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Medien:Familiengeschäfte

Silvio Berlusconi war italienischer Ministerpräsident und machte nicht nur mit wilden Sexpartys Schlagzeilen. Nun greift die von ihm kontrollierte TV-Gruppe Mediaset nach Pro Sieben Sat 1.

Silvio Berlusconi as guest on italian tv

Milliardär und Medienzar, viermaliger Ministerpräsident, Politiker mit Interessenkonflikten und Party-Impresario: Silvio Berlusconi gründete 1978 sein TV-Imperium Mediaset. Jetzt greift er in Richtung München.

(Foto: Fabio Cimaglia/ddp images/LaPresse)

Die Attacke aus Mailand kam für alle in Unterföhring überraschend. Der italienische Fernsehkonzern Mediaset, der vom höchst umstrittenen ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi und seiner Familie kontrolliert wird, greift nach Pro Sieben Sat 1. Die Italiener teilten am Mittwoch mit, dass sie ein Aktienpaket von 9,6 Prozent an dem kriselnden deutschen Fernsehunternehmen gekauft haben. Das Aktienpaket, mit dem Mediaset zum größten strategischen Anteilseigner der deutschen Senderkette aufsteigt, war zum Schlusskurs vom Dienstag rund 330 Millionen Euro wert. In Branchen- und Finanzkreisen hieß es, der Einstieg sei noch nicht der letzte Schritt, auch wenn die Italiener nicht kurzfristig weiter aufstocken würden.

Die Italiener sind alles andere als willkommen. "Ich sehe keine industrielle Logik in einer industriellen Kombination von Mediaset und Pro Sieben Sat 1", sagte Max Conze, der Vorstandsvorsitzende des deutschen Fernsehunternehmens, noch vor drei Wochen bei der Präsentation der Quartalszahlen. Das Management von Pro Sieben Sat 1 will unabhängig bleiben, eine Übernahme lehnt man ab. Nun ist die Beteiligung von Mediaset möglicherweise aber der erste Schritt. Mitte Juni treffen sich die Aktionäre zur Hauptversammlung von Pro Sieben Sat 1. Konkrete Kontakte zu Mediaset soll es bisher nicht gegeben haben.

Die Reaktion der Deutschen auf den Anteilskauf von Mediaset fiel denn auch kühl aus. "Wir begrüßen das Investment von Mediaset und werten es als Vertrauensbeweis für unsere Strategie und das Team", ließ Conze mitteilen. Berlusconis Sohn Pier Silvio, der Mediaset seit 18 Jahren führt, betonte zugleich die freundlichen Absichten und seine Wertschätzung für die Pro Sieben Sat 1-Führung. Der Mediaset-Chef erklärte, der Einstieg sei "eine langfristige Entscheidung, die darauf abzielt, mit einer zunehmend internationalen Ausrichtung Werte zu schaffen". Erst im April hatte er bereits von einer "europäischen Fernseh-Allianz" gesprochen, für die Mediaset der "Motor" sein wolle. Das klingt nach einem Plan.

Nach einem, der allerdings auch die deutsche Politik beunruhigt. Berlusconi habe bereits mehrfach bewiesen, dass er medienpolitische Macht instrumentalisiere, warnt Martin Rabanus, medienpolitischer Sprecher der SPD im Bundestag. "Wir müssen uns sehr genau ansehen, was da passiert", sagt Rabanus der Süddeutschen Zeitung. Zwar könne Berlusconis Firma mit knapp zehn Prozent der Anteile keine Kontrolle ausüben. Offen aber sei, welche weiteren Pläne sie verfolge. Auch die Opposition ist alarmiert. "Pressefreiheit und Meinungspluralität dürfen bei der jetzigen Beteiligung nicht auf der Strecke bleiben", fordert Thomas Hacker, medienpolitischer Sprecher der FDP. Die Grünen sprachen sich auch für Reformen der Medienkontrolle aus. "Wir müssen darüber nachdenken, ob europäische und weltweite Konzentrationsprozesse mit Regularien auf Länderebene beherrscht werden können", sagt die Abgeordnete Margit Stumpp. "Es geht um ein wesentliches Element einer funktionierenden Demokratie".

Berlusconi und seine Mediaset sind sehr umstritten. Um den ehemaligen Ministerpräsidenten, inzwischen 82 Jahre alt, gab es immer wieder eine Reihe von Skandalen. Mediaset ist der größte private Fernsehanbieter Italiens, Konkurrent des öffentlichen Senders RAI, und wurde immer wieder von Berlusconi für seine politischen Zwecke eingesetzt. Die Familienholding Fininvest, die von Berlusconis Tochter Marina geführt wird, hält knapp die Hälfte der Anteile. Mediaset liegt seit Jahren im Streit mit dem zweiten Großaktionär, dem französischen Medienkonzern Vivendi, der seit einer gescheiterten Allianz mit den Italienern 29,9 Prozent der Anteile hält. Die Frage lautet nun: Kommt es zwischen München und Mailand zu einem Übernahmekampf?

Mediaset macht weniger Umsatz als Pro Sieben Sat 1 und ist zudem ertragsschwächer. Zuletzt gab es immer wieder Spekulationen über ein mögliches Interesse von Mediaset, was bei Pro Sieben Sat 1 stets deutlich zurückgewiesen wurde. Auch der amerikanische Konzern Discovery wurde wiederholt als möglicher Partner gehandelt. In der New Yorker Zentrale ist der ehemalige Finanzvorstand von Pro Sieben Sat 1, Gunnar Wiedenfels, inzwischen in gleicher Funktion tätig. Die Aktie von Pro Sieben Sat 1 hatte zuletzt deutlich an Wert verloren, das Unternehmen musste auch den Dax-30 verlassen.

Zu schaffen machen den Fernsehsendern, ob Pro Sieben Sat 1 oder Mediaset, die unsichere Werbekonjunktur und die starke Konkurrenz durch Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime oder demnächst auch Disney. Gerade jüngere Zuschauer, eine wichtige Zielgruppe für Pro Sieben Sat 1, wenden sich vom sogenannten linearen Fernsehen ab und schauen lieber, was, wie und wo sie es wollen. Ausnahmen sind derzeit noch Shows wie "Germanys Next Topmodel". Konzernchef Conze arbeitet zusammen mit Discovery an einer eigenen Onlineplattform, die mittelfristig auf rund zehn Millionen Kunden kommen soll. Zudem hat Pro Sieben Sat 1 unter Conzes Vorgänger Thomas Ebeling die Aktivitäten im Internetgeschäft ausgebaut und etwa die Vergleichsplattform Verivox oder die Partnerbörse Parship-Elite erworben. Gleichzeitig geht die Attraktivität der Sender zurück, dazu gehören unter anderem Pro Sieben, Sat 1, Kabel 1 oder Sixx. Nach der Meldung über den Einstieg von Mediaset legte die Pro-Sieben-Sat-1-Aktie zu. Pro Sieben Sat 1 ist neben der RTL-Gruppe, die mehrheitlich zum Bertelsmann-Konzern gehört, die größte deutsche Privatsender-Gruppe.

Es ist nicht das erste Mal, dass Berlusconi und Mediaset - nicht nur die größte TV-Kette in Italien, sondern auch in Spanien - Interesse am Einstieg in Deutschland haben. Schon zu Zeiten des Medienunternehmers Leo Kirch vor 20 Jahren gab es Kontakte. So hatte Mediaset den spanischen Sender Telecinco gekauft und Kirch damit Kapital verschafft.

Derzeit arbeiten Mediaset, Pro Sieben Sat 1 und der britische Privatsender Channel Four operativ zusammen. Willkommen waren Berlusconi und seine Leute in München aber noch nie.