Messe Frankfurt Die Umwelt im Blick

Der Frankfurter Messechef Wolfgang Marzin sieht Umweltschutz als Standortvorteil an.

(Foto: Pietro Sutera/Messe Frankfurt GmbH)

Wie der Frankfurter Messechef Wolfgang Marzin auf die ökologischen Herausforderungen und Trends reagiert.

Interview von Helga Einecke

SZ: Können Messen mit ihrem enormen Aufwand an Material, Logistik, Verkehr, Energie, Abfall nachhaltig sein?

Wolfgang Marzin: Im Hinblick auf eine CO₂-Reduzierung dürften Messen unschlagbar sein. Anstatt zu vielen einzelnen Treffen rund um den Globus zu reisen, trifft sich die Branche punktgenau und an wenigen Tagen im Jahr. Das spart Zeit und Energie. Außerdem beraten wir und geben praxisbezogene Hinweise zu einer umweltschonenden Messeteilnahme.

Was tut die Messe Frankfurt konkret, um Aussteller und Besucher auf Bahn und Busse umzuleiten?

Wir verfügen mit einer S-Bahn-Station sowie dem U-Bahn- und Straßenbahnanschluss über ein umweltschonendes Verkehrssystem. Dazu kommt die direkte Nähe zum Hauptbahnhof. Wir haben ein Kombiticket eingeführt, unsere Gäste nutzen also ihre Eintrittskarte gleichzeitig als Ticket für den Nahverkehr.

Doch bei jeder Messe entsteht ein Müllberg.

Die Quote der Wiederverwertung für den Abfall liegt bei bis zu 90 Prozent. So wird beispielsweise Papier als Rohstoff für die Papierproduktion eingesetzt, Holz teilweise zur Herstellung neuer Spanplatten und als Brennmaterial im Biokraftwerk. Kunststoffe werden nach Sorten getrennt zu Granulat verarbeitet und ebenfalls zur Produktion eingesetzt. Wir arbeiten mit der Meinhardt-Städtereinigung zusammen, die Konzepte für Kreislaufwirtschaft und Entsorgung bietet, zertifiziert ist und vom Regierungspräsidium in Darmstadt kontrolliert wird.

Wie sparen Sie Energie?

Effiziente Technologien bis hin zur Vermeidung unnötiger Verbräuche sind Teil unseres Energiemanagements genauso wie die Sensibilisierung jedes einzelnen Mitarbeiters. Die Umstellung der Beleuchtung in der Halle 03 auf LED hat zum Beispiel innerhalb eines Jahres eine Verbrauchsreduktion von rund 60 Prozent ergeben. Die Herausforderung bleibt der bedarfsgerechte Einsatz aller Einrichtungen und dessen ständige Überwachung auf ihre Effizienz, um bei Abweichungen zeitnah korrigieren zu können. Wir haben ein Energieteam ins Leben gerufen. Der dort erarbeitete Aktionsplan soll bis 2020 zehn Prozent des Energieverbrauchs des Messegeländes, der Hallen und Bürogebäude einsparen.

Vermeiden Sie bei der Verpflegung Pappbecher, Plastikteller und Strohhalme?

Bei unserer Tochtergesellschaft Accente Gastronomie Service beginnt umweltverträgliches Wirtschaften bereits beim Einkauf der Waren. An allen fest installierten gastronomischen Betriebsstellen werden zum großen Teil Porzellan, Geschirr und Glas verwendet. Lediglich an Stellen, wo das Spülen aus hygienerechtlichen Gründen nicht möglich ist, wird auf Einwegmaterialien zurückgegriffen. Dafür werden hauptsächlich Materialien aus Polyactid- Technik verwendet. Diese werden aus stärkehaltigen Pflanzen gewonnen und sind biologisch abbaubar. Außerdem können unsere Kunden Mehrweg-to-go-Becher kaufen.

Die Stände der Aussteller werden oft für jede Messe neu aufgebaut, hergerichtet und individuell gestaltet. Bemerken Sie einen Trend zu nachhaltigen Systemen?

Die Nachfrage nach nachhaltigen Systemständen hat zugenommen. Gefragt sind wegen der langen Lebensdauer der Materialien modulare Systemstände, die besonders nachhaltig sind. Hier bieten wir unseren Kunden Pakete an. Auch individuelle Anfertigungen kommen mehrfach zum Einsatz. Diese können auf Wunsch unserer Kunden eingelagert werden. Viele unserer Kunden mieten ihre Standbaumaterialien vor Ort über die lokalen Messebauer. Das spart CO₂.

Ist Nachhaltigkeit bei Ihren Messen in Frankfurt auch ein wichtiges Thema?

Nachhaltigkeit ist auf jeder unserer Veranstaltungen und quer durch unsere Branchenfelder ein Leitthema. Innovationen sind ohne Nachhaltigkeit nicht denkbar.

Haben Sie Beispiele?

Das Thema spielt mit Schwerpunkten wie Recycling, nachhaltige Mobilität, Wasserwirtschaft, Abfallversorgung, Energieeffizienz und Ökotextilien überall eine Rolle. Die ISH ist beispielsweise eine Plattform, auf der Lösungen für politisch-wirtschaftliche Themen, gerade vor dem Hintergrund der ambitionierten weltweiten Klimaziele gezeigt werden. Wenn es um intelligente und marktreife Lösungen in Wohn- und Bürogebäuden geht, kommt der Light + Building, Leitmesse für Licht und Gebäudetechnik, eine besondere Rolle zu. LED-Technologie, Photovoltaik, Elektromobilität bis hin zur intelligenten Stromnutzung gehören zur Veranstaltung. Wir haben das Messeduo Greenshowroom und Ethical Fashion Show im textilen Portfolio.

Künftig sollen die ökologischen Modemessen Neonyt heißen.

Neonyt wird im kommenden Jahr zu einem globalen Hub für Mode, Nachhaltigkeit und Innovation. Dieses erfolgreiche Format werden wir internationalisieren. Unser Netzwerk Texpertise Network mit über 50 Messen profitiert ebenfalls vom Know-how-Transfer und der Bedeutung der Nachhaltigkeit für die gesamte Textil- und Modeindustrie.

Können Sie mit Nachhaltigkeit auch Geld verdienen?

Nachhaltigkeit ist nicht nur ein wirtschaftlich relevantes Attribut, sondern entwickelt sich auch für uns als Messeunternehmen zunehmend zum Standortvorteil, da viele unserer Gastveranstalter Wert auf ein nachhaltiges Messemanagement legen. Ressourcenschonendes Wirtschaften spart dem Unternehmen per se Geld, etwa durch geringeren Verbrauch von Trinkwasser und Energie oder die Aufbereitung von Abwasser.

Sie betreiben viele Messen im Ausland. Wie halten Sie es da mit der Nachhaltigkeit?

Die Messe Frankfurt betreibt eine konsequente Marken- und Globalisierungsstrategie. Insofern sind alle Veranstaltungen mit einheitlicher Struktur weltweit unterwegs und den lokalen Bedingungen angepasst. Da wir im Ausland Messegelände anmieten, können wir nur bedingt auf die Nachhaltigkeit dortiger Betreiber einwirken.