Neue Arbeitswelt Keine Angst vor der Maschinenära

Menschen sollten die Arbeitswut der Maschinen genießen können.

(Foto: )
  • Die Ausgangslage: Viele Arbeitnehmer fürchten die neue Berufswelt
  • Die Herausforderung: Nötig ist eine Vision, wie sie sicher in die Zukunft kommen
  • Das Ziel: Qualifizieren sich die Menschen für anspruchsvolle Jobs und verteilen das Kapital um, winkt ein besseres Leben als heute
Essay von Alexander Hagelüken

Arbeitnehmer spüren, dass sich gerade gewaltig etwas ändert. Ob sie wollen oder nicht. Täglich künden die Medien, was neue Algorithmen, Roboter oder künstliche Intelligenzen alles können. Im Zweifel mehr als sie, die Menschen. Maschinen, die ja 24 Stunden schuften, nie erkranken oder den Chef kritisieren, scheinen gerade die Zukunft zu besetzen. Die Arbeitnehmer, die Wertschätzung möchten, Work-Life-Balance und mehr Lohn, fühlen sich rasch so gestrig wie die Ackergäule, als der Traktor übernahm.

Das Weltwirtschaftsforum Davos (WEF) heizt die Debatte an. Manager zentraler Industrie- und Schwellenländer beziffern, dass Maschinen global schon 30 Prozent der Arbeitsstunden erledigen. Das klingt enorm, ist aber nicht die News. Die lautet: In fünf Jahren könnten Maschinen mehr Arbeit erledigen als Menschen.

Weniger Arbeit, mehr Freizeit, spannendere Jobs?

Falls es so kommt, wäre das ein epochaler Einschnitt. Vergleichbar mit dem Moment, als Jäger und Sammler nach Hunderttausenden Jahren entschieden, Ackerbauern und Viehzüchter zu werden. Und mit dem Pflug in der Erde wühlten statt mit Fingern. Da begann die Entwicklung zum homo digitalis mit iPhone und drei Mal so langem Leben wie das Jägervolk.

Aus den Holzpflügen von einst sind glänzende Maschinen geworden, die automatisch erledigen, wozu Menschen gar nicht mehr benötigt werden. In Fabriken und Büros bald auch nicht mehr? Übernehmen Maschinen bald den Großteil der Arbeit?

Schon einmal sandte eine Prognose Schockwellen durch die Welt: 2013 sagten Michael Osborne und Carl B. Frey voraus, Maschinen könnten jeden zweiten US-Arbeitsplatz ersetzen. In wissenschaftlichen Varianten erschüttert dies seither den Glauben der Arbeitnehmer an sichere Jobs. Die Optimisten kontern, die Angst vor dem Fortschritt habe sich nie bewahrheitet. Es entstanden für die alten Tätigkeiten einfach immer neue. Die Skeptiker beharren, diesmal sei das anders - Maschinen seien eine ganz andere Bedrohung.

Diese Auseinandersetzung lässt sich mit dem Bonmot abkürzen, dass nichts schwerer ist als eine Prognose, die die Zukunft betrifft. Die Menschen können nicht wissen, was geschehen wird. Aber das ist weniger dramatisch als es klingt. Entscheidend ist, dass sie Herren des Verfahrens bleiben - und eine Vision für das neue Maschinenzeitalter entwickeln.

75 Millionen Jobs könnten wegfallen - aber 133 Millionen entstehen

Weg mit dem Fatalismus, dass die Menschen zwangsläufig Beruf, Lohn und Lebenssinn einbüßen und enden wie Spielzeug, das der Fortschritt wegwirft. Zu viel Angst lähmt. Deshalb ist es Zeit, die Perspektive zu wechseln. Die Maschinenära lässt sich auch, ja: als Chance begreifen. Vielleicht ist sogar zu erreichen, dass Menschen spannendere Berufe haben als zuvor? Und weniger arbeiten, also mehr freie Zeit haben, aber trotzdem genug Geld? Für verängstigte Arbeitnehmer mag sich dies provokativ, ja zynisch anhören. Doch genau solche positive Visionen existieren schon - von so verschiedenen Ökonomen wie John Maynard Keynes und Karl Marx.

Dass sich die Maschinenära positiv interpretieren lässt, sagen die befragten WEF-Manager selbst. Sie prophezeien, dass in den nächsten drei Jahren global 75 Millionen Jobs wegfallen - aber 133 Millionen entstehen. Vor allem klassische Bürojobs fallen demnach weg. Aber gebraucht werden Datenanalytiker, Social-Media-Fachleute oder Verkäufer.

Man mag das als Zweckoptimismus von Managern abtun, die die Arbeitnehmer in Sicherheit wiegen, um ihre Geschäfte nicht zu gefährden. Doch auch wer selbst über die Zukunft nachdenkt, entdeckt Positives. Unbestreitbar nehmen die Maschinen den Menschen Schweres und Stupides ab. Plackerei in Feld und Fabrik genauso wie Routine im Büro, die Sachbearbeiter und Sekretärinnen langweilt. Was der Mensch der Maschine hingegen noch lange voraus haben wird (vielleicht: immer), das sind Kreativität, Überzeugungskraft oder Empathie. Warum nutzt er diese Fähigkeiten nicht? Etwas entwerfen und entwickeln, jemanden unterrichten, beraten oder sich um ihn kümmern: Wäre das nicht spannender als Maloche am Band und Routine im Büro?