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Messewirtschaft:Neue Dimensionen

Deutsche Messen investieren Millionen Euro in die Modernisierung ihrer Infrastruktur. Neben einer ansprechenden Architektur spielen dabei auch digitale und nachhaltige Energiekonzepte eine immer größere Rolle.

Dieser Spaten. Er ist so riesig. Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner, der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter und Messechef Klaus Dittrich können ihn sichtlich nicht gemeinsam stemmen und müssen sich Hilfe holen bei Vertretern der IHK und Handwerkskammer. Dieser Spaten soll die Größe des Vorhabens symbolisieren, auch die des Bauherrn, der Messe München. In zwei Jahren will man den bestehenden 16 Hallen zwei weitere hinzufügen. Für Veranstaltungen wie die Baumessen Bauma und Bau, die Umweltmesse Ifat und die Sportmesse Ispo braucht man mehr Platz, die bisherige Kapazität stößt an ihre Grenzen. 2018 könnte es dann 20 000 Quadratmeter an zusätzlicher Fläche geben. Hinzu kommt ein Kongressbereich für bis zu tausend Teilnehmer. Eine großflächige Verglasung soll mehr Tageslicht und ein angenehmeres Klima spenden. "Wir brauchen diese Hallen und den neuen Konferenzbereich, um der steigenden Nachfrage unserer Kunden gerecht zu werden", betont Dittrich beim Spatenstich im Sommer in München. 105 Millionen Euro kostet das Projekt.

München ist nicht die einzige Messe im Baufieber. Viele deutsche Messegesellschaften investieren in Umbauten oder Neubauten. Ihre Aufwendungen zur Modernisierung summieren sich bis 2019 auf eine Milliarde Euro, schätzen die Experten. "Vieles ist in die Jahre gekommen", heißt es zur Begründung des baulichen Eifers. Eine veraltete Infrastruktur birgt nämlich Nachteile. Zum Beispiel wanderten Gastveranstalter von der Messe Essen ab, weil ihnen das Ambiente nicht mehr zusagte. Das freut die Konkurrenz, aber die muss auch mithalten können. In Essen steckt die Messe nun 90 Millionen Euro in fünf neue Hallen. Flach, mit Tageslicht und neuer Technik. Denn die mehrgeschossigen alten Hallen haben ausgedient. "Essen bietet in Zukunft sogar eines der modernsten Messegelände in Deutschland", wirbt Geschäftsführer Oliver Kurt.

"Wer im internationalen Messegeschäft erfolgreich sein will, muss das technologische Innovationstempo global agierender Unternehmen und die Besonderheiten der lokalen Märkte abbilden", sagt Werner Dornscheidt. Der Messechef in Düsseldorf propagiert ein Konzept namens "Messe Düsseldorf 2030" mit Investitionen von 730 Millionen Euro für Neubauten und Modernisierung. "Wir haben ein Riesenpaket vor uns, aber wir finanzieren das selbst", sagt er selbstbewusst. Auch in Köln setzt man auf einen langen Atem. Hinter dem Projektnamen Kölnmesse 3.0 verbirgt sich eine über 15 Jahre hinweg gestreckte Sanierung samt einer neuen Confex-Halle, als Keimzelle neuer Messen und als Kongresszentrum.

Die Liste sämtlicher Bauprojekte an Messeplätzen ist lang, sie reicht quer durch die Republik von Hannover über Frankfurt und Düsseldorf bis Stuttgart und München. Die Ausrichter von großen Veranstaltungen müssen auf mehr Qualität achten, denn die Aussteller fordern neue Technik, gute Infrastruktur, optimale Verkehrsanbindung, ausreichend Parkplätze, genügend Hotelkapazität. Natürlich ist auch der laufende Betrieb von solchen Umbauten betroffen. In Nürnberg entsteht die als "Pufferhalle" bezeichnete Halle 3 c für 70 Millionen Euro nach den Plänen der prominenten Architektin Zaha Hadid, die im März gestorben ist. Die Halle soll später große Veranstaltungen wie die Spielwarenmesse, die Biofach oder die Fensterbau Frontale aufnehmen.

Neben der Frankfurter Messe wächst ein neuer Stadtteil namens Europaviertel und spornt so ganz automatisch die Messebetreiber zu baulichen Höchstleistungen an. Die neueste und künftig größte Halle mit der Nummer 12 bedarf wohl besonderer Beobachtung. Ihr Fortschritt lässt sich nämlich über zwei Webcams von oben verfolgen. Die Frankfurter nehmen für sich auch in Anspruch, besonders funktional, flexibel und transparent zu sein, Solarenergie inklusive. Express-Rolltreppen und Transportbänder sollen es bequemer für die Besucher machen.

Auch das Verkehrsmanagement wird moderner, was wegen der Innenstadtlage der Messe Frankfurt von besonderer Bedeutung ist. Central Traffic Management (CeTraM) nennt sich das neue digitale Steuerungssystem. Der Auf- und Abbau bei Veranstaltungen soll schneller gehen, dank eines permanenten Monitoring von Flächen und Fahrzeugen beim neuen Check-in für 500 Fahrzeuge. Alle einfahrenden Lastwagen werden vorab registriert. Die Fernfahrer warten so lange, bis sie eine Berechtigung zum Losfahren erhalten - per SMS auf ihr Handy. Katalysator für die neue Schleuse ist der Bau der Halle 12, weil damit Flächen auf dem Messegelände selbst wegfallen. Neue, vernetzte, integrierte und multimodale Systeme und Lösungen - über alle Verkehrsträger hinweg - ist auch das Thema einer neuen Veranstaltung der Messe Frankfurt. Die Fachmesse "Hypermotion" wird im November nächsten Jahres stattfinden, flankiert von drei Kongressen zu den Themen Digitalisierung, ITS (Intelligente Transport-Systeme) und Intermodalität.

In München ist man auch schon einen Schritt weiter. Auf den Spatenstich folgte Anfang Dezember die Grundsteinlegung. "Das ist ein wichtiger Baustein für den Standort Bayern", sagt Messe-Aufsichtsratschefin Ilse Aigner. Besonderes Augenmerk legt man auf die Nachhaltigkeit, nicht nur bei den Messehallen selbst, auch bei den Veranstaltungen. 2018 steht die nächste Leitmesse für Umwelttechnologie an, die Ifat. Aigner sieht große Chancen für die Unternehmen, die in diesem Bereich aktiv sind. Ihre Energie beziehen die neuen Hallen von der Sonne oder aus der Erde, dank Photovoltaik und Geothermie. "Nachhaltigkeit ist bei uns eine wesentliche Prämisse", erläutert Dittrich. So werden die neuen Hallen und der Konferenzbereich ausschließlich aus Erdwärme gespeist.

Es ist der letzte Bauabschnitt des 1998 in Riem eröffneten Messegeländes. Dann verfügt man in den 18 Hallen über 200 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche und 400 000 Quadratmeter Freigelände. Die Kosten werden vollständig von der Messe finanziert, ohne Zuschüsse der Gesellschafter. "Das ist auch ein sichtbares Zeichen für den Erfolg der Messe München" , sagt Dittrich. Auch der Blick in die Zukunft stimmt ihn positiv. "Wir wollen weiter überdurchschnittlich wachsen." Gleichzeitig will er das Wachstum im Ausland weiter forcieren und die Digitalisierung weiterentwickeln. Zum Beispiel gibt es neue Open-Innovation-Plattformen, die wie Kontaktbörsen funktionieren. So bringt man Projekte und Kunden zusammen, und zwar über die Zeit der Messe hinaus.

© SZ vom 13.12.2016
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