Süddeutsche Zeitung

Neue Arbeitswelt:Keine Angst vor der Maschinenära

Lesezeit: 6 min

Essay von Alexander Hagelüken

Arbeitnehmer spüren, dass sich gerade gewaltig etwas ändert. Ob sie wollen oder nicht. Täglich künden die Medien, was neue Algorithmen, Roboter oder künstliche Intelligenzen alles können. Im Zweifel mehr als sie, die Menschen. Maschinen, die ja 24 Stunden schuften, nie erkranken oder den Chef kritisieren, scheinen gerade die Zukunft zu besetzen. Die Arbeitnehmer, die Wertschätzung möchten, Work-Life-Balance und mehr Lohn, fühlen sich rasch so gestrig wie die Ackergäule, als der Traktor übernahm.

Das Weltwirtschaftsforum Davos (WEF) heizt die Debatte an. Manager zentraler Industrie- und Schwellenländer beziffern, dass Maschinen global schon 30 Prozent der Arbeitsstunden erledigen. Das klingt enorm, ist aber nicht die News. Die lautet: In fünf Jahren könnten Maschinen mehr Arbeit erledigen als Menschen.

Weniger Arbeit, mehr Freizeit, spannendere Jobs?

Falls es so kommt, wäre das ein epochaler Einschnitt. Vergleichbar mit dem Moment, als Jäger und Sammler nach Hunderttausenden Jahren entschieden, Ackerbauern und Viehzüchter zu werden. Und mit dem Pflug in der Erde wühlten statt mit Fingern. Da begann die Entwicklung zum homo digitalis mit iPhone und drei Mal so langem Leben wie das Jägervolk.

Aus den Holzpflügen von einst sind glänzende Maschinen geworden, die automatisch erledigen, wozu Menschen gar nicht mehr benötigt werden. In Fabriken und Büros bald auch nicht mehr? Übernehmen Maschinen bald den Großteil der Arbeit?

Schon einmal sandte eine Prognose Schockwellen durch die Welt: 2013 sagten Michael Osborne und Carl B. Frey voraus, Maschinen könnten jeden zweiten US-Arbeitsplatz ersetzen. In wissenschaftlichen Varianten erschüttert dies seither den Glauben der Arbeitnehmer an sichere Jobs. Die Optimisten kontern, die Angst vor dem Fortschritt habe sich nie bewahrheitet. Es entstanden für die alten Tätigkeiten einfach immer neue. Die Skeptiker beharren, diesmal sei das anders - Maschinen seien eine ganz andere Bedrohung.

Diese Auseinandersetzung lässt sich mit dem Bonmot abkürzen, dass nichts schwerer ist als eine Prognose, die die Zukunft betrifft. Die Menschen können nicht wissen, was geschehen wird. Aber das ist weniger dramatisch als es klingt. Entscheidend ist, dass sie Herren des Verfahrens bleiben - und eine Vision für das neue Maschinenzeitalter entwickeln.

75 Millionen Jobs könnten wegfallen - aber 133 Millionen entstehen

Weg mit dem Fatalismus, dass die Menschen zwangsläufig Beruf, Lohn und Lebenssinn einbüßen und enden wie Spielzeug, das der Fortschritt wegwirft. Zu viel Angst lähmt. Deshalb ist es Zeit, die Perspektive zu wechseln. Die Maschinenära lässt sich auch, ja: als Chance begreifen. Vielleicht ist sogar zu erreichen, dass Menschen spannendere Berufe haben als zuvor? Und weniger arbeiten, also mehr freie Zeit haben, aber trotzdem genug Geld? Für verängstigte Arbeitnehmer mag sich dies provokativ, ja zynisch anhören. Doch genau solche positive Visionen existieren schon - von so verschiedenen Ökonomen wie John Maynard Keynes und Karl Marx.

Dass sich die Maschinenära positiv interpretieren lässt, sagen die befragten WEF-Manager selbst. Sie prophezeien, dass in den nächsten drei Jahren global 75 Millionen Jobs wegfallen - aber 133 Millionen entstehen. Vor allem klassische Bürojobs fallen demnach weg. Aber gebraucht werden Datenanalytiker, Social-Media-Fachleute oder Verkäufer.

Man mag das als Zweckoptimismus von Managern abtun, die die Arbeitnehmer in Sicherheit wiegen, um ihre Geschäfte nicht zu gefährden. Doch auch wer selbst über die Zukunft nachdenkt, entdeckt Positives. Unbestreitbar nehmen die Maschinen den Menschen Schweres und Stupides ab. Plackerei in Feld und Fabrik genauso wie Routine im Büro, die Sachbearbeiter und Sekretärinnen langweilt. Was der Mensch der Maschine hingegen noch lange voraus haben wird (vielleicht: immer), das sind Kreativität, Überzeugungskraft oder Empathie. Warum nutzt er diese Fähigkeiten nicht? Etwas entwerfen und entwickeln, jemanden unterrichten, beraten oder sich um ihn kümmern: Wäre das nicht spannender als Maloche am Band und Routine im Büro?

Für einen Wandel zu anspruchsvolleren Arbeitsplätzen müssen sich die Arbeitnehmer allerdings selbst wandeln. Der Bildungstrend stimmt zwar: Inzwischen verfügen 30 Prozent der Bürger über Abitur oder Unidiplom, also beinahe doppelt so viele wie zur Jahrtausendwende. Doch im engeren Sinne für die digitale Ära gerüstet ist nur jeder zweite Beschäftigte.

Um das zu ändern, müssten die Beschäftigten aufhören, ihr Leben zweizuteilen: Erst lernen, dann arbeiten (und nicht mehr lernen). Mit Schule, Lehre und Uni darf das Lernen in der digitalen Ära nicht mehr aufhören. Diese Einsicht müsste neben den Beschäftigten auch die Unternehmen erfassen. Personaler sollten den Shareholder-Value-Geist abstreifen, der Arbeitnehmer zum Kostenfaktor reduziert - und sie als Investitionsobjekt begreifen. Sie sollten, aber werden sie?

Es gibt Anzeichen, dass die Firmen allzu kurzfristiges Renditedenken hinter sich lassen, erst recht, weil Fachkräfte fehlen. Und es gibt ja noch Gesellschaft und Politik. Sie müssen die Wirtschaft drängen, die Arbeitnehmer nicht allein in die digitale Ära stolpern zu lassen.

Um über die aktuelle Regierung etwas Positives zu sagen: SPD und Union haben Fortbildung zum großen Ziel ausgerufen. Gerade debattieren sie mit Fachleuten über das erste Gesetzespaket.

Die neue Ära muss mit aller politischer Energie gestaltet werden

Um über die aktuelle Regierung das Übliche zu sagen: Wirklich gut wäre sie nur, wenn sie Fortbildung keine Debatte unter Fachleuten bleiben ließe. Wenn sie Köpfe und Herzen der Bürger mit einer Digitalstrategie zu erobern suchte: Hier geht es um Eure Jobs und Löhne! Gestaltet die Zukunft, bevor Unternehmer oder globale Investoren über Euch entscheiden! Stattdessen streitet die Union monatelang um Asyldetails und einen verirrten Verfassungsschützer - und signalisiert den Bürgern so, es gebe keine wichtigeren Themen. Bis die es selber glauben.

Dabei muss die Maschinenära mit aller politischen Energie gestaltet werden, denn sie wirkt sich nicht von selber für alle Menschen positiv aus. Dafür sind die Interessen von Kapitalisten und Arbeitnehmern zu unterschiedlich. Die Besitzer der Maschinen werden versuchen, den steigenden Wertschöpfungsanteil der Maschinen allein zu kassieren. Und die Arbeitnehmer, die große Mehrheit der Bevölkerung? Muss ein Schrumpfen der klassischen Lohnarbeit fürchten.

"Natürlich werden dank der Digitalisierung Millionen neuer, heute noch unbekannter Jobs entstehen", sagt der Ökonom Thomas Straubhaar. "Aber sie werden nicht im selben Maße Arbeitszeit beanspruchen, wie das früher der Fall war". Die Arbeitszeit sinkt, seit die Industrialisierung begann. Waren die Menschen damals 80 Stunden die Woche tätig, reduzierte dies der technische Fortschritt bis heute unter 40. John Maynard Keynes sah schon 1930 technologische Arbeitslosigkeit kommen: Die 15-Stunden-Woche - für alle.

Das Besondere ist: Er sah dies nicht als Bedrohung, sondern als Chance. Als Freiheit, seine Tage mit anderem zu verbringen als Lohnarbeit. In einem wunderbaren Zeitalter "der Freizeit und des Überflusses", so Keynes in dem Essay "Economic possibilities for our grandchildren". Nachdem die Menschheit jahrtausendelang geschuftet habe, um wirtschaftlich zu überleben, werde sie endlich frei sein. Dank der Maschinen. Er datierte diesen Zeitpunkt auf das Jahr 2030, also bald.

Keynes setzte voraus, dass die Erträge der Maschinen so verteilt werden, dass alle Menschen profitieren. Aber wird dies wirklich der Fall sein? Nur jeder zehnte Deutsche besitzt Firmenanteile wie Aktien, also das Eigentum an den Maschinen. Warum sollten die Kapitalisten abgeben?

Es ist eine Frage der Macht. Die Kapitalbesitzer dürften ihre wirtschaftliche Macht einsetzen, um mit tausend vorgeschobenen Argumenten dafür zu lobbyieren, dass sie möglichst wenig abgeben müssen. So wie sie zuletzt mittels der CSU eine weitgehende Steuerbefreiung von Firmenerben durchsetzten, die die Interessen der Allgemeinheit ignoriert. In einer Demokratie sollte die Macht aber bei der Mehrheit liegen, bei den Arbeitnehmern, deren Einkommen schrumpfen dürfte. Sie müssten die Parteien drängen, die Gewinne der Maschinenära fair zu verteilen.

Eigentum statt Grundeinkommen

Um das zu tun, favorisieren immer mehr Bürger ein bedingungsloses Grundeinkommen. Etwa 1000 Euro im Monat könnten den schrumpfenden Lohn aufpolstern. Die Idee ist so bestechend einfach, dass sie Schwärmerei auslöst. Zu viel Schwärmerei. Abgesehen von vielen Einzelfragen stimmt die Machtfrage nachdenklich: Ein Grundeinkommen bleibt eine Subvention, die nach der nächsten Wahl wieder abgeschafft werden kann, nachdem die Kapitalisten effizient lobbyiert haben.

Sollen Millionen Deutsche auf so einer wackligen Basis ihr Leben planen? Dabei überzeugt auch nicht, dass sich gerade Digitalmilliardäre des Silicon Valley, die ansonsten nicht unbedingt für ihr Sozialgefühl bekannt sind, für ein Grundeinkommen starkmachen. Denn die haben ein höchst egoistisches Motiv für ihr Werben: Sie fürchten die zweite, bessere Alternative, die Gewinne der Maschinenära fair zu verteilen - durch eine gewisse Umverteilung des Kapitals. Die Arbeitnehmer erhalten dabei in größerem Umfang Anteile an den Unternehmen - und profitieren damit direkt von den wachsenden Erträgen der Maschinen. Sie hätten Eigentum, keine Subvention wie beim Grundeinkommen. Eigentum plus demokratische Entscheidungsmacht: So kommt die Masse der Menschen in die Maschinenära, ohne zu verelenden.

Dieser Plan kommt Karl Marx' Vision vom Volkseigentum nahe. Natürlich wären dafür viele Fragen zu klären. Wie lassen sich die Arbeitnehmer an den Firmen beteiligen, ohne die Effizienz des kapitalistischen Modells zu opfern? Sozialistische Planwirtschaft will keiner. Man bräuchte also Marx ohne Murks. Und ohne Diktatur.

An ein solches Konzept sollten sich jetzt die klügsten Ökonomen setzen. Damit die Menschen nicht mehr in Angst vor der Maschinenära erstarren, sondern die Arbeitswut der Maschinen genießen können. So wie es Karl Marx 1846 in "Die deutsche Ideologie" ausbreitete: Eine Gesellschaft, die einem "möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe".

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Quelle:
SZ vom 27.10.2018
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