Internet:Das Märchen vom Metaverse

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Internet: Facebook-Chef Mark Zuckerberg soll besessen sein von der Idee Metaverse - und seine Mitarbeiter völlig überfordert.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg soll besessen sein von der Idee Metaverse - und seine Mitarbeiter völlig überfordert.

(Foto: Facebook/dpa)

Die Tech-Branche braucht das nächste große Ding. Aber die Welt braucht das Metaverse nicht.

Kommentar von Jannis Brühl

Es ist ja ein Dilemma, vor dem die Titanen von der US-Westküste stehen. Facebook, Microsoft und viele Investoren besitzen unfassbare Mengen an Kapital. Aber sie haben den Menschen nichts anzubieten, was sie von ihren Smartphones aufblicken lässt. Die sehen im Großen und Ganzen immer noch aus wie 2010. Die klobigen VR-Brillen, in die etwa Facebook Milliarden investiert hat, interessieren nur ein Nischenpublikum unter den Computerspielern. Die meisten Menschen wollen in Konferenzen auch nicht als Hologramme dreidimensional im Raum erscheinen, sie geben sich damit zufrieden, über billige Webcams in die schlecht ausgeleuchteten Gesichter ihrer Kollegen zu blicken.

Die Konzerne müssen mit dem vielen Geld aber etwas Neues bauen, um ihr halsbrecherisches Wachstum auch in Zukunft fortzusetzen. Da kommt das sogenannte Metaverse ins Spiel - angeblich eine Art dreidimensionales Internet, das einem in einer Spezialbrille überall vor der Nase angezeigt werden und sich wahlweise per Sprachbefehl oder Händefuchteln bedienen lassen soll. Doch die Geschichte vom neuen Internet ist nur ein Märchen, um längst bestehende Technologien doch noch mit Gewinn unters Volk zu bringen.

Web 2.0, Social Media, mobiles Internet - die großen Geschichten der Tech-Branche sind vorerst auserzählt. Die Skandale der allgegenwärtigen Überwachung und der Verbreitung wirrster politischer Theorien haben das Image der Konzerne als Weltenretter angekratzt. Mit dem am Wochenende verabschiedeten Digital Services Act erlegt die EU Online-Plattformen auch noch weltweit einmalig strenge Regeln auf. Das Silicon Valley braucht ein "next big thing", das es zumindest nach eigenem Anspruch bislang immer geliefert hat. Doch das nächste große Ding, es existiert nicht.

Aus Nutzern sollen endlich Kunden werden, die Geld dalassen

Was das Metaverse ist, können selbst die Unternehmen, die es bauen wollen, nicht so genau erklären. Irgendwie sollen binnen zehn Jahren Virtual und Augmented Reality, Computerspiele, soziale Medien und Bezahlsysteme zu einem neuen Netz verschmelzen, das sich im Blickfeld der Menschen wie ein Schleier über ihren Alltag legt. Facebook-Chef Mark Zuckerberg soll einem Bericht von Business Insider zufolge derart besessen sein von der Idee, dass seine Mitarbeiter überfordert sind. Sie wissen nämlich gar nicht, was sie zu tun haben, um dieses neue Universum zu bauen. Die entsprechende Software von Microsoft und Facebook sieht derzeit aus wie eine aufgemotzte Konferenzsoftware, ab und zu schwimmt ein animierter Fisch durchs Bild. Blubb.

Wie die Technologien nahtlos verbunden werden sollen zu einem 3-D-Netz zwischen Konzernen, von denen jeder für sich nach Monopolprofiten strebt und deshalb eine Aversion gegen das Teilen von Daten - und Geld - hat, bleibt unklar. Ein wahrer Kern steckt zwar im Schlagwort Metaverse, es ist allerdings keine Revolution, sondern ein Verteilungskampf. Es geht um die nächste Stufe der Unterhaltungsindustrie. Facebook und Microsoft wollen stärker bei Computerspielen mitmischen, denn nur dort lassen sich Pixel wirklich teuer verkaufen. Aus Nutzern sollen endlich Kunden werden, die Geld dalassen.

Denn was die Konzerne als Metaverse beschwören, existiert schon - in Spielen wie "Fortnite" oder "Roblox", die Hunderte Millionen Menschen zocken. Dort können sie mit anderen spielen, aber auch virtuelle Gegenstände wie Waffen oder Kostüme kaufen. Verkaufen kreative Nutzer in Facebooks Metaverse-Vorstufe "Horizon Worlds" selbstgeschaffene digitale Güter, möchte der Konzern seinen Anteil: sportliche 47,5 Prozent. Das Ziel ist also nicht eine neue virtuelle Welt, die den Menschen den Alltag erleichtert oder gar das Bewusstsein erweitert. Es geht darum, Claims abzustecken für die virtuellen Vergnügungsparks von morgen.

Es wird ein hartes Stück Arbeit, die Welt zu begeistern für diese Mischung aus sozialem Netzwerk und Online-Casino, für die man unbequeme Brillen aufsetzen muss. Investoren haben darüber schon geurteilt: Facebooks Aktienkurs ist binnen eines Jahres - trotz oder gerade wegen der großspurigen Metaverse-Ankündigung - um 31 Prozent eingebrochen. Das Märchen vom Metaverse zieht nicht auf den Finanzmärkten. Aber die Kunden, die sollen es gefälligst glauben.

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