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Mehrwertsteuer:Was die Mehrwertsteuersenkung den Kunden bringt

Sonderangebote im Lebensmittelhandel

Manche Händler nutzen die reduzierte Mehrwertsteuer zu größeren Rabattaktionen, um Marktanteile zu gewinnen. Der Transparenz für den Kunden dient dies kaum.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Eine Stichprobe zeigt, wie unterschiedlich Händler mit der Mehrwertsteuersenkung umgehen. Viele werben damit, aber längst nicht alle geben sie bisher an die Verbraucher weiter.

Von Andreas Jalsovec und Michael Kläsgen

"Da schauen Sie", sagt die Metzgereiverkäuferin und hält dem Kunden über den Verkaufstresen hinweg den Kassenzettel hin: "Da unten wird der Rabatt für die Mehrwertsteuer abgezogen: Zwei Prozent sind das." Man habe sogar eine eigene Rabatttaste dafür, erläutert die Frau stolz: "Da war extra ein Techniker da." Zwei Prozent weniger auf der Metzger-Rechnung - das macht bei 100 Gramm Edelsalami fünf Cent aus. Für den gesamten Einkauf von gut 23 Euro steht unter dem Strich ein Mehrwertsteuerrabatt von 46 Cent. Ähnlich sieht es beim Bäcker gegenüber aus: Auch er gibt den Nachlass bei der Umsatzsteuer an die Kunden weiter: Ein Cent weniger kostet das normale Brötchen, beim Vollkornbrot sind es 10 Cent, die Gesamtersparnis liegt bei 20 Cent.

Seit dem 1. Juli gilt in Deutschland eine geringere Mehrwertsteuer. Anstatt 19 beträgt der Steuersatz nun 16 Prozent, der ermäßigte Satz liegt bei 5 statt 7 Prozent. Die von der Bundesregierung beschlossene Senkung soll den wegen der Corona-Pandemie eingebrochenen Konsum wiederbeleben. Und wer durch Deutschlands Innenstädte läuft, hat tatsächlich das Gefühl, als könnte es was werden mit dem von Finanzminister Olaf Scholz beschworenen "Wumms", den die Senkung bringen soll - zumindest wenn man auf die Werbung schaut.

Was die Werbung verspricht

Viele Geschäfte versuchen, Kunden mit einem Preisnachlass zu locken, egal ob Schuhverkäufer, Modeboutiquen oder Elektrohändler. Die Lebensmitteldiscounter Aldi und Lidl nehmen die Steuersenkung sogar zum Anlass, sich in Anzeigen und Werbespots als der jeweils günstigere Anbieter anzupreisen. Vergleichende Werbung ist in Deutschland selten, die Mehrwertsteuersenkung macht's möglich, ausgerechnet bei denen, die Kritikern gerade in Sachen Fleisch ohnehin als viel zu billig gelten. Beide ringen nun noch heftiger um das, was sie seit Jahren tun: sich in den Köpfen der Verbraucher als der Günstigste darzustellen. Was so unterhaltsam daher kommt, ist nichts anderes als der knallharte Kampf um die Preisführerschaft. Der Werbewirtschaft kann das recht sein.

Doch was bringt die gesunkene Mehrwertsteuer am Ende den Verbrauchern? Die SZ hat die Preise von mehr als 30 Gütern und Dienstleistungen vor und nach dem 1. Juli verglichen (siehe Grafik unten). Die Auswahl orientiert sich dabei am Preismonitor des Statistischen Bundesamtes. Er dokumentiert die Preisentwicklung häufig gekaufter Waren und Dienstleistungen. Die SZ-Stichprobe ist dabei zwar rein zufällig und nicht repräsentativ. Dennoch gibt sie einen Eindruck davon, welche Güter billiger werden - und was bei den Kunden tatsächlich ankommt.

Wo es billiger wird

"Nein, bei diesem Hemd gibt es keinen Mehrwertsteuer-Rabatt", sagt die Mitarbeiterin eines Frankfurter Herrenausstatters: "Das ist ein Business-Hemd, ein Klassiker. Da bleibt der Preis gleich." Mode und Bekleidung ist nach der Stichprobe einer der Bereiche, in denen die Mehrwertsteuersenkung kaum Niederschlag findet. "Wir bieten lieber Rabattaktionen an", sagt die Verkäuferin eines Schuhgeschäfts westlich von Augsburg. Zurzeit gebe es etwa auf Textilien, die das Geschäft ebenfalls führt, bis zu 30 Prozent Nachlass. Der Herren-Freizeitschuh jedoch kostet noch immer genau so viel wie vor dem 1. Juli. Das ist ein gängiges Muster. Viele Markenhersteller hoben kurz vor der Senkung die Preise an, sodass nach der Steuersenkung für den Kunden nichts mehr übrig blieb. "Die wenigsten Unternehmen unserer Branche können die Mehrwertsteuersenkung direkt weitergeben", sagt ein Textilhändler. Zu sehr hat die Branche während des bundesweiten Lockdowns gelitten. Anders sieht es bei denen aus, denen es in dieser Zeit weiter gut oder noch besser ging: die Drogeriemärkte oder Supermärkte. Wer dort einkauft, kann mit Preisnachlässen rechnen.

Auch Elektroartikel sind in der Stichprobe in der Mehrzahl billiger. Das kommt vielen Kunden entgegen. So zeigt eine Umfrage des Nürnberger Marktforschungs-Unternehmens GfK, dass knapp ein Drittel der Konsumenten die geringere Mehrwertsteuer nutzen will, um Anschaffungen vorzuziehen. "Die meisten Befragten erwägen dabei einen Kauf von Elektrokleingeräten wie Kaffeemaschine, Toaster oder Staubsauger", sagt Petra Süptitz, Konsumexpertin bei der GfK. "Die Leute schauen aber genau drauf, ob es ein gutes Angebot ist." Vor allem Onlinekäufern raten Preisanalysten, die Angebote unabhängig von der Mehrwertsteuersenkung zu beobachten, und dann zuzugreifen, wenn sich ein Schnäppchen bietet.

Wie viel die Senkung bringt

"Im Moment herrscht allenthalben eine große Verwirrung", sagt Georg Tryba. Was der Konsumexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen damit meint: Die Umsetzung der Mehrwertsteuersenkung findet auf die unterschiedlichsten Arten statt. So zieht im Lebensmittelhandel etwa der Discounter Aldi von der Rechnung pauschal drei Prozent ab. Konkurrent Lidl weist die Senkung direkt am Regal aus, sodass es dort Preise ohne die bisher obligatorische "9" am Ende gibt. Beim Mitbewerber Rewe sehen die Kunden an fast jedem Regal den Hinweis darauf, dass "über 5000 Artikel im Preis gesenkt" seien. Das ist aber nur ein Bruchteil des Sortiments. Bei anderen Produkten gibt es wechselnde Rabattaktionen.

So kommt es, dass in der Stichprobe Drogerieartikel deutlich günstiger ausfielen: Für sie galt am Tag der Stichprobe ein Sonderrabatt. Insgesamt ist der Preis in der Stichprobe bei 18 von 31 Produkten gesunken. Neben Lebensmitteln und Drogeriewaren betrifft das vor allem Möbel und Elektrogeräte. Im Durchschnitt ist die Preissenkung jedoch mit 1,4 Prozent kaum spürbar. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Studie des ZDF-Wirtschaftsmagazins Wiso, das die Preise von rund 3000 Artikeln auf Onlineportalen untersucht hat. Preissenkungen gab es dabei nur bei rund einem Viertel der Angebote, die übrigen Preise blieben gleich - oder stiegen sogar. Auch die SZ-Stichprobe zeigt: Gerade im Onlinehandel können Kunden nicht unbedingt auf sinkende Preise hoffen. Sie schwanken dort ohnehin ständig. So wurden von den fünf beim Onlinehändler Amazon abgefragten Produkten zwei deutlich teurer, zwei blieben im Preis gleich, und nur einmal gab es eine Preissenkung - bei einem Deoroller: Er war um fünf Cent billiger.

Trotzdem meint GfK-Expertin Petra Süptitz, die Mehrwertsteuersenkung könne einen positiven Effekt haben. Auch andere Ökonomen sind davon überzeugt. Die Menschen redeten wieder übers Einkaufen und über Schnäppchen - allein das könne Kauflaune erzeugen. Und wenn Händler die niedrigere Mehrwertsteuer dafür nutzen, etwas mehr Geld einzubehalten, um zu überleben, sei der Wirtschaft letztendlich auch geholfen.

© SZ vom 08.07.2020

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