Massiver Stellenabbau:Wenn nur die Rendite zählt

Lesezeit: 4 min

Job-Kahlschlag bei BMW, Siemens und Henkel: Warum Konzerne ihre soziale Verantwortung in Zeiten des Turbo-Kapitalismus' für die Rendite opfern, erklärt der Professor für Sozialpolitik und Finanzwissenschaft Diether Döring.

Melanie Ahlemeier

Diether Döring, emeritierter Professor für Sozialpolitik und Finanzwissenschaft, lehrt an der Akademie der Arbeit in der Universität Frankfurt am Main.

Massiver Stellenabbau: Mehrere Großkonzerne haben in den vergangenen Tagen den Abbau Tausender Arbeitsplätze bekanntgegeben, gekürzt werden soll bei BMW, der Deutschen Telekom, Henkel, der WestLB, bei Continental und bei Siemens.

Mehrere Großkonzerne haben in den vergangenen Tagen den Abbau Tausender Arbeitsplätze bekanntgegeben, gekürzt werden soll bei BMW, der Deutschen Telekom, Henkel, der WestLB, bei Continental und bei Siemens.

(Foto: Foto: ddp)

sueddeutsche.de: BMW und Henkel streichen Tausende Arbeitsplätze trotz immenser Unternehmensgewinne, Siemens macht mit Jobabbau im großen Stil die Telefonsparte SEN hübsch für den Verkauf, und Nokia verlagert mal eben einen kompletten Produktionsstandort aus dem Ruhrgebiet nach Rumänien. Auf was müssen sich Arbeitnehmer in diesem Jahr noch einstellen, Herr Professor Döring?

Diether Döring: Die Konzerne nehmen ihre ethische Verpflichtung gegenüber der Belegschaft immer weniger ernst, denn die Verantwortlichkeit wird eher in der Rendite des Unternehmens gesehen. In Zeiten der Globalisierung wird sich dieser Trend weiter verstärken.

sueddeutsche.de: Jeder Arbeitgeber hat seinen Mitarbeitern gegenüber eine gewisse Fürsorgepflicht. Wie verträgt sich die mit dem Turbo-Kapitalismus, den wir derzeit erleben?

Döring: Das verträgt sich überhaupt nicht. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es bei den Konzernchefs eine gewisse Gewichtsverschiebung gibt - von der Verantwortung gegenüber der Belegschaft zur Verantwortung gegenüber dem Finanzmarkt. Das traditionelle Modell einer verantwortlichen und verbindlichen Beschäftigung, das langfristig an die Beziehung zwischen Unternehmen und Belegschaft denkt, wird schrittweise einfach weiter erodieren.

sueddeutsche.de: Was heißt das konkret? Was wird passieren?

Döring: Es entsteht ein noch stärkerer Trend hin zu flexiblen Formen und prekärer Beschäftigung. Unterschiedliche Formen von echter und unechter Selbständigkeit nehmen zu. Der Rand der Beschäftigung wird breiter.

sueddeutsche.de: Wer wird zu den Verlierern dieser Entwicklung zählen?

Döring: Letzlich bleiben die Gruppen ohne Ausbildung auf der Strecke, zumal, wenn sie sprachlich und kulturell schlecht in unsere Gesellschaft integriert ist. Auf Dauer zählen aber auch Langzeit- und ältere Arbeitslose, die Bildungs- und Qualifikationsdefizite aufweisen, zu den Verlierern.

sueddeutsche.de: Jede kleine Baubude auf dem Dorf entlässt relativ kurzfristig Mitarbeiter, wenn es nicht ausreichend Aufträge gibt. Sind Konzerne wie BMW oder auch Siemens mit großem Managementwissen in den obersten Hierarchieebenen ob ihrer Komplexität zu unflexibel für die Globalisierung?

Döring: Nein, aber sie haben andere Maßstäbe. Keines der genannten Unternehmen musste derzeit entlassen, aber es gibt einen großen internationalen Wettbewerb um die Ertragsstärke von Unternehmen - und damit auch um den Wert des Unternehmens auf dem Finanzmarkt. Und das ist ein wichtiger Parameter für Unternehmensentscheidungen.

sueddeutsche.de: Wie viel Jobabbau verträgt unsere Republik?

Döring: Die gesamte Republik baut im Moment keine Jobs ab, denn wir haben seit einiger Zeit eine positive Arbeitsmarktentwicklung. Die aktuellen Stellenstreichungen laufen gegen den allgemeinen Trend.

sueddeutsche.de: Angeblich stehen die Zulieferer bei BMW schon Schlange, um die rausgeschmissenen Zeitarbeiter zu übernehmen. Ist die ganze Aufregung also überflüssig?

Döring: Das spricht im Grunde genommen nur dafür, dass Unternehmen in hohem Maße Funktionen aus dem Unternehmen herausverlagert haben.

Lesen Sie weiter, warum das Modell der Zeitarbeit kein Modell der Zukunft ist.

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