Automation:Deutsche Firmen unter Druck

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Automatisierung und Robotik sind wichtig, um den Industriestandort Deutschland zu halten. (Foto: Reuters)

Anbieter aus China drängen mit Robotern nach Europa – auch, weil sie in den USA kaum mehr Abnehmer finden. Und die Unternehmen hier klagen: Mit der Geschwindigkeit könnten sie nicht mithalten.

Von Elisabeth Dostert

Technologisch gesehen ist die Ausgangslage für die deutschen Unternehmen, die die Fabriken automatisieren, gar nicht so schlecht. Wenn es um Innovationen wie etwa den Einsatz von künstlicher Intelligenz gehe, „können wir mit China und den USA mithalten“, sagt Frank Konrad, Vorstand des Fachverbands Robotik und Automation im VDMA. Die Start-up-Szene sei stark. Gebraucht werden die Maschinen auch.

„Wir haben alles, um Fabriken für Batterien oder Brennstoffzellen auszustatten“, sagt Konrad. Er ist auch Chef der Firma Hahn Automation aus Rheinböllen mit mehr als 1800 Mitarbeitern und etwa 300 Millionen Euro. Mehrheitsaktionär ist die RAG-Stiftung. Automatisierung und Robotik seien wichtig, um den Industriestandort Deutschland wettbewerbsfähig zu halten und die gesellschaftliche Transformation zu stemmen, sagt Patrick Schwarzkopf, Geschäftsführer der VDMA-Sparte. In der Industrie fehlen aufgrund des demografischen Wandels Arbeitskräfte.

Trotzdem ist die Stimmung im Umfeld der ersten Konferenz für KI-basierte Robotik der Bundesministerien für Wirtschaft und Forschung diese Woche in Berlin getrübt. Gerade hat der VDMA-Fachverband seine Prognose für 2024 halbiert, er rechnet jetzt noch mit einem Umsatzwachstum um zwei Prozent auf 16,5 Milliarden Euro. 2023 legte der Umsatz um 13 Prozent auf 16,2 Milliarden Euro zu. Das Inlandsgeschäft trete auf der Stelle, sagt Konrad. Die Kunden seien verunsichert und investierten nur zurückhaltend. In den ersten vier Monaten 2024 brach der Auftragseingang im Inland um 15 Prozent ein. Besser läuft es im Ausland, wo im gleichen Zeitraum der Auftragseingang um gut ein Fünftel zulegte.

„Wir stehen unter Druck“, sagt Konrad. „Er kommt von vielen Seiten“, ergänzt Schwarzkopf. Die beiden Männer kritisieren die schlechten Rahmenbedingungen.„Die Bürokratie lähmt uns“, klagt Konrad, „die Maschinen aus China sind nicht unbedingt preiswerter, schon gar nicht, wenn es um Hochtechnologie geht. Aber mit dem Speed von China können wir nicht mithalten.“ Der Druck auf die deutschen Hersteller steige aufgrund der geopolitischen Spannungen zwischen den USA und China. „Die chinesischen Anbieter von Automation und Robotik können in den USA kaum noch etwas verkaufen“, sagt Konrad: „Sie drängen nach Europa und da vor allem nach Deutschland, weil sie dort viel bessere Preise für ihre Produkte erzielen können als im Heimatmarkt.“

Konrad erwartet weitere Übernahmen und Fusionen. Die Konsolidierung sei in vollem Gange. „Die Großen in China werden noch größer“, sagt der Firmenchef. Der größte Coup war die Übernahme des damals börsennotierten Herstellers Kuka durch den chinesischen Konzern Midea 2016 für Medienberichten zufolge mehr als drei Milliarden Euro. 2022 folgte der Squeeze-out, also der Ausschluss der Kleinaktionäre. Seither hat Midea Kuka ganz für sich allein. 2023 setzt Kuka laut Geschäftsbericht mit knapp 15 000 Mitarbeitern 4,1 Milliarden Euro um. Im Kapitel Chancen und Risiko stehen Marktrisiken ganz oben. Das Risiko von Auftrags- und Absatzeinbrüchen aufgrund der geopolitischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten sei „wahrscheinlich“, die Auswirkungen „sehr hoch“.

„Die deutschen Gründer sind gut, aber sie bekommen nicht genügend Wagniskapital.“

Es gab auch in der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt kleinere Käufe. Im März 2023 schluckte die chinesische Gruppe Estun den Anlagenbauer MAi aus Kronach ganz, die Mehrheit hielt sie ohnehin schon einige Jahre. 2019 übernahm Estun die auf Schweißtechnik spezialisierte Firma Cloos aus dem hessischen Haiger. Durch die Übernahme strebe die Estun-Gruppe an, ein weltweit führendes Robotik-Unternehmen zu werden, teilte Cloos damals mit. Estun wurde nach eigenen Angaben 1993 in Nanjing gegründet und ist börsennotiert.

Gefallen in China finden auch deutsche Robotik-Start-ups. „Die deutschen Gründer sind gut, aber sie bekommen nicht genügend Wagniskapital für das Wachstum“, sagt Schwarzkopf vom VDMA. Beispiel: Neura aus Metzingen. Der chinesische Maschinenbau-Konzern Han’s gehörte zu den ersten Investoren des 2019 von David Reger gegründeten Start-ups und hielt Medienberichten zufolge zeitweise etwa 70 Prozent des Kapitals. Mittlerweile gehört Han’s nicht mehr zu den Gesellschaftern. Die Anteile seien von Reger und einem europäischen Investoren-Konsortium erworben worden.

Roboterarme des Metzinger Start-ups Neura. Die Firma ist gerade dabei, die Produktion von China zurück nach Deutschland zu verlagern. (Foto: Neura)

Im Februar hatte Neura angekündigt, die Produktion im Laufe des Jahres aus China nach Deutschland zu holen. Eine Produktion in Deutschland berge für Neura Robotics überwiegend Vorteile, teilt das Unternehmen mit. Für die Kunden im asiatischen Raum arbeite Neura weiter auch mit seinem chinesischen Partner zusammen, „da wir überall in der Welt auf kurze und nachhaltige Lieferketten setzen.“ Zeitweilig gehörte auch Till Reuter, der ehemalige Kuka-Chef, dem Aufsichtsrat an. Er hat das Kontrollgremium verlassen, sei Neura aber weiter „freundschaftlich verbunden.“ Reuter ist mittlerweile Vorstandschef der Schweizer Dormakaba Group.

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