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Mastercard:46 Millionen Geschädigte

Eine Kanzlei in London will den amerikanischen Kreditkarten-Konzern auf mehrere Milliarden Euro Schadensersatz verklagen. Das ist die bislang teuerste Klage dieser Art in Großbritannien. Bisher weist Mastercard alles zurück.

Von Björn Finke, London

Es ist die bislang teuerste Klage auf Schadenersatz in Großbritannien. Und eine der ersten, die sich auf ein neues Verbraucherschutzgesetz vom vergangenen Jahr beruft: Der amerikanische Kreditkarten-Konzern Mastercard wird vor einem Gericht in London auf umgerechnet 16,5 Milliarden Euro verklagt, weil er von Händlern über Jahre überhöhte Nutzungsgebühren kassiert hat. Die Anwaltskanzlei Quinn Emanuel reichte die Klage, gut 600 Seiten dick, nun bei einem auf Wettbewerbsfälle spezialisierten Gericht ein. Die Anwälte gehen davon aus, dass Ende des Jahres eine erste Anhörung stattfinden wird, in zwei Jahren könnte das Verfahren dann starten. Mastercard weist die Vorwürfe zurück.

Die Wettbewerbshüter der EU-Kommission entschieden schon 2007, dass der US-Konzern Händlern zu viel in Rechnung stellt. Die Amerikaner zogen dagegen vor Gericht, unterlagen aber 2014. Die Anwälte von Quinn Emanuel argumentieren, dass Einzelhändler und Dienstleister wegen der überhöhten Gebühren ihre Preise hochgesetzt haben, letztlich also die Kunden den Schaden hatten - auch jene, die gar nicht mit Kreditkarte zahlen. Die Kanzlei vertritt den Kläger Walter Merricks. Der Jurist war früher Ombudsmann für die Finanzbranche im Königreich.

Merricks und die Kanzlei klagen im Namen von 46 Millionen britischen Verbrauchern, die von 1992 bis 2008 für Waren und Services mehr als nötig zahlen mussten, weil die Anbieter zu viel Geld an Mastercard überwiesen. Ein Gesetz aus dem vorigen Jahr macht es möglich, für Millionen Betroffene eine Klage einzureichen, ohne dass diese dem zustimmen müssen. In den Vereinigten Staaten sind solche Klagen üblich.

Siegen Merricks und die Kanzlei vor Gericht - oder einigen sie sich außergerichtlich mit Mastercard -, können die Geschädigten, also 46 Millionen Bürger, beantragen, vom Geldsegen etwas abzubekommen. Der Investor Gerchen Keller Capital aus Chicago finanziert die Arbeit der Anwälte. Der Fonds ist darauf spezialisiert, Prozesse zu unterstützen; er erhält dafür einen Teil des Schadenersatzes. Folgt man der Logik der Anwälte, wurden auch deutsche Verbraucher geschädigt, weil hiesige Einzelhändler und Dienstleister ebenfalls zu viel an Mastercard zahlten und darum ihre Preise unnötig hoch waren.

Doch Klagen im Namen von Millionen Betroffenen ohne deren Zustimmung sind in der Bundesrepublik nicht möglich. Gut für Mastercard.

© SZ vom 10.09.2016
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