Autoindustrie:Mercedes bekommt als erster Hersteller Zulassung für autonomes Fahren

Lesezeit: 2 min

The new EQS from Mercedes-EQ: Press Test Drive, Switzerland 2021

Hände weg vom Steuer: Im Mercedes EQS und der S-Klasse kann der Fahrer im zäh fließenden Autobahnverkehr bald der Technik alleine das Fahren überlassen.

(Foto: Mercedes-Benz AG /Mercedes-Benz AG)

Schon vor Jahren wurden Systeme angekündigt, bei denen der Fahrer die Hände vom Steuer nehmen darf. Jetzt kann man so ein Auto tatsächlich kaufen - und zwar nicht bei Tesla.

Von Christina Kunkel

Man merkte Mercedes-Entwicklungsvorstand Markus Schäfer die Genugtuung ein bisschen an, als er am Donnerstagvormittag in einem Video-Call verkündete: Als erster Hersteller darf Mercedes-Benz Autos verkaufen, bei denen der Fahrer in bestimmten Situationen die Hände vom Steuer nehmen und sich anderen Aufgaben widmen kann. Die Genehmigung dafür hat das Kraftfahrtbundesamt erteilt. Vorausgegangen war ein monatelanger Zertifizierungsprozess, zwischendurch gab es Gerüchte, der Zeitplan von Mercedes sei vielleicht doch etwas ambitioniert gewesen. Die Mühlen der Bürokratie mahlen eben doch langsam, zumal es bislang kein derartiges System gab.

Bei kaum einem Technik-Thema gab es wohl so viele Ankündigungen, aus denen am Ende nichts wurde, wie beim autonomen Fahren. Die größten Versprechen kommen traditionell von Tesla-Chef Elon Musk, der bei jeder Gelegenheit betont, seine Elektrofahrzeuge hätten eigentlich schon alles an Bord, um komplett ohne menschliches Zutun auf der Straße unterwegs sein zu können. Doch zugelassen als Autopilot, der nicht nur so heißt, sondern bei dem der Fahrer auch wirklich die Verantwortung an die Technik übergeben darf, hat Teslas System bislang keine einzige offizielle Stelle.

Die Fahrer können Filme schauen, anstatt sich über zäh fließenden Verkehr zu ärgern

Und auch das, was Mercedes-Entwicklungschef Schäfer als "Mondlandung" bezeichnet, ist noch weit von einem echten Robotaxi entfernt. Dennoch haben die Schwaben mit ihrem Drive Pilot jetzt ein Alleinstellungsmerkmal. Das funktioniert so: Ab Anfang kommenden Jahres können Kunden in der Mercedes S-Klasse dieses zusätzliche Feature bestellen. Im elektrischen Pendant, dem EQS, soll es etwa zwei bis drei Monate später verfügbar sein. Die Zulassung gilt bereits für beide Modelle. Damit können Fahrer auf Autobahnen in Deutschland bis 60 Kilometer pro Stunde im wahrsten Sinne des Wortes das Lenkrad aus der Hand geben. Das System zeigt an, wann es verfügbar ist. Ist es aktiv, darf der Fahrer Mails schreiben, Filme schauen oder Spiele spielen. Falls das Auto in dieser Zeit einen Unfall verursacht, haftet nicht mehr der Mensch, sondern der Hersteller. Die Assistenzsysteme aller anderen Autobauer sind dagegen noch so ausgelegt, dass der Mensch immer in voller Verantwortung bleibt. Schlafen oder den Platz verlassen darf man aber auch im Mercedes nicht. Beobachtet von Kameras würde die Technik sofort Alarm schlagen - schließlich muss der Fahrer das Steuer auch wieder übernehmen können.

Preise für den Drive Pilot nennt Mercedes noch nicht, aber vermutlich dürften die zusätzlichen Sensoren und die dazugehörige Software als Sonderausstattung im hohen vierstelligen Bereich liegen. "Wir haben gesehen, dass die Preisbereitschaft der Kunden im Technikbereich sehr groß ist", sagt Markus Schäfer. Bestes Beispiel dafür ist der riesige Bildschirm im EQS, der 8500 Euro Aufpreis kostet, den aber trotzdem mehr als jeder zweite Kunde ordert.

Bislang darf man nur in Deutschland mit dem Mercedes-System fahren. Das liegt daran, dass jedes Land seine eigenen Regeln hat, nach denen Technik zum autonomen Fahren zugelassen wird. Mercedes plant laut Markus Schäfer, als nächstes in den USA und China Autos den Drive Pilot auf den Markt zu bringen. Die Entwicklung dazu laufe bereits.

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