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Medien:Springer sammelt Beteiligungen

Vom klassischen Zeitungsgeschäft hat sich der Konzern entfernt. Stattdessen expandiert er im Internet, immer wichtiger wird der US-Markt.

Die Holztäfelung der Wände stammt aus dem Gebäude der Londoner Times, an den Wänden hängen Ölgemälde, Parkettboden und Ledersofas zieren die Räume. Livrierte Kellner bedienen die Gäste. Die Wichtigen der Welt waren fast alle schon mal hier, von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg über den Dalai Lama bis zu Barack Obama, der bei seinem Berlin-Besuch Ende Mai vorbei kam. Im legendären Journalisten-Club im 19. Stockwerk des goldenen Springer-Hochhauses in Berlin hat sich seit den Zeiten des großen Verlegers und Unternehmensgründers Axel Cäsar Springer kaum etwas verändert. "Ich war sehr beeindruckt", gestand Henry Blodget, der Gründer des erfolgreichen New Yorker Internetportals Business Insider, nach seinem ersten Besuch.

Hier ist die Zeit stehen geblieben, aber der Journalisten-Club ist nicht mehr als Reminiszenz an früher. Denn die Axel Springer AG hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt, so radikal wie wohl nur wenige Traditionsfirmen in Deutschland. Der Zusatz "Verlag" wurde schon lange aus dem Firmennamen gestrichen - und das ist nur konsequent, denn die klassischen gedruckten Medien, mit denen Axel Springer einst groß geworden ist, spielen schon lange nur noch eine Nebenrolle. Bild und Welt? Die gedruckte Auflage verliert beständig. Berliner Morgenpost, Hamburger Abendblatt, Hörzu? Längst an die Funke Mediengruppe verkauft.

Stattdessen expandiert Springer seit Jahren im Internetgeschäft, in Firmen mit Namen wie Stepstone, Ladenzeile.de, Number 26 oder Thrillist. Viele haben mit dem eigentlichen Mediengeschäft kaum etwas zu tun. Vor kurzem erst hat die Meldung für Aufsehen gesorgt, dass Springer nun auch beim Fahrdienstvermittler Uber, einem der Stars im Silicon Valley, eingestiegen ist. Inzwischen hält die Firma rund 200 Beteiligungen an großen und kleinen Online-Unternehmen weltweit. Gibt es für dieses Sammelsurium von Firmen überhaupt ein Muster? Oder sind das alles nur digitale Wetten, die irgendwann aufgehen müssen?

Für den Verleger Axel Springer stand die gedruckte Zeitung an erster Stelle (Archivfoto von 1971). Heute setzt der Konzern auf die Digitalisierung.

(Foto: imago)

Jens Müffelmann ist seit dem vergangenen Sommer für den Konzern in New York, er hat jetzt den schönen Titel "President Axel Springer USA". Der studierte Maschinenbauingenieur und gebürtige Hamburger - Dreitagebart, weißes Hemd, dunkelblaues Sakko, HSV-Fan - ist seit 20 Jahren dabei und war zwölf Jahre lang für die Strategie zuständig. Müffelmann, ein Vertrauter von Konzernchef Mathias Döpfner, sieht Springer heute als einen der Sieger der Digitalisierung. "Wir haben in den vergangenen Jahren mehr als vier Milliarden Euro in digitale Wachstumsunternehmen investiert", sagt er, "gleichzeitig haben wir mit Verkäufen etwa drei Milliarden Euro eingenommen. Unsere Bilanz ist in jeder Hinsicht sehr positiv." Und: "Wir sind heute als Digitalunternehmen etabliert und auch in den USA nicht mehr Axel Who?"

Eine Fitness-App hat in kurzer Zeit hohe Gewinne eingebracht

Alles fing 2002 an, als Döpfner Vorstandsvorsitzender wurde. Er setzte auf Digitalisierung, gegen viele Widerstände. "Jugend forscht", hieß es abfällig, und das war noch eines der milderen Urteile. Das Beharrungsvermögen und die Angst vor Veränderungen waren groß. Die allererste Beteiligung war dann 2006 an dem Berliner Start-up Idealo, einer Preis- und Produktsuchmaschine im Internet. Viele folgten, darunter auch Flops, wie etwa der Einstieg beim Briefunternehmen Pin, das schließlich in der Insolvenz endete und Springer hohe Verlusten einbrachte. Einige Übernahmen scheiterten auch, wie im Jahr 2015 der geplante Kauf der Financial Times mit ihrem Digitalgeschäft.

In der ersten Phase habe Springer daran gearbeitet, das klassische Verlagsgeschäft zu digitalisieren, erzählt Müffelmann. Die gedruckte Zeitung finanziert sich über drei Wege: den Leser, den Werbekunden und den Inserenten von Kleinanzeigen. Alle drei Bereiche kamen mit der Digitalisierung unter Druck. Es wurden also Onlinefirmen gekauft, die die klassischen Rubrikenanzeigen aus der Zeitung im Internet anbieten, darunter für rund 130 Millionen Euro die Jobbörse Stepstone, die Immobilienvermittler Immowelt oder Seloger und viele weitere. Gleichzeitig ist Springer bei vielen Plattformen, die sich über Werbung finanzieren, eingestiegen, bei Aufeminin in Frankreich, eine Plattform für Frauen, bei Kauf-da (Prospekte) oder Zanox (Online-Marketing), das heute Awin heißt. Schließlich wurden Online-Bezahlmodelle entwickelt, vor allem für Welt und Bild.

Aber die Berliner beteiligten sich auch an anderen Onlinefirmen. "Wir erhalten pro Tag vier bis fünf Beteiligungsangebote", sagt Müffelmann. Unvergessen ist dabei Florian Gschwandtner. Der junge Österreicher aus Linz präsentierte seine Fitness-App Runtastic einst dem Springer-Vorstand und machte zur Demonstration vor der ehrenwerten Runde gleich mal ein paar Liegestütze. Springer stieg für 20 Millionen ein, 22 Monate später dann wurde die Firma 2015 an Adidas verkauft, für 230 Millionen Euro.

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SZ-Grafik; Quellen: Springer, Bloomberg

Das gelingt allerdings nur selten und ist laut Müffelmann auch nicht das Ziel. Dabei beteiligt sich der Konzern an vielen hoffnungsvollen Start-ups. In Berlin gibt es den sogenannten Accelerator Plug and Play für junge Firmen, 200 Gründer bewerben sich im Jahr, zehn werden ausgewählt, die bekommen eine Finanzierung von 25 000 Euro, eine aktive Unterstützung für hundert Tage, im Gegenzug erhält Springer eine Beteiligung von fünf Prozent.

Aber es gibt auch andere gute Geschäfte: Als Döpfner 2011 auf einer Hightech-Konferenz in Kalifornien war, kam er dort mit Brian Chesky ins Gespräch. Der Gründer der Zimmervermittlung AirBnB beeindruckte ihn, Springer stieg ein, bezahlte mit Werbeplätzen in den eigene Medien. "Das war ein opportunistischer Deal. Ein Volltreffer", sagt Müffelmann. Ähnlich lief es auch beim jüngsten Engagement bei Uber. Döpfner sprach im vergangenen Sommer in Berlin mit Firmenchef Travis Kalanick, die beiden vereinbarten eine Beteiligung gegen Werbeplätze, im Fachjargon "Media for equity". So ist Springer nun bei AirBnB und Uber drin, wenn auch mit jeweils unter einem Prozent.

Insgesamt hat Springer mittlerweile mehr als 800 Millionen Dollar alleine in den USA investiert, zunächst in zwei Fonds, die erst einmal wertvolle Kontakte brachten, dann in einige kleinere Unternehmen. 2015 übernahm der Verlag für 300 Millionen Euro Business Insider und 2016 für mehr als 210 Millionen Euro Emarketer, eine Marktforschungsfirma, die Daten liefert. Weitere größere Zukäufe in den kommenden Jahren sind nicht ausgeschlossen. Käufe um jeden Preis soll es aber nicht geben. Die Börsennotierung helfe dabei, Investitionsentscheidungen sehr diszipliniert zu treffen, sagt Müffelmann.

Heute ist Springer in der Tat ein anderes Unternehmen. Für das erste Quartal 2017 verkündete Döpfner, dass nun 72 Prozent des Umsatzes und 80 Prozent des Gewinns mit Digitalgeschäften erwirtschaftet werden.

Aber ein Problem hat Döpfner: Viele nehmen seiner Ansicht nach den Umbau bei Springer noch nicht genügend wahr, derzeit ist die Firma an der Börse sechs Milliarden Euro wert, die Aktie soll aber weiter steigen. "Axel Springer ist nicht Bild mit angehängtem Digitalgeschäft", betont Döpfner immer wieder und meint wohl auch: Eher das Gegenteil. Ende des Monats wollen Döpfner und seine Mannschaft das den Investoren gründlich erklären, bei zwei Kapitalmarkttagen in London und New York.