Metallindustrie:Ostdeutsche Metaller arbeiten weiter drei Stunden länger

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IG Metall

Auch im Osten weht die Fahne der IG Metall, wie hier in Leipzig. Aber nicht so häufig wie in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen.

(Foto: Sebastian Willnow/dpa)

Die IG Metall wollte in der diesjährigen Tarifrunde durchsetzen, dass die Arbeitszeit zwischen Ost und West nach und nach angeglichen wird - und scheiterte. Jetzt will die Gewerkschaft "Haus für Haus" weiterkämpfen.

Von Benedikt Peters

Die IG Metall ist ein weiteres Mal mit dem Versuch gescheitert, gleiche Arbeitsbedingungen in Ost- und Westdeutschland in der Metall- und Elektroindustrie durchzusetzen. Im Westen arbeiten die Beschäftigten in der größten deutschen Industriebranche 35 Stunden pro Woche, im Osten sind es mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung 38 Stunden. Die IG Metall hatte die Tarifrunde verlängert, um in Berlin, Brandenburg und Sachsen einen Einstieg in die Angleichung auszuhandeln, die Metall-Arbeitgeber sollten zumindest einen Teil der Mehrarbeitszeit ausgleichen.

Seit diesem Dienstag aber ist klar, dass das in nächster Zeit in keinem ostdeutschen Bundesland in der Fläche erreicht wird. Mit dem Berliner- und Brandenburger Arbeitgeberverband VME konnte sich die Gewerkschaft nur darauf einigen, den Pilotabschluss aus Nordrhein-Westfalen zu übernehmen, den die dortigen Tarifparteien im März erzielt hatten. Vor einer Woche hatte die Gewerkschaft das Gleiche mit den sächsischen Arbeitgebern vereinbart.

Die 290 000 Metaller in den drei Bundesländern bekommen demnach eine Corona-Prämie von 500 Euro und von 2022 an eine neue, jährliche Sonderzahlung. Im ersten Jahr liegt sie bei 18,4 Prozent eines Brutto-Monatsgehalts, von 2023 an steigt sie auf 27,6 Prozent. Aber sie müssen weiterhin drei Stunden länger arbeiten. Das einzige Zugeständnis, das die Gewerkschaft hier erzielt hat, ist die Verpflichtung zu weiteren Gesprächen. Nach dem Ende der Tarifrunde will die IG Metall mit den Arbeitgebern bis Ende Juni eine Art Leitfaden ausarbeiten. Diesen sollen dann Betriebsrat und Geschäftsführung einer Firma nutzen, um für den eigenen Betrieb Schritte in Richtung einer 35-Stunden-Woche zu vereinbaren.

Details dazu, wie dieser Leitfaden ausgestaltet sein soll, gibt es noch nicht. Sicher aber ist, dass er keinen Hebel für die Arbeitnehmervertreter beinhalten wird, um die Angleichungsschritte auch gegen den Willen der Arbeitgeber zu erzwingen. "Es wird Betriebe geben, die davon jetzt gar keinen Gebrauch machen", räumte die zuständige IG-Metall-Bezirksleiterin Birgit Dietze kürzlich ein.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Kampf um die Arbeitszeit-Angleichung in Ernüchterung mündet. Im Sommer 2003 versuchte die IG Metall, die 35-Stunden-Woche im Osten zu erzwingen, musste sich aber nach vierwöchigen Streiks geschlagen geben. Es war eine der schwersten Niederlagen in ihrer Geschichte. 2018 sah es dann zunächst besser aus, die Berliner und Brandenburger Arbeitgeber verständigten sich mit der Gewerkschaft auf Eckpunkte zur Angleichung bis 2030. Doch dann ging der Arbeitgeber-Dachverband Gesamtmetall dazwischen - dem Vernehmen nach, weil im Süden das Verständnis für die Angleichung fehlte. Dort sitzen zahlreiche Automobilkonzerne, die im Osten günstigere Standorte haben.

Die IG Metall tut sich in den ostdeutschen Bundesländern auch deshalb schwer, weil sie dort deutlich weniger Mitglieder hat als in den Hochburgen Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. In der diesjährigen Tarifrunde rief sie zwar zu zahlreichen Warnstreiks auf, zum Teil legten die Beschäftigten die Arbeit sogar 24 Stunden am Stück nieder, etwa im Werk von BMW in Leipzig oder beim Zulieferer ZF in Brandenburg.

Doch der Druck reichte nicht, um die Arbeitgeber großflächig zum Einlenken zu bewegen. Diese argumentierten, dass angesichts des Strukturwandels in der Automobilindustrie und der Corona-Krise kein Geld da sei. Die IG Metall wiederum wies das zurück; ihr Kompromissvorschlag hätte vorgesehen, dass die ostdeutschen Arbeitgeber erst ab 2025 zumindest eine Stunde der Mehrarbeit ausgleichen.

IG-Metall-Bezirksleiterin Dietze betont, sie wolle die Angleichung nun "Haus für Haus" erkämpfen. In einzelnen Betrieben, etwa bei Volkswagen Sachsen, hat sie es geschafft, sich auf verbindliche Schritte zu einigen. Die übrigen ostdeutschen Metaller aber gehen leer aus.

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