Agile One muss warten. Der Kanzler verspätet sich. Also wartet der humanoide Roboter geduldig. Irgendwann erreicht Friedrich Merz dann doch noch den Messestand in Halle 27. Agile One dreht sich und winkt mit seinen sehr großen Händen, auf die sie bei dem 2018 gegründeten Münchner Start-up Agile Robots besonders stolz sind: fünf Finger, 21 Gelenke, taktile Sensoren, fast menschlich. Mitgründer Zhaopeng Chen hat sie entwickelt, als er noch am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gearbeitet hat.
Eigentlich sollte Brasiliens Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva auch beim Messerundgang dabei sein, so wie jedes Jahr üblich für das Partnerland. Aber die Wege der beiden Politiker haben sich schon bald nach dem Start in der Halle 12, in der sich Brasilien präsentiert, überraschend getrennt. Lula hat, wie schon bei der Eröffnungsfeier am Sonntag, seinem Unmut Luft gemacht: „Wir sind es leid, als Dritte-Welt-Land gesehen zu werden, so als ob wir unsichtbar sind.“ Brasilien sei ein großes Land, das auf demokratische Werte und multilaterale Beziehungen Wert lege. Und in Brasilien herrsche Frieden. Dann machte, anders als üblich, jeder seinen eigenen Rundgang.
Merz geht also allein mit seinem Tross zu Forschungsinstituten und Familienunternehmen, natürlich auch zu Siemens, der Konzern ist quasi unverzichtbar für den Kanzlerrundgang. So wie er unverzichtbar für Deutschland ist, als Unternehmen, das die Fabriken ausstattet. „Wir verbinden die reale mit der digitalen Welt“, sagt Vorstandschef Roland Busch. Auch bei Siemens waren sie auf den Gast aus Brasilien vorbereitet. Ein bisschen enttäuscht wirken sie schon darüber, dass Lula da Silva nicht gekommen ist. Vor Busch und seinem Kollegen Cedrik Neike steht eine kleine weiße Nachbildung der Christusstatue von Rio de Janeiro. Busch platziert die Statue auf einem Display. Sie wollen jetzt simulieren, dass die Statue auch Wind der Stärke 9 aushält. Tut sie natürlich. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche darf einen kleinen weißen Roboterarm auf das Display stellen, und dann läuft ein Video, wie Siemens Robotik in seinen eigenen Fabriken vorantreibt. Reiche sagt nichts.

Seit 1947 gibt es die Hannover-Messe bereits, sie ist die weltweit größte Industrieschau. In diesem Jahr werden mehr als 100 000 Besucherinnen und Besucher erwartet, die sich mehr als 3000 Aussteller aus der ganzen Welt anschauen können. Und unter den Ausstellern befindet sich in diesem Jahr eben auch Agile Robots, die letzte Station von Merz auf seinem Rundgang. Wer in diesen Zeiten Stärke demonstrieren will, zeigt sich mit Humanoiden. Um nichts anderes geht es ja in Hannover, zu zeigen, wir sind wer in der Welt, wir können was, und zwar besser als die Konkurrenz.
Die menschenähnlichen Maschinen sind so etwas wie der Indikator der Modernität und Zukunftsfähigkeit eines Landes geworden. Agile One ist ein Arbeiter, er soll in die Fabrik. Das passt ganz gut in die Industriegeschichte der Bundesrepublik. Arbeiter aus Fleisch und Blut, die in den Fabriken schufteten, haben Wohlstand geschaffen. Und bald bekommen sie Kollegen mit einer Hülle aus Kunststoffen und Metalllegierungen, vollgestopft mit Elektronik.
Das, was Friedrich Merz vor einigen Wochen auf seinem China-Trip beim Roboter-Hersteller Unitree zu sehen bekam, war da schon martialischer, eine Kampfansage. Eine Schar Humanoider demonstrierte Kung-Fu, zwei lieferten sich einen Boxkampf. „Was China kann, kann Deutschland auch“, sagt Merz in Hannover.
„Wir sind als Standort nicht mehr wettbewerbsfähig“, sagt der BDI-Präsident
Während der Kanzler an diesem Montagmorgen durch die Hallen tourt, schildern Industrieverbände im sogenannten Convention Center ihre Leiden. Der Frust über die Bundesregierung wächst. Der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) senkte am Montag angesichts des schwachen Jahresstarts seine Prognose für Deutschland. Er rechne nicht mehr mit einer Erholung. Die Industrieproduktion werde „bestenfalls stagnieren“, erwartet der BDI. Angesichts des Iran-Kriegs sieht er sogar Risiken für einen erneuten Rückgang der Produktion im verarbeitenden Gewerbe.
Ein Politikwechsel sei überfällig, denn der industrielle Kern Europas stehe auf dem Spiel, sagt BDI-Präsident Peter Leibinger. Die geopolitische Lage habe sich noch weiter verschärft. Das würde die deutsche Industrie zu einem empfindlichen Zeitpunkt treffen – nämlich da, wo sie sowieso schon schwächelt. „Alle um uns herum wachsen, wir aber fallen weiter zurück“, sagt er. „Wir sind als Standort nicht mehr wettbewerbsfähig.“ Und obwohl es natürlich schwierige Zeiten seien, seien viele Probleme hierzulande hausgemacht.
Scharf kritisiert Leibinger bei seiner Rede die Bundesregierung und auch Kanzler Merz, der ja immerhin an diesem Morgen nicht weit von ihm die Messe besichtigt. Es herrsche eine „groteske Überregulierung“, so Leibinger. Ein Gesamtentwurf für Reformen existiere nicht, man wirke weitestgehend hilflos. Bisherige Versuche, den Staat zu verschlanken, seien „enttäuschend“ und „mutlos“. Er sagt dann: „Man kann aus denselben Regeln ein Gefängnis bauen oder einen funktionierenden Staat. Die Bundesregierung macht Ersteres.“
Ähnlich harsch fällt auch Bertram Kawlaths Fazit aus. Er ist der Präsident vom VDMA, dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau. Zumindest kurz sei er in der Versuchung gewesen, an diesem Montagmorgen die gleiche Rede wie im vergangenen Jahr zu halten. Wäre vielleicht keinem aufgefallen. Kawlath will damit sagen: Eigentlich hat sich seit der letzten Hannover-Messe nichts getan. Die Probleme sind die gleichen, Deutschland tritt auf der Stelle. Oder, in Kawlaths Worten: „Die Grenzen der Leidensfähigkeit sind erreicht.“
Wenn die Bundesregierung nicht umsteuere, würden langfristige Schäden sichtbar werden. Von immer mehr Mitgliedsfirmen sei zu hören, dass sie zwar am Standort Deutschland festhalten wollten. Doch neue Investitionen fänden in anderen Ländern mit besseren Bedingungen statt. Das habe immense Folgen, manche seien noch gar nicht absehbar. „Jede Maschine, die nicht in Deutschland investiert wird, fehlt hier in den nächsten zehn Jahren“, sagt Kawlath. Immerhin: Der VDMA hält an seiner Prognose fest, er rechnet 2026 mit einem Produktionsplus von einem Prozent. Aber der Wind habe sich im ersten Quartal gedreht. Die Risiken des Iran-Kriegs, US-Zölle, dauerhaft erhöhte Energiepreise, eine höhere Inflation und Störungen in den Lieferketten heizten die Unsicherheit an.
Ein Besuch des Kanzlers oder der Kanzlerin gehört in Hannover fest zum Programm. Die Partnerländer sind stets wohl gewählt, es sind Staaten und – das ist für das Gastland und den Gast wichtig – große Märkte. Es kommen Demokraten und Autokraten. Aus Freunden werden manchmal Feinde oder weniger gute Freunde. Mit den Jahren entwickelte oder entpuppte sich manche, in Hannover einst als Partnerschaft gefeierte wirtschaftliche Beziehung als ungleichgewichtige Abhängigkeit. Manche Aufnahmen dürften dem ein oder anderen Beteiligten heute eher unangenehm sein. Mit Ausnahme der Corona-Jahre 2020 und 2021 waren sie seit der Jahrtausendwende immer vor Ort – zur Eröffnung am Sonntagabend und dann am nächsten Tag beim Rundgang über das Messegelände.
2016 war die damalige Kanzlerin Angela Merkel mit Barack Obama unterwegs. In jenem Jahr waren die USA das Partnerland, das Verhältnis zwischen den beiden Ländern damals noch nicht, gelinde gesagt, zerrüttet. Am Messestand des Stuttgarter Kabelherstellers Lapp wollte der US-Präsident im Basketball gegen einen Roboterarm antreten – blöd nur, dass es keine Bälle gab. Die Sicherheitsleute hatten alles verboten, was fliegt. Für Familienunternehmen wie Lapp liefert so ein Besuch Bilder für die Ewigkeit. „Obama die Hand zu schütteln und kurz mit ihm zu sprechen, war ein toller Moment“, erinnert sich Firmenchef Matthias Lapp. Die Route des Kanzlers und seines Trosses ist in diesem Jahr ebenfalls detailliert geplant. Lapp ist diesmal nicht dabei.
Manches Partnerland der Hannover-Messe entpuppte sich als ungleichgewichtige Abhängigkeit
Russland war gleich zweimal binnen weniger Jahre Partnerland. Gerhard Schröder, damals Bundeskanzler, begrüßt im Jahr 2005 Wladimir Putin schon am Flughafen Hannover-Langenhagen. Sie wirken wie gute Kumpel. Wie gut sie sich verstehen, wird in den Jahren danach immer deutlicher. 2012 ist Angela Merkel mit dem damaligen chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao unterwegs. Am Stand des Harbin Institute of Technology drückt sie eine Roboterhand. Mittlerweile steht die Firma auf der Exportkontrollliste der USA, weil sie versucht hat, so die Begründung, US-Technologie für das Raketenprogramm der Volksarmee zu nutzen.
2013, knapp ein Jahr vor der Annexion der Krim, ist Putin wieder da und Merkel geht mit ihm durch die Hallen, auch zum Stand von VW, wo der damalige Vorstandschef Martin Winterkorn wartet. Dort stürmen Aktivistinnen auf Putin zu. Auf ihren nackten Oberkörpern stehen Parolen wie „Fuck Dictator“ und „Verpiss Dich Putin“.

Die USA und China sind in diesem Jahr nicht Partnerland, Russland schon gar nicht, aber irgendwie sind alle immer präsent. Die Europäer stehen unter Druck wegen der wachsenden Konkurrenz aus und der Abhängigkeit von China und der protektionistischen Handelspolitik der USA. Der Iran-Krieg mit der Blockade der Straße von Hormus zeigt wieder einmal, wie labil die globalen Lieferketten sind. Die Europäer brauchen dringend neue Absatzmärkte.
Friedrich Merz bleibt am Montag an keinem Messestand wirklich lange, auch nicht bei dem Münchner Start-up Agile Robots. So ein Rundgang ist durchgetaktet. Merz wechselt noch ein paar Worte mit Firmengründer Chen, die Mikrofone sind da längst abgeschaltet. Und dann ist der Kanzler auch schon weg. Und Agile One winkt.


