondern ein Marathonlauf werden.

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