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Medikamente in der Tierhaltung:System der Massentierhaltung steht in Frage

"Hühner in großen Mastanlagen brauchen Antibiotika, damit sie überleben, bis sie schlachtreif sind", kritisierte Tierschutzbund-Präsident Thomas Schröder im Interview mit der SZ. "Lungenleiden und andere Krankheiten entstehen, weil zu viele Tiere auf engstem Raum im eigenen Dreck sitzen. "

Massentierhaltung

Fische sind die armen Schweine

Um den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren, hatte das Aigner-Ministerium Anfang des Jahres einen Entwurf zur Änderung des Arzneimittelgesetzes vorgelegt und im April noch einmal nachgebessert. Damit wurde der Weg für eine bundesweite Datenbank freigemacht. Tierärzte müssen künftig melden, welche Mengen an Antibiotika sie eingekaufen und an welche Betriebe sie diese geliefert haben. Zwar können Behörden bislang bei Antibiotika-Missbrauch Bußgelder verhängen. Weil Verstöße aber nur schwer nachzuweisen sind, wurde in der Vergangenheit kaum Strafen verhängt. Das soll sich nun ändern. Kritiker hegen dennoch Zweifel an der Wirksamkeit der verschärften Regeln.

Beim Streit um Antibiotika geht es um weit mehr als nur die Vergabe von Medikamenten. Das System der Massentierhaltung steht in Frage. Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist es, dass deutsche Fleischproduzenten zu einem wichtigen Lieferanten für den Weltmarkt werden. Bereits im vergangenen Jahren gingen mehr als zehn Prozent der Produktion ins Ausland. Ein umstrittenes Wachstum, dass sich nur mit zunehmenden Futtermittelimporten, vor allem Soja aus Brasilien, aufrechterhalten lässt. Auf diesem Umweg trägt auch die deutsche Fleischindustrie zur Vernichtung von Regenwäldern und Naturschutzgebieten in Südamerika bei.

Billigproduktion von Fleisch ist in Deutschland nur deshalb möglich, weil viele Tiere auf engstem Raum zusammengepfercht werden - ohne Antibiotika ist das kaum machbar. Trotzdem wird der Boom der Fleischindustrie von der Politik großzügig gefördert. Benning kritisiert, " dass mit Unterstützung der Bundesregierung immer noch jährlich mehr als 80 Millionen Euro in die Förderung neuer Massentierhaltungen fließen". Der BUND fordert satt dessen, Subventionen nur noch für artgerechte Tierhaltung zu vergeben.

Beim BUND geht man davon aus, dass die bisherigen Vorschläge und Gesetzesvorhaben aus dem Agrar- und Verbraucherschutzministerium nicht ausreichen, um den Missbrauch von Antibiotika einzudämmen. Der Verband fordert Arzneimittel- und Tierschutzgesetzen deutlich zu verschärfen und auch den Bau von neuen Großställen per Gesetz stärker zu reglementieren. Zwar will der Bund das Baugesetz für Ställe novellieren. "Die zahlreichen Anlagen mit bis zu 40.000 Hähnchen sind davon bisher nicht betroffen", moniert Benning.