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Menschen mit Behinderung:Blindengerechte Geldautomaten lohnen sich für viele Institute nicht

Doch es gibt auch Städte, in denen Blinde leichter an Geld kommen: In Berlin und Frankfurt sind etwa die Hälfte der Sparkassen-Automaten blindengerecht, bei der Sparkasse Köln-Bonn sind es gar mehr als 80 Prozent.

Natürlich können Blinde theoretisch am Schalter in einer Filiale Geld abheben. Doch viele Berufstätige sitzen im Büro, wenn die Bank geöffnet hat - wie Cordes. "Unter der Woche schaffe ich es fast nie zum Schalter", sagt der gelernte Informatikkaufmann. Noch schwerer haben es Blinde auf dem Land, wo immer mehr Filialen geschlossen oder zusammengelegt werden. Gerade hier sind sie also auf sprechende Geldautomaten angewiesen. Nachfragen bei Banken deuten jedoch an, dass es für Blinde und Sehbehinderte in ländlichen Gebieten wenig Hilfe gibt. Die Mittelbrandenburgische Sparkasse zum Beispiel unterhält 220 Geldautomaten, von denen nur zehn Prozent mit Kopfhörerbuchse ausgestattet sind; im Odenwaldkreis hat die Sparkasse lediglich vier.

Welche Geldautomaten aufgestellt werden, sei "eine geschäftspolitische Entscheidung einer jeden Bank oder Sparkasse", sagt eine Sprecherin der deutschen Kreditwirtschaft. Bedeutet: Ein blindengerechter Geldautomat lohnt sich für viele Institute nicht - angesichts von geschätzt 1,2 Millionen Sehbehinderten in Deutschland, von denen viele, wenn sie nicht ganz blind sind, auch reguläre Automaten nutzen können.

Immer mehr Geräte funktionieren ohne Tasten: Wasch- und Spülmaschinen zum Beispiel

Probleme bereiten den Blinden aber nun jene Automaten, die nur mit Touchscreens funktionieren, die also keine Tasten haben. Nicht nur beim Geldabheben. Auch Fahrkartenautomaten oder Haushaltsgeräte wie Wasch- und Spülmaschinen lassen sich oft nur noch über berührungsempfindliche Bildschirme steuern. "Bei Touchscreens sind wir aufgeschmissen", sagt Melanie Egerer vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund.

Wenn Cordes Geld abgehoben hat, folgt die nächste Herausforderung: Er muss die Scheine voneinander unterscheiden, um sie im Portemonnaie richtig einzusortieren. Cordes nimmt jeden Schein einzeln in die Hand, knickt ihn, streicht ihn glatt, befühlt die Ränder. Die Zehner und Fünfer erkennt er sofort, einen Zwanziger ordnet er jedoch als Zehner ein.

Als Anfang April der neue 50-Euro-Schein in Umlauf kam, wird das den meisten Menschen kaum aufgefallen sein. Äußerlich unterscheidet sich der neue Schein kaum von seinem Vorgänger. Für Blinde hingegen schon, er ist leichter zu erkennen: Er hat geriffelte Erhebungen an den Rändern der Vorderseite. Auch die neuen Zwanziger- und Zehnerscheine haben einen fühlbaren Streifen, allerdings nicht durchgängig wie auf dem Fünfziger, sondern mit glatten Unterbrechungen: Zwei glatte Stellen bedeuten 20, eine glatte Stelle zehn Euro. Die Europäische Blindenunion hatte sich dafür eingesetzt.

Auch die alten Euro-Scheine haben eine Erhebung. Sie nutzt sich aber ab. Bleibt abzuwarten, ob die Markierungen der neuen Scheine haltbarer sind. Cordes kommt mit den Scheinen gut zurecht, er verwechselt sie selten. Ihm hilft auch, dass sie unterschiedlich groß sind. Das ist nicht überall so: Dollar-Noten sind alle gleich groß. Leichter ist es mit den Münzen. Dem Obdachlosen gibt Cordes trotzdem keine. Ob dieser hilfsbedürftig ist, kann er schließlich nicht sehen.

© SZ vom 31.05.2017/vit

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