Martin Shkreli:Gierschlund

Erst verteuert der "meistgehasste Mann des Internets" ein Aids-Medikament um 4000 Prozent, dann kauft er auch noch die einzige Kopie des neuen Wu-Tang-Clan-Albums. Verhaftet wird er aus anderen Gründen.

Von Jan Willmroth

Vielleicht heißt der amerikanische Traum so, weil Träume immer die Wirklichkeit verklären. Martin Shkreli hätte ein Beweis sein können, dass der Mythos noch funktioniert, dass eine Gesellschaft, in der Arm und Reich so weit auseinanderliegen, noch Sprünge von unten nach oben zulässt. Shkreli, Wunderkind aus Brooklyn, Sohn hart arbeitender Einwanderer aus Kroatien und Albanien, Schulabbrecher, einst Wall-Street-Karrierist mit noch nicht einmal 20 Jahren. Hedgefonds-Manager. Pharma-Investor. Traum-Geschichte. Einerseits.

Andererseits, in der Wirklichkeit, hat das FBI Shkreli am Donnerstagmorgen in New York verhaftet. Es ist der vorläufige Höhepunkt in dieser Geschichte des 32-Jährigen, der außerhalb der Hochfinanz vielleicht nie bekannt geworden wäre. Die Behörden werfen Shkreli Bloomberg zufolge vor, aus der von ihm gegründeten Biotech-Firma Retrophin Gelder abgezweigt zu haben, um enttäuschte Investoren seines insolventen Hedgefonds MSMB auszubezahlen. Er soll die Zahlungen mit fingierten Beraterverträgen und komplizierten Deals verschleiert haben. Retrophin hatte ihn vor einem guten Jahr entlassen und verklagte ihn.

Ja, vielleicht wäre dieser jungenhafte Fuchs nur einer von Tausenden Wall-Street-Aufschneidern geblieben. Schnelles Geld, ein Händchen für Deals, nicht immer sauber. Wenn er nicht mit seiner neuen Investment-Firma Turing Pharmaceuticals ausgerechnet das seit 1953 zugelassene Medikament Daraprim gekauft hätte, Wirkstoff Pyrimethamin. Es wirkt gegen die parasitäre Krankheit Toxoplasmose und wird in der AIDS-Behandlung eingesetzt. Preis pro Pille vorher: 18 Dollar. Preis pro Pille, nachdem Shkreli es aus dem regulären Verkauf entfernen ließ: 750 Dollar. Viertausend Prozent Aufschlag. Aufschrei in der Öffentlichkeit: extrem laut. Sogar Hillary Clinton versuchte ihn zu überreden, den Preis wieder zu senken. Seine Antwort per Tweet: "lol", Internet-Sprech für ein lautes "haha". "Meistgehasster Mann des Internets", wurde er genannt.

Und dann, kürzlich, die Sache mit der Rap-Gruppe Wu-Tang-Clan. Die hatte ein Unikat ihres neuen Albums pressen lassen und es meistbietend versteigert. Der Käufer: Martin Shkreli. Zwei Millionen Dollar hat er angeblich bezahlt - das Werk aber noch gar nicht gehört, wie er betonte. Noch mehr Hass, diesmal aus der Rap-Szene.

Am Donnerstag soll Shkreli in seinem Apartment in Manhattan gewesen sein, als das FBI ihn mitnahm. Es würde nicht zu diesem Mann passen, sollte das der letzte Höhepunkt dieser Geschichte gewesen sein.

© SZ vom 18.12.2015
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