Metro Ein Laden unter Druck

Metro-Vorstandschef Olaf Koch bei der Hauptversammlung im Februar. Die Aktionäre erwarten mehr von ihm.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Vorstandschef Olaf Koch hat den Konzern zerschlagen und wollte so den Aktienkurs beflügeln. Doch der Erfolg blieb bislang aus, jetzt will er wenigstens im Streit mit den Gewerkschaften siegen.

Von Michael Kläsgen und Benedikt Müller, München/Düsseldorf

Olaf Koch, 48, der Vorstandsvorsitzende der Metro AG, ist nicht zu beneiden: Das wichtige Russland-Geschäft ist eingebrochen, die Staatsanwaltschaft ermittelt immer noch wegen Insiderverdachts - und der Aktienkurs hat sich nach der Aufspaltung des Konzerns vor einem Jahr fast halbiert. Die völlige Trennung von Lebensmittelgroßhandel und Real-Märkten auf der einen Seite und Konsumelektronik rund um Media-Saturn auf der anderen sollte den "Konglomeratsabschlag" beseitigen und den Aktienkurs beflügeln. Doch der Plan ging nicht auf. Für die Metro-Großaktionäre Haniel sowie die Familien Schmidt-Ruthenbeck und Beisheim ist der Aktienkurs ein Desaster, Besserung ist nicht in Sicht.

150 000 Beschäftigte, 37 Milliarden Euro Umsatz, rund 1000 Standorte weltweit - Metro ist noch immer einer der bedeutenden Handelskonzerne: großes Unternehmen, große Probleme. Aber niemand scheint im Moment zu wissen, wie der Befreiungsschlag aussehen könnte, auch Koch selbst nicht. Doch genau darauf warten Mitarbeiter, Aufsichtsrat und Großaktionäre. Sie beäugen ihn deshalb kritisch. Wird er irgendwie die Wende schaffen?

Diese Woche wird er zumindest endlich wieder etwas Positives zu verkünden haben, positiv für ihn und seinen Verbleib an der Metro-Spitze, wohlgemerkt, nicht für die Mitarbeiter. Koch will raus aus dem Tarifvertrag. Tarifflucht ist fast schon üblich im Einzelhandel - und auch von der inzwischen verkauften Tochter Galeria Kaufhof beabsichtigt. Mit der Gewerkschaft Verdi hat er bereits gebrochen. Diese Woche will Koch den nächsten Schritt gehen.

Sollte der Bestandsschutz fallen, könnten Standorte von Real geschlossen werden

Das Bundesarbeitsgericht wird am Dienstag eine Entscheidung treffen, die, egal, wie sie ausfällt, Kochs Ziel entgegenkommt, die Personalkosten der Lebensmittelkette Real mit 280 Standorten, sogenannte Hyper-Märkte, und 34 000 Mitarbeitern in Deutschland kräftig zu drücken. Es geht im Kern um die Frage, ob die kleine, arbeitgebernahe Gewerkschaft DHV "tariffähig" ist, also Tarifverträge abschließen darf. Ähnliche Auseinandersetzungen hatte es schon bei Lufthansa und der Deutschen Bahn gegeben. Sagt das Gericht nein, hat Koch freie Hand und wäre an keine Tarifstrukturen gebunden, was er nach eigenen Worten allerdings nicht anstrebt.

Schätzt das Gericht die DHV wie in vorherigen Verfahren als "tariffähig" ein, wäre auch das in Kochs Interesse. Auch wenn das Gericht damit nicht automatisch entschieden hat, ob die DHV auch repräsentativ bei Real ist, wird Koch versuchen, mit der DHV einen Tarifvertrag nach seinem Geschmack zu schließen. Um mehr als 20 Prozent will er die Personalkosten bei Neueinstellungen senken. Eine neue Vollzeit-Verkäuferin bei Real, die derzeit etwa 2500 Euro brutto im Monat verdient, erhielte dann womöglich etwa 500 Euro weniger. Die neue Regelung würde nicht nur neue Mitarbeiter treffen, sondern auch bis zu 5000 befristet Beschäftigte im Fall einer Verlängerung.

Der Konzernchef meint, handeln zu müssen, weil Real 30 Prozent mehr Lohn als die selbständigen Kaufleute bei Edeka und Rewe zahlt. Mehr als 80 Prozent der Edeka-Märkte und rund die Hälfte der Rewe-Märkte sind nach Angaben von Verdi und Metro nicht mehr in der Tarifbindung. Koch will Chancengleichheit, in dem von Einzelhandelsverband und Verdi vorgegebenen Rahmen ist das seiner Meinung nach aber kaum möglich. Achtmal verhandelten Metro und Real mit Verdi, dann scheiterten die Gespräche endgültig. "Nach zwei Jahren mit ergebnislosen Verhandlungsrunden mussten wir leider feststellen, dass Verdi erkennbar nicht die Absicht hatte, ernsthaft zu verhandeln", sagt Koch der Süddeutschen Zeitung. Die Gewerkschaft habe Real faktisch aufgegeben und rechne damit, dass die Kette aufgespalten und in Einzelteilen verkauft werde. Das sei aber nicht seine Absicht. Verdi-Vertreter behaupten hingegen, Koch sei nicht zu ernsthaften Gesprächen bereit.

Mit der DHV will Koch nun "eine neue Tarifpartnerschaft begründen", doch das wird nicht leicht. Die Gewerkschaft hat mit der Einheit Metro Services zwar Tarifverträge für etwa 600 Mitarbeiter geschlossen, den Vertrag aber gekündigt, als Kochs Pläne bekannt wurden, die 34 000 Real-Beschäftigten in die kleine Einheit zu überführen. Den Schritt wollte Metro zum Monatsende vollziehen, in den vergangenen sechs Wochen fanden aber mit der DHV keine Gespräche mehr statt. Die Gewerkschaft will sich nicht gegen eine andere ausspielen lassen, nur damit Löhne gekürzt werden können. Koch zeigt sich dennoch gelassen. Bestehende Verträge müssten seiner Meinung nach eingehalten werden. Nach Ansicht der DHV hat die Kündigung hingegen sofortige Wirkung.

Mit der Gerichtsentscheidung ist der Konflikt also nicht zu Ende, er spitzt sich weiter zu. Die DHV hat bei Real kaum Mitglieder, Verdi hingegen sehr viele. Verdi könnte noch diese Woche zu Streiks bei Real aufrufen. Verantwortlich für die Misere der Kette seien Managementfehler und nicht die Mitarbeiter, sagt ein Vertreter. Mit Real vergleichbare Ketten wie Kaufland zahlten über Tarif und funktionierten passabel.

Spätestens nach der Sommerpause will er entscheiden, welche Real-Märkte modernisiert werden. "Es bleibt dabei, wir investieren weiter", sagt Koch. Insidern zufolge sind aber auch Standortschließungen nicht ausgeschlossen, wenn die mit Verdi getroffenen Vereinbarungen und der Bestandsschutz nicht mehr gelten. Aber selbst wenn der Streit um Real beigelegt würde, könnte Koch Aufsichtsrat und Großaktionäre damit allein nicht besänftigen. Sie wollen mehr sehen, ein Gesamtkonzept, nicht nur die Beilegung einer Baustelle namens Real, was den Aktienkurs womöglich kaum beeinflusst.

Und so mehren sich die Zweifel an Konzernchef Koch. Manche trauen ihm nicht wirklich zu, die Wende herbeiführen zu können. Ein Unternehmen aufspalten, könne er. Aber einen Handelskonzern in die Zukunft führen?

Zwar setzt er konsequent auf Digitalisierung, Metro hat in diesem Bereich auch etwas vorzuweisen. So hat der Konzern mehr Gastwirte von seiner digitalen Service-Plattform überzeugen können als geplant, und mit dem Online-Lieferservice Getnow wurde eine Partnerschaft abgeschlossen, auf der große Hoffnungen ruhen. Internationale Konkurrenten tun mehr: Walmart in den USA kooperiert mit Google, Carrefour in Frankreich mit Amazon. Und Metro? Koch ist sich des Rückhalts der Aktionäre sicher und sagt: "Wir werden die Ergebnisse liefern." Das wird er tun müssen.