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#MeineMiete:Mutter und Sohn schlafen in einem Doppelbett

Selbst eine kleinere Wohnung wäre in Neukölln allerdings inzwischen zu teuer für sie, teurer vermutlich, als die große, in der sie wohnt. Also knapst sie lieber die 160 Euro Miete, die das Amt nicht übernimmt, anderswo ab. Sie vermietet das vordere der beiden Zimmer ab und zu unter, gerade steht dort ihre Behandlungsliege. Das hintere Zimmer teilt sie sich mit ihrem Sohn, auch das Doppelbett. "Vorne raus ist es uns nachts eh zu laut", sagt sie. Reinhard ist ein typischer Berliner Freigeist: Macht, was sie will, braucht nicht viel. Morgens im Kiez spazieren gehen, mal mit dem Hund raus an den See fahren und im Bauwagen schlafen, so entspannt sie sich.

Neukölln war für Svenja Reinhard in den vergangenen Jahren ein Ort, an dem auch Leute, die keinen Wert auf ein Rama-Familienleben und ein blank geputztes Auto legen, einen Platz und Gleichgesinnte finden. Und heute? "Sicher ist es für mich schwer, dass ein Kaffee auf einmal nicht mehr einen Euro, sondern 3,50 kostet", sagt sie. Sie nerven auch die vielen Sauftouristen, die durch Neukölln ziehen. Wenn sie morgens mit ihrem Hund rausgeht, dann sammelt sie die zerbrochenen Flaschen auf, damit er sich nicht die Pfoten verletzt. Sie mag aber die vielen jungen Leute, die seit einigen Jahren das Hinterhaus bevölkern, die vielen Sprachen, die sie hört.

Über allem schwebt allerdings die Frage: Wie viele Mieterhöhungen steht sie noch durch? Seitdem sie die letzte Mieterhöhung mit Hinweis auf die vielen Mängel der Wohnung abgewehrt hatte, hat sie nichts mehr vom Vermieter gehört. Die Mängel sind immer noch da. "Ich hoffe, dass jetzt keine Erhöhung mehr kommt", sagt sie. Eigentlich, fügt sie hinzu, sei sie zufrieden mit ihrem Vermieter. Der genehmigt immer anstandslos ihre Untervermietungen, hat auch nach Linus' Vater nie wieder gefragt. Es ist eine Art von Frieden. Währenddessen verändert sich das Haus um sie herum.

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Im ersten Stock gab's vor fünf Jahren richtig Ärger, erzählt Charlotte Scheer auf der Tour durchs Haus. Dort lebten zwei Familien und zwischen ihnen ein alter Mann in einer Zweizimmerwohnung. Als der alte Mann starb, wollten die beiden Familien je ein Zimmer zu ihrer Wohnung dazubekommen, damit jedes Kind sein eigenes Zimmer hat. "Das Haus ist so gebaut, dass es atmen kann", sagt Scheer. In den meisten Wohnungen sind Durchbrüche in den Wänden, die die Bewohner mal öffnen, mal zumauern, seit Jahrzehnten gehe das so. Wie eine Ziehharmonika passen sich die Wohnungen den Bedürfnissen der Bewohner an.

Im ersten Stock aber brach der Vermieter die Ziehharmonika-Tradition. Er renovierte das Apartment zwischen den Familienwohnungen lieber, als die Zimmer den Nachbarn zuzuschlagen. Danach stand es für 12,90 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter im Internet. Eine junge Frau aus Bayern zog ein. "Bianca war die Münchner Immobilienpreise gewohnt und fand das günstig", sagt Scheer. Was dann passierte, ist ihr heute unangenehm. "Wir waren alle sauer und haben sie monatelang geschnitten."

Fast 300 Euro mehr als der Vormieter

Irgendwann sprach Scheer sie doch an, erzählte, warum keiner mit ihr redete. Bianca verstand das. "Sie ist eine wirklich nette Person", sagt Scheer. Eine nette Person, die eben auch irgendwo leben will und muss. Inzwischen hat die Hausgemeinschaft die junge Frau aus Bayern akzeptiert. Die beiden Elternpaare in Biancas Nachbarwohnungen, die eigentlich gern ihr kleines Apartment unter sich aufgeteilt hätten, haben ihre Schlafzimmer den Kindern überlassen und schlafen selbst im Wohnzimmer. Hauptsache, sie können im Haus bleiben.

Im dritten Stock wollten es die Bewohner dann besser machen als mit Bianca. Vor zweieinhalb Jahren wurde auch dort eine Wohnung frei. Auch für diese Wohnung, fünf Zimmer, 130 Quadratmeter, hatten sich zuerst Familien aus dem Haus interessiert, auch sie bekamen eine Absage. Stattdessen zogen Katharina und Johannes Hermann mit ihren beiden Söhnen ein. Warum sie den Vorzug vor den Familien aus dem Haus bekamen, wurde schnell klar: 1500 Euro kalt sollten sie zahlen, fast 300 Euro mehr als die Vormieter und viel mehr als der Neuköllner Mietspiegel erlaubt. Ein Verstoß gegen die Mietpreisbremse. Die Nachbarn waren aber diesmal nicht sauer auf die Hermanns, sondern erzählten der Familie, was Sache war.

"Die Wohnung war nicht renoviert, und wir haben uns schon bei der Besichtigung gedacht, dass die Miete gegen die Mietpreisbremse verstoßen könnte", sagt Katharina Hermann. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer, vor sich eine Tasse Tee, in den Ecken stapeln sich Kartons mit Spielzeug. Sie entschuldigt sich: "Wir bauen gerade die Kinderzimmer um." Die Wohnung bietet einen schönen Blick auf den Park, sie ist sichtlich nach dem alten Ziehharmonika-Prinzip entstanden, mitten im Wohnzimmer wechseln Farbe und Struktur des Parketts, wo früher eine Wand zu einem kleinen Apartment war.

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Hermann lebt seit zehn Jahren in Neukölln, sie kennt die Nachbarschaft und die Preise, ihre rasante Entwicklung und die Probleme, die dadurch entstehen. Erst wohnte sie in einer WG mit einer Freundin, 200 Euro hat sie dafür bezahlt. Dann zog sie mit ihrem jetzigen Mann in eine Dreizimmer-wohnung. Bald waren sie zu dritt, dann zu viert. Die Wohnung wurde zu klein, sie wollten aber unbedingt in Neukölln bleiben. Die Kita der Kinder ist hier, alle ihre Freunde wohnen in der Gegend.

"Wir hatten Glück", sagt Hermann. Angekommen in ihrer neuen Wohnung waren sie sich erst einmal unsicher, ob sie klagen sollen. Stress, mit dem Vermieter, gleich zu Beginn? Wer will das schon. Viele Vermieter bauen darauf, dass Menschen wie die Hermanns eine Klage scheuen, lieber stillschweigend eine höhere Miete zahlen. Das gilt als einer der Hauptgründe dafür, warum die Mietpreisbremse wenig wirkt.

Doch als die Hermanns erfuhren, dass zu ihren Gunsten Familien aus dem Haus abgewiesen wurden, stand ihr Entschluss fest. "Dieses Spiel wollten wir nicht mitspielen", sagt Katharina Hermann. Sie gingen zum Mieterverein, der setzte einen Brief auf. Der Vermieter senkte anstandslos die Miete. Nun zahlen die Hermanns ungefähr zehn Euro kalt pro Quadratmeter. Also endlich mal ein Fall, in dem die Mietpreisbremse funktioniert? Ja. Doch es gibt ein Aber. "Ich glaube, wenn wir uns die Wohnung nicht auch zum höheren Preis hätten leisten können, dann wären wir nicht eingezogen", sagt Hermann. Sie ist leitende Angestellte, ihr Mann Beamter im öffentlichen Dienst.

Schimmel, Wasserschäden - und Mieterhöhungen

Ihr Beispiel zeigt: Gentrifizierung ist nicht immer etwas, das von außen wie ein Ufo in einem Stadtteil landet, die Fronten verlaufen nicht immer so eindeutig, wie es auf den ersten Blick scheint. Katharina Hermanns Gehalt stieg mit den Mietpreisen, sie ist mit der Gentrifizierung mitgewachsen. Der Kiez verändert sich durch Leute wie sie auch von innen heraus: "Veränderung ist ja nicht nur schlecht." Sie erzählt von Kita-Eltern, die Eisdielen und Cafés eröffnen, einfach, weil sie eine Eisdiele oder ein Café in ihrem Kiez vermissen. "Echte Sorgen bereitet mir allerdings, dass Neukölln zum Spekulationsobjekt für auswärtige Investoren geworden ist", sagt sie. Diese Sorge teilt sie mit Charlotte Scheer, die weiß, dass sie Immobilienunternehmer vielleicht aus ihrem Hof vertreiben kann. Aber nicht aus Neukölln.

Und damit, endlich: Willkommen im sechsten Stock bei Charlotte Scheer. Sie sitzt in der Küche, der Blick geht auf den Hof. Früher, erzählt sie, standen dort ein schwarzer Jägerzaun und ein toter Baum. Scheer und andere Nachbarn haben den Zaun abgerissen, den Baum fällen lassen, das Beet angelegt, in dem jetzt Blumen in allen Farben blühen. Es gibt einen Sandkasten und einen Komposthaufen, in dem die Kinder, die im Haus wohnen, nach Regenwürmern buddeln.

"Mit mir und diesem Haus ist das eine Hassliebe", sagt Scheer. Mit ihrem Mann war sie vor 21 Jahren in einen Rohbau gezogen, 110 Quadratmeter für 1100 Mark im Monat. 20 000 Mark haben sie in die Wohnung gesteckt. Das Bad haben sie selbst eingebaut. "Der Vermieter wollte mir eine Einbauküche reinstellen und dafür 100 Mark extra im Monat Miete haben", sagt Scheer. Sie kaufte dann lieber selbst einige Küchengeräte. Eine Nachbarin schenkte ihr ein Küchenbuffet: "Das hatte sie 1957 zur Hochzeit bekommen." Es steht heute noch in der Küche.

Die Nachbarn wollen sich nicht vertreiben lassen

Scheer widerspricht den regelmäßig eintrudelnden Mieterhöhungen. Wegen Schimmel, wegen Wasserschäden, wegen ausstehender Reparaturen. Sie zeigt auf die alten Bleirohre, die noch überall verlegt sind. "Eigentlich dürfte es solche Rohre gar nicht mehr geben, jeder Handwerker, der hier ankommt, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen." Auch die Gasleitungen entsprächen nicht den Standards. Der Vermieter sieht das alles anders, bald sehen sich die beiden vor Gericht. "Viele Mieter trauen sich gar nicht, den Mieterhöhungen zu widersprechen oder Mängel anzuzeigen", sagt Scheer. "Vor allem die Älteren sagen: Wie soll ich denn jetzt noch was Neues finden, wenn es schiefgeht?"

Scheer zahlt heute 720 Euro Kaltmiete und 150 Euro Nebenkosten. Ihr Mann und sie hatten sich nach einigen Jahren in der Wohnung getrennt. Mit dem Mann, der danach kam, zog sie eine Weile nach Charlottenburg, vermietete die Neuköllner Wohnung unter. Doch auch diese Beziehung hielt nicht, sie kam zurück. Eigentlich ist die Wohnung zu groß für sie, dazu kommt der ständige Ärger mit dem Vermieter.

An einen Auszug denkt sie trotzdem nicht. "Allein der Blick vom Balkon in die Bäume würde mir fehlen", sagt sie. "Ich gehe jeden Morgen raus, im Bademantel, egal, wie kalt es ist." Vor Kurzem ist ein alter Freund von ihr eingezogen, der gerade in Berlin auf Jobsuche ist. Sie hofft, dass sie durchhält, egal, was kommen mag. Formal sind Mieter in Deutschland gut geschützt, zumal die Gegend, in der Scheer wohnt, ein Milieuschutzgebiet ist. Sie kennt aber etliche Geschichten über dubiose Immobiliendeals, über Vermieter, die ihre Hausbewohner so lange schikanieren, bis sie freiwillig ausziehen, über plötzliche Eigenbedarfskündigungen. Jeder in Berlin kennt diese Geschichten.

Doch Scheer und ihre Nachbarn wollen sich unter keinen Umständen vertreiben lassen. "Wir haben uns den Rütlischwur gegeben. Wir gehen hier nicht raus", sagt Scheer. Das klingt fast ein wenig nach dem alten Punk Rio Reiser, der vor 46 Jahren sang: "Doch die Leute im besetzten Haus riefen: Ihr kriegt uns hier nicht raus! Das is unser Haus!"