Menschenrechte Drei, die etwas verändern

Talk am Abend: Zum Abschluss des ersten Kongresstages plauderte Plan-W-Redaktionsleiterin Kathrin Werner mit dem Menschenrechtsaktivisten Rüdiger Nehberg, mit der Gag-Schreiberin und Publizistin Samira El-Ouassil und mit der Sportjournalistin Jessica Libbertz (von links).

(Foto: Stephan Rumpf)

Beim Talk-Abend geht es um den weltweiten Kampf gegen Unrecht und Scham - etwa bei Verstümmelung.

Von Felicitas Wilke, Berlin

"Niemand ist zu gering, etwas zu verändern, wenn man Ideen und Durchhaltevermögen hat", sagt Rüdiger Nehberg. Der 84-Jährige, der seit 60 Jahren als Abenteurer durch die Welt reist, wurde bei seinen Expeditionen auf die weibliche Genitalverstümmelung aufmerksam - eine Erfahrung, die ihn zum Aktivisten machte, an der Seite seiner Frau Annette und "mit dem Islam als Partner", wie er sagt. Der gelernte Konditor schaffte es, führende islamische Rechtsgelehrte davon zu überzeugen, die Verstümmelung von Mädchen zu verbieten. Seine Hartnäckigkeit zahlte sich aus. Er will sie sich erhalten, bis kein Mädchen mehr zum Opfer wird.

Beim Talk-Abend auf dem Plan-W-Kongress trafen Rüdiger Nehberg, Samira El Ouassil und Jessica Libbertz aufeinander: drei Menschen, die alle über ihren erlernten oder ausgeübten Beruf hinausdenken und auf Probleme aufmerksam machen.

Plan W-Kongress

Der erste Plan W-Kongress fand am 5. und 6. Juni 2019 in Berlin statt. Frauen und Männer aus der Wirtschaft diskutierten die Themen Digitalisierung, Gerechtigkeit, Künstliche Intelligenz und New Work. Alle Artikel zum Thema finden Sie hier.

El Ouassil war als Studentin mal Kanzlerkandidatin der Satirepartei "Die Partei", schreibt professionell Gags und arbeitet als Medienkritikerin. Doch kommt sie mit Menschen ins Gespräch, wird die Münchnerin oft nicht nur zu ihrem Job befragt. Als Tochter einer US-Amerikanerin und eines Marokkaners erkundigen sich andere bei ihr auch danach, wo sie denn "eigentlich" herkomme. "Ich verstehe den Prozess dahinter, aber es bereitet mir trotzdem Unbehagen", sagt El Ouassil. Noch kurioser wird es, wenn sie "als Außenstelle für den arabischen Raum" gefragt werde, "was denn da gerade in der Türkei oder im Iran so los ist". Was sich El Ouassil wünscht? Dass auch Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland unsichtbar sein dürfen, wenn sie das möchten.

Die Zeiten, in denen Jessica Libbertz und andere Sportjournalistinnen auf ihr Aussehen und Geschlecht reduziert wurden, sind erfreulicherweise vorbei. So souverän und kritisch wie die 44-Jährige bei Sky durch die Fußball-Bundesliga führt, kommt man als Zuschauerin nicht auf die Idee, dass sich Libbertz dafür schämt, ihre eigenen Videos anzugucken. Und nicht nur dafür: Bei einer Ayurveda-Kur in Indien ("Ein Klischee, ich weiß"), sei ihr klar geworden, dass sie sich täglich schäme, "für Worte, für Taten, für drei Kilo mehr". Sie beschloss, gegen das Gefühl anzukämpfen, "das jeder kennt, aber mit dem sich niemand beschäftigen will", wie Libbertz sagt. Sie ist überzeugt, dass alle Menschen lernen sollten, sich weniger zu schämen. "Der Erfolg von Teams hängt davon ab, angstfrei Dinge ausprobieren zu können." Ihr Kniff: In dem Moment, in dem sich Scham einzunisten droht, denkt sie an etwas, das sie dankbar macht. So stelle sich innerer Frieden ein. Klingt esoterisch? Funktioniert aber, sagt Libbertz - und sei wissenschaftlich erprobt. "Es fällt so leichter, die Scham zu vergessen."

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