Messebranche:Einfach beliebt

Die Messeunternehmen freuen sich über ein gutes Jahr. Um für Besucher interessant zu bleiben, setzen sie künftig noch stärker auf digitale Themen.

Von Helga Einecke

Eine Messe kann für den Besucher ein ganz schöner Schlauch sein. Er muss lange Wege in geschlossenen Hallen ohne frische Luft in Kauf nehmen, möglichst viele Gespräche führen und neue Kontakte knüpfen. Nach dem Essen mit Geschäftspartnern geht es für eine kurze Nacht ins Hotelbett, das während der Messezeit meist teurer als sonst angeboten wird. Aber diese Strapazen scheinen sich für immer mehr Geschäftsleute zu lohnen. Denn zehn Millionen Einkäufer reisten in diesem Jahr zu den deutschen Messeplätzen. Jeder vierte davon kam aus dem Ausland, nahm also eine lange Anreise in Kauf, um Kontakte anzubahnen oder gleich Waren und Maschinen zu bestellen.

Die große Zahl der Messebesucher ist einer einmaligen Konstellation und Konzentration von Ausstellungen in Deutschland geschuldet. Auf dem Messegelände in Hannover können so viele Maschinen und Anlagen aufgestellt werden wie sonst nirgendwo. Außerdem wetteifern die Messen in München, Nürnberg, Berlin, Frankfurt, Köln, Düsseldorf und Hannover um die besten Marktplätze. Sie spezialisieren sich von Jahr zu Jahr und stecken viel Geld in den Bau neuer Hallen und neue Technik.

In vielen Bereichen und Branchen werden in Deutschland die führenden Messen veranstaltet. Die Veranstalter profitieren nicht nur von der guten Konjunktur in Deutschland, der Exportlastigkeit der hiesigen Wirtschaft und dem immer schnelleren Takt des globalen Handels. Sie zeigen auch ein geschicktes Talent zum Organisieren neuer Treffpunkte. Außerdem spielt ihnen der Niedergang der südeuropäischen Konkurrenz in die Hände. Zum Beispiel finden die größten italienischen Messen, wenn man die Zahl der Aussteller als Maßstab nimmt, in Deutschland statt.

"2016 wird das beste Jahr für die deutschen Messen", sagt Roland Fleck, Geschäftsführer der Messe Nürnberg. "Wir spielen in der ersten Liga ganz vorn und haben eine vernünftige Mannschaftsleistung abgeliefert", bestätigt Wolfgang Marzin, Chef der Messe Frankfurt. Kein Wunder, mit einem Umsatz von 648 Millionen Euro im Jahr 2015 rangiert Frankfurt an der Spitze der deutschen Messegesellschaften. Die Mannschaft um Marzin macht mehr als ein Drittel des Geschäfts im Ausland, denn wenn eine Leitmesse in Deutschland gut läuft, lässt sie sich häufig in anderen Ländern kopieren. Weil man im Ausland Hallen und Gelände nur mietet, fällt sogar ein deutlich höherer Gewinn ab. Davon leben auch die Messe-Eigentümer, die Stadt Frankfurt und das Land Hessen, gut, nämlich von einer jährlichen Ausschüttung von 13 Millionen Euro. Die Veranstaltungen im Ausland helfen auch, die Schwankungen des Messegeschäfts auszugleichen, die sich durch den Zyklus von zwei oder drei Jahren für große Ausstellungen wie die IAA ergeben.

Nur virtuelle Treffen sind bislang nicht erwünscht

Die Messen in München und Düsseldorf wollen in diesem Jahr jeweils mehr als 400 Millionen Euro umsetzen und damit deutlich aufholen. Die meist im Besitz von Stadt und Land liegenden Messegesellschaften müssen ungeachtet der aktuellen Erfolge weiter auf die Tube drücken und sich dem technischen Wandel stellen. Immerhin hat das Internet bisher nicht dazu geführt, dass die Besucher wegbleiben und alles per Computer erledigen. Eine Entwicklung, wie sie die Warenhäuser mit Amazon erleben, eine Abwanderung der Kundschaft ins Netz, ist den Messen erspart geblieben. Noch scheinen rein virtuelle Treffen zwischen Lieferant und Kunde nicht erwünscht zu sein. Gleichwohl müssen sich die Messegesellschaften etwas einfallen lassen, um ihre Aussteller und ihre Kunden auch zufriedenzustellen. Klar ist, dass Aussteller und Besucher ihre Beteiligungen an den Messen schon heute digital buchen, dass immer mehr Daten über Produkte, Marktentwicklungen, Motive, Entscheidungen gesammelt und ausgewertet werden. "Das Thema hält uns auf Trab", meint Uwe Behm, Geschäftsführer der Messe Frankfurt. Außerdem müssen die Messegesellschaften in ihren Hallen mehr Technik bieten, ob mit 3-D-Simulationen, Datenbrillen oder neuen Modellen für Präsentationen.

Die Digitalisierung - Stichwort Industrie 4.0 - zieht sich durch alle Messethemen. Die Hannover-Messe hat sich auf die digitale Vernetzung der Produktion konzentriert und damit die Erosion der Industrieschau früherer Jahre aufgehalten. Auch die Druckmaschinenmesse Drupa vollzog den Wandel von der analogen Technik zum Digitalen mit Erfolg. Digitale Inhalte tragen neuerdings auch ganze Messen wie die Computerspielmesse Gamescom in Köln oder eine mögliche Drohnenmesse in Nürnberg.

Neben der Digitalisierung findet auch eine Konzentration auf sogenannte Leitmessen statt. Zum Beispiel im Automobilbereich auf die führenden Messen in Frankfurt, Genf, Paris und Detroit. Kleinere Veranstaltungen - im Fachjargon B- und C-Messen genannt - rollen buchstäblich aus den Hallen hinaus. Sie sollen auf Rennstrecken stattfinden. Dort sollen die Autos gefahren und emotional besser vermittelt werden. Bewegung statt Stillstand heißt also das Motto für die deutsche Messewirtschaft, mag sie aktuell auch in hellem Licht erscheinen.

© SZ vom 13.12.2016
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