Süddeutsche Zeitung

Medien im Fall Hoeneß:Am Tegernsee, wo jeder jeden kennt

Der Fall Uli Hoeneß war so massiv in die Schlagzeilen geraten, dass der Bayern-Boss Strafanzeige stellte. Dass die Medien von dem Fall erfuhren, war möglicherweise vor allem den Verhältnissen in Hoeneß' Heimat geschuldet.

Von Klaus Ott

Ulrich H. war, das wussten alle, die mit dem Fall zu tun hatten, ein besonders prominenter Steuerhinterzieher. Deshalb sollte auf keinen Fall etwas nach außen dringen. Trotz der vielen Behörden und Dienststellen, die eingeschaltet waren. Das Finanzamt Miesbach, die Steuerfahndung in Rosenheim, die Polizeiinspektion Bad Wiessee, die Kriminalpolizei in Miesbach, das Polizeipräsidium Oberbayern Süd und die Staatsanwaltschaft München II.

Die Ermittler und ihre Helfer lagerten die Akten in verschlossenen Schränken. Kein Papier durfte, wenn es nicht gerade bearbeitet wurde, offen herumliegen. Unterlagen wurden wie zu jenen Zeiten, als es noch kein Internet gab, per Boten hin und her geschickt. Keine E-Mails, nichts dergleichen. Das Steuergeheimnis sollte unter allen Umständen gewahrt bleiben. Niemand wollte sich nachsagen lassen, leichtfertig gewesen zu sein.

Am Tegernsee kennt wohl jeder jeden

Trotzdem dauerte es nach einer Durchsuchung und Festnahme am 20. März 2013 nicht mehr lange, bis der damalige Präsident des FC Bayern München, Uli Hoeneß, entlarvt war und Schlagzeilen machte wie kein anderer Steuerhinterzieher vor und nach ihm. Und es dauerte auch nicht lange, bis der Fußball-Manager Strafanzeige erstattete wegen Verletzung von Steuer- und Dienstgeheimnissen. Die Staatsanwaltschaft München I nahm sich der Causa an. Jetzt liegt das amtliche Ergebnis vor.

Dass die Medien von dem Fall erfuhren, ist möglicherweise vor allem den Verhältnissen am Tegernsee geschuldet, wo Hoeneß mit seiner Familie seit Jahren wohnt und wo offenbar jeder jeden kennt. Gleichwohl stießen die Ermittler auf unglaubliche Zustände beim bayerischen Fiskus, wo nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft mehrere tausend Beamte teilweise unkontrolliert Zugriff auf die Steuerakten von Hoeneß hatten. Einer seiner Steuerbescheide landete beim Stern. Und noch etwas haben die Strafverfolger festgestellt: Nicht alles, was berichtet wurde, war richtig.

Bereits kurz nach der Durchsuchung bei Hoeneß am 20. März 2013, seiner vorläufigen Festnahme und anschließenden Freilassung gegen Kaution waren die ersten Journalisten dem Bayern-Boss auf der Spur. Eine örtliche Online-Zeitung, die Tegernseer Stimme, soll bereits einen Tag später von der Aktion gewusst haben. Ein Mitglied eines Sportvereins aus Bad Wiessee sagte als Zeuge aus, in seinem Klub sei es schon vor den Schlagzeilen in den Medien ein "offenes Geheimnis" gewesen, dass bei Hoeneß eine Durchsuchung stattgefunden habe.

Der Fußball-Manager musste, nachdem sein Haftbefehl außer Vollzug gesetzt worden war, zudem regelmäßig die Polizeiinspektion in Bad Wiessee aufsuchen. Auch das dürfte nicht unbemerkt geblieben sein.

Ab Anfang April 2013 erkundigten sich jedenfalls nach und nach die Tegernseer Stimme, der Fernsehsender RTL, das Magazin Focus und die Münchner Abendzeitung bei der örtlich zuständigen Staatsanwaltschaft München II, ob ein Verfahren gegen Hoeneß laufe. Auskünfte gab es keine, Schlagzeilen blieben vorerst noch aus. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft München I, die sich um die Strafanzeige des Bayern-Bosses kümmerte, deutet dies darauf hin, dass die damals diesen Medien vorliegenden Hinweise "eher den Charakter von Gerüchten hatten".

Eine Berichterstattung sei auf dieser Basis nicht möglich gewesen. Urheber der Gerüchte könnten nach Ansicht der Staatsanwaltschaft München I "Dritte" gewesen sein, die möglicherweise die Durchsuchung bei Hoeneß und dessen Besuche bei der Polizeiinspektion Bad Wiessee beobachtet hatten. Die Behörden hielten jedenfalls (noch?) dicht. Der Anruf einer Focus-Journalistin, die am 12. April 2013 bei der Steuerfahndung in Rosenheim wegen der Durchsuchung bei Hoeneß und des Haftbefehls anfragte, blieb unbeantwortet.

Unglaubliche Zustände beim bayerischen Fiskus

Das mediale Gewitter für den Bayern-Präsidenten ging erst los, nachdem sich am 18. April 2013 die damaligen Verteidiger von Hoeneß mit der Steuerfahndung Rosenheim und der Staatsanwaltschaft München II zusammengesetzt und "juristische Positionen erörtert" hatten. Am selben Tag war um die Mittagszeit bei dem Bayern-Boss ein Fax von Focus mit "konkreten Fragen zu einzelnen Ermittlungshandlungen" eingegangen, wie die Strafverfolger notierten. Hoeneß bestätigte einen Tag später, dass er im Januar 2013 beim Fiskus Selbstanzeige erstattet habe und dass dies mit einem Konto in der Schweiz zusammenhänge. Focus berichtete daraufhin, alle anderen Medien zogen nach. War da vielleicht doch etwas durchgestochen worden?

Eine Darstellung von Focus hat sich als unrichtig erwiesen

Die Staatsanwaltschaft München I vernahm die vier Beamten der Staatsanwaltschaft München II und der Steuerfahndung Rosenheim, die sich mit den seinerzeitigen Verteidigern von Hoeneß getroffen hatten. Die Ermittler fanden aber keine Anhaltspunkte für einen konkreten Verdacht gegen einen bestimmten Amtsträger. So steht es in dem Bescheid, mit dem das Verfahren wegen Bruch von Dienst- und Steuergeheimnissen jetzt eingestellt wurde.

In dem Bescheid kommt auch die Bild am Sonntag vor. Das Boulevardblatt hatte von dem Treffen am 18. April erfahren und berichtete zweieinhalb Wochen später, die Anwälte von Hoeneß versuchten offenbar, einen Deal hinzubekommen. Der Bayern-Boss solle nach Informationen aus bayerischen Regierungskreisen bereit sein, neben einer Geldstrafe auch eine Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung zu akzeptieren.

Die Staatsanwaltschaft München I notierte dazu, über konkrete Folgen der Steuerhinterziehung sei nach Angaben der Verteidiger des Bayern-Bosses und des zuständigen Staatsanwalts nicht gesprochen worden. Der BamS-Bericht könne also nicht darauf beruht haben, dass das Dienst- und Steuergeheimnis verletzt worden sei.

Als unrichtig hat sich nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft München I eine Darstellung von Focus erwiesen, dass bei den Ermittlungen gegen Hoeneß dessen Telefonate abgehört worden seien. Dieser "Falschmeldung" könne ebenfalls keine Weitergabe von Informationen durch Amtsträger zugrunde gelegen haben. In dem Einstellungsbescheid wird auch die SZ erwähnt, die wie die Abendzeitung im April 2013 berichtet hatte, dass gegen Hoeneß ein Haftbefehl erlassen und gegen eine Kaution von fünf Millionen Euro außer Vollzug gesetzt worden sei.

Auf welche Weise das die beiden Zeitungen erfahren hatten, konnte die Staatsanwaltschaft München I nicht feststellen. Die Strafverfolger fanden nichts, was einen Verdacht gegen bestimmte Amtsträger rechtfertige. Im Einstellungsbescheid steht, es könne nicht von vornherein ausgeschlossen werden, dass auch aus dem Umfeld von Hoeneß Informationen an die Medien gelangt seien.

Ulrich H., der schließlich zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde und in Landsberg im Gefängnis sitzt, dürfte dieses Ermittlungsergebnis kaum gefallen. Doch er und seine Anwälte halten sich öffentlich zurück. Hoeneß will offenbar Ruhe haben.

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Quelle:
SZ vom 26.08.2014/fued
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