Süddeutsche Zeitung

Massentierhaltung:Bitte keine Antibiotika

Lesezeit: 3 min

Keime in Wurst und Fleisch sind nicht nur ekelhaft, ihre Erreger werden auch zunehmend resistent gegen Antibiotika. Lebensrettende Medikamente könnten dadurch wirkungslos werden. Doch die Politik will sich nicht mit der Fleischindustrie anlegen.

Ein Kommentar von Silvia Liebrich

Lebensmittelkontrolleure finden immer wieder ekelerregende Keime in Wurst und Fleisch. Das ist an sich nichts Neues. Das Erschreckende daran ist aber, dass sie immer antibiotikaresistenter werden. Und seit Jahren ändert sich nichts daran. Jüngstes Beispiel ist eine Stichprobe, die seit dieser Woche auf dem Tisch liegt. Jede sechste Probe war dabei mit antibiotikaresistenten Erregern, sogenannten ESBL-Keimen, besiedelt. Betroffen waren vor allem Mettwurst und Putenfleisch.

Solche Keime machen zwar nicht direkt krank, können aber auf lange Sicht fatale Folgen haben. Über den Verzehr gelangen sie in den Körper und können sich dort festsetzen. Erkranken betroffene Menschen später an einer Infektion, kann es sein, dass Antibiotika ihnen nicht mehr helfen, weil die Wirkung ausbleibt. Experten gehen davon aus, dass sechs Millionen Deutsche solche Keime in sich tragen - das kann durchaus gefährlich werden.

Die Weltgesundheitsbehörde (WHO) hat gerade erst ungewöhnlich scharf vor den Risiken zunehmender Antibiotikaresistenzen gewarnt. Sie sieht die Welt bereits auf eine Zukunft zusteuern, in der die einst lebensrettenden Medikamente völlig wirkungslos sein werden. Deutlich benannt hat die WHO auch die Ursachen. Gefährliche Keime lauern nicht nur in Krankenhäusern, sondern sie kommen auch aus dem Stall. Mit der Gülle gelangen die Erreger zudem auf die Felder. Das Fatale: Antibiotikaresistente Keime gelangen so in die gesamte Nahrungskette.

Die Politik zögert und zaudert, anstatt zu handeln

Die Gefahren und Zusammenhänge sind bekannt und durch Studien belegt. Doch anstatt zu handeln, zögert und zaudert die Politik. Dort will man sich offensichtlich nicht mit der mächtigen Lobby der Fleischindustrie und der Bauern anlegen. Der Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung hat sich deshalb in den vergangenen Jahren ungehindert vervielfacht, unter den Augen der Behörden. Der Großteil dieser Medikamente wird inzwischen in der Tierhaltung verbraucht und nicht etwa in der Humanmedizin.

Da der Platz im Stall ein Kostenfaktor ist, werden immer mehr Tiere auf engstem Raum zusammengepfercht. Dies oft unter Bedingungen, die sie ohne Medikamente nicht bis zum geplanten Schlachttermin überleben würden. Antibiotika sind so zu einem unverzichtbaren Betriebsmittel in der industriell organisierten Tierhaltung geworden.

Befeuert wird der harte Sparkurs im Stall auch durch den Handel. Dort liefern sich Discounter und Supermarktketten einen verantwortungslosen Preiskampf bei Fleisch und Wurst. Dabei werden auch die Produzenten, zum Beispiel Geflügel- und Schweinehalter, mächtig unter Druck gesetzt. Sie sollen billige Massenware liefern. Der Handel trägt deshalb eine Mitschuld am Missbrauch von Antibiotika in der Tierhaltung.

Anstatt das Problem aber an der Wurzel zu bekämpfen, gibt es vonseiten der Behörden gute Tipps für die Küche. So rät etwa das Bundesinstitut für Risikobewertung, immerhin die erste Instanz in Sachen Lebensmittelsicherheit in Deutschland, rohes Hühnchenfleisch nur mit Handschuhen anzufassen und später alle Küchengeräte gründlich zu desinfizieren. Was nach gut gemeinten Ratschlägen klingt, ist jedoch in Wahrheit eine Kapitulation. Eine Kapitulation vor den Auswüchsen in der Tierhaltung, in der Fleischindustrie und im Handel.

Konsumenten bleiben ratlos und verunsichert zurück. Sie pochen zu Recht auf einen wirksamen und effektiven Verbraucherschutz. Doch genau darum drücken sich die verantwortlichen Ministerien für Landwirtschaft und Verbraucherschutz seit Jahren. Fest steht: Es führt kein Weg daran vorbei, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung drastisch zu reduzieren - und zwar schnell. Besser wäre es, ihn gleich ganz zu verbieten. In Zukunft müssen diese Medikamente absoluten Notfällen vorbehalten bleiben.

Dafür bedarf es aber entsprechender Gesetze und scharfer Kontrollen. Das zu regeln, ist die Aufgabe von Bund und Ländern. Zwar müssen Tierhalter seit Kurzem ihren Antibiotikaverbrauch melden. Senken lässt sich der Bedarf damit allerdings nicht. Geradezu naiv wäre es außerdem, auf eine freiwillige Selbstbeschränkung der Mäster zu setzen.

Wer immer noch versucht, das Problem herunterzureden oder als Hysterie abzutun, treibt ein gefährliches Spiel. Keime auf Mettbrötchen sind alles andere als harmlos, sie sind ein Indiz dafür, was der Menschheit bevorstehen könnte, wenn Antibiotika nicht mehr wirken. Künftige Generationen müssen dann mit dem Risiko leben, dass schon gewöhnliche Krankheiten oder harmlose Verletzungen lebensgefährlich werden können.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1973067
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 24.05.2014
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.