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Messen:Vorhang auf für Aussteller

Der Unternehmer Philip Harting glaubt an die Zukunft des Mediums Messe. Diese seien für mittelständische Firmen gerade in Zeiten des Handelsstreits bedeutend.

Illustration: Stefan Dimitrov

Philip Harting scheint ein Mann mit vielen Talente zu sein. Er führt ein großes Familienunternehmen, engagiert sich in Verbänden, beim Handball-Sport und reist beruflich oft um die Welt. Sogar mit dem amerikanischen Präsidenten kam er schon ins Gespräch. Das passierte an seinem Stand auf der Hannover-Messe, als er seine Produkte zeigte. Der Präsident aber senkte den Blick und schaute auf Hartings Füße, die in gelb-weißen Sportschuhen steckten, so wie die Füße der ganzen Familie. Amüsiert fragte er, ob dies die offiziellen Firmenschuhe seien, wer denn die Idee für dieses sportliche Outfit hatte und ob er wohl auch so ein Paar haben könne?

Philip Harting ist Chef der Harting Technologiegruppe und leitet seit Mai 2019 den Messeverband Auma.

(Foto: Auma)

Das war im Jahr 2016, und damals hieß der amerikanische Präsident Barack Obama. Die lockere Unterhaltung über die Harting-Sneaker machte die Runde und Eindruck bei den Kunden, vor allem in den USA. Inzwischen ist der amerikanische Präsident ein anderer, und der taucht weder zur Hannover-Messe auf, noch funktioniert er als Werbeträger. Im Gegenteil. Er bremst den Welthandel mit Zöllen und Sanktionen. Das spürt auch Harting. "Manche Erfolg versprechenden Projekte in Iran sind zum Stillstand gekommen durch die Politik der US-Regierung. Das darf keineswegs zum Vorbild bei anderen Konflikten werden." Aber das sagt Harting nicht als Firmenchef, sondern als das neue Gesicht der Messewirtschaft. Im Mai wählten ihn die Mitglieder des Auma zu ihrem neuen Vorsitzenden. Es handelt sich um ein Ehrenamt, die Amtszeit beträgt drei Jahre, eine einmalige Wiederwahl ist möglich. Der Auma bringt schon seit mehr als hundert Jahren alle Leute zusammen, die mit Messen zu tun haben.

Hinter der Abkürzung verbirgt sich der sperrige Name "Ausstellungs- und Messeausschuss der Deutschen Wirtschaft". Zu den 74 Mitgliedern zählen je zur Hälfte Veranstalter und Verbände, darunter sämtliche Spitzenverbände von Industrie, Handwerk, Handel, Landwirtschaft. Gemeinsam wirbt der Verband für die Messe als Marketinginstrument. Der Auma steht für den Messeplatz Deutschland und organisiert Gemeinschaftsstände deutscher Aussteller im Ausland außerhalb der EU, wofür die Bundesregierung pro Jahr 45 Millionen Euro an Fördergeldern zahlt. Das bedeutet für den Auma Lobbyarbeit in Berlin, in Brüssel, in Bundesländern, in den Messestädten. Außerdem gehören Forschung, Weiterbildung, Austausch von Erfahrung und Informationen dazu.

Wer den Auma leitet und repräsentiert, gibt der Messewirtschaft nicht nur ein Gesicht, sondern im Erfolgsfall Gewicht. Deshalb findet der gerade stattfindende doppelte Generationswechsel an der Spitze Beachtung. Der Vorgänger des 45-jährigen Harting, Walter Mennekes, 71, füllte sein Amt sechs Jahre lang aus, galt als jovial und bodenständig. Wesentlich länger leitet Peter Neven, 65, als Geschäftsführer den Auma, nämlich bereits drei Jahrzehnte lang. Auf ihn folgt im nächsten Jahr Jörn Holtmeier, 40, bislang für den Daimler-Konzern in Berlin tätig. Holtmeier hat zwar weniger Erfahrung mit Messen, aber seine Kontakte zu Politik und Institutionen empfehlen ihn für diesen Job.

Der studierte Ingenieur und Diplom-Kaufmann Harting wirkt mit Dreitagebart und markanter Brille modern, verkörpert aber dennoch die Werte des traditionellen Mittelstands. "Wir erwarten eine klare und dauerhafte Positionierung der Bundesregierung pro Freihandel", fordert er an die Adresse der Berliner Politik. Protektionismus helfe niemandem. Die starke gegenseitige Abhängigkeit der Industriestaaten müsse in allen Verhandlungen über Handelsverträge deutlich gemacht werden.

"Ganz konkret geht es mir darum, die Finanzierung des Auslandsmesseprogramms zu sichern, mit dem das Bundeswirtschaftsministerium deutsche Aussteller auf schwierigen Märkten unterstützt", fügt Harting hinzu. Viele Firmen wollten angesichts der Handelskonflikte zusätzliche Märkte erschließen. "Wir könnten die Rolle Deutschlands als Innovationsstandort in Begleitveranstaltungen stärker herausstellen", schlägt er vor. Harting kennt sich aus in neuen Technologien, wurde bereits zwei Mal zum Manager des Jahres gekürt. Als seine Vorbilder nannte er einmal die Chefs von Apple, Microsoft und Tesla, also Steve Jobs, Bill Gates und Elon Musk. "Neue Zeiten bringen neue Herausforderungen mit sich. Wir brauchen für die Weiterentwicklung der Digitalisierung neue Dialogforen zwischen Veranstaltern und Ausstellern, um die Effizienz des Mediums Messe zu verbessern", sagt er heute.

Sein Herz schlägt außerdem für die jungen innovativen Unternehmen. Diese brauchten eine günstige Messeplattform. "Messen können durch Einsatz digitaler Tools effizienter werden", meint er. Messen hätten gegenüber den digitalen Medien den entscheidenden Vorteil, durch persönlichen Dialog und reale Darstellung alle Sinne anzusprechen. Der neue Auma-Vorsitzende will dazu beitragen, dass viele deutsche Messen für die jeweiligen Branchen die internationalen Top-Events bleiben. Schließlich leisteten die Messen einen wesentlichen Beitrag zur deutschen Exportstärke. "Ich freue mich auf diese Aufgabe, denn ich bin von der Zukunft des Mediums Messe zutiefst überzeugt", sagt Harting. Er verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass sein Unternehmen vor allem durch Messen groß wurde und seit 1947 regelmäßiger Aussteller auf der Hannover-Messe und vielen anderen Ausstellungen im Ausland ist.

Das Unternehmen Harting ist Spezialist für Steckverbindungen, hat seinen Sitz im ostwestfälischen Espelkamp und gilt mit einem Jahresumsatz von 760 Millionen Euro und 5000 Mitarbeitern als ein Riese des Mittelstandes. Harting fertigt in vielen Ländern, erwirtschaftet 70 Prozent des Geschäfts im Ausland. Die Kombination von Heimat und Hightech scheint ein Erfolgsrezept für Stabilität und Wachstum zu sein. Gegründet wurde die Firma vom Großvater. Bei Harting sitzen noch Vater, Mutter und Schwester mit in der Unternehmensführung. 2016 wurde die Firma in eine Stiftung umgewandelt, weil es in der vierten Generation acht Kinder gibt und eine Zersplitterung der Anteile vermieden werden soll. Nie Verluste gemacht zu haben, unabhängig von Banken zu sein, gehört zum Credo der Familie. Aber von der Nachfrage aus dem Ausland bleibt man abhängig, wenn der Export die entscheidende Rolle spielt.

Chancen im Mittelstand

Verantwortlich: Peter Fahrenholz

Redaktion: Katharina Wetzel

Illustrationen: Stefan Dimitrov

Anzeigen: Jürgen Maukner

© SZ vom 31.10.2019
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