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Marktmacht des Versandhändlers:Spielt Amazon Monopoly?

Amazon Bad Hersfeld

Harter Wettbewerber: Lager von Amazon.

(Foto: dpa)

Amazon kontrolliert den deutschen Online-Buchmarkt: Drei Viertel des Geldes, das im Netz mit Büchern verdient wird, fließt an den US-Konzern. Ist Amazon inzwischen Monopolist?

Von Jannis Brühl

Der Kunde hat Spaß, die Branche hat Angst. Gegen die Marktmacht des Versandhändlers Amazon finden Buchhändler und Verlage seit Jahren keine Strategie. Sie wollen sich notfalls mit dem Wettbewerbsrecht retten. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels spricht von einer "marktbeherrschenden Stellung" Amazons im Netz: "Wir beobachten die wachsende Marktdominanz von Amazon im Bereich des Online-Buchhandels mit Besorgnis."

Grund für die Sorge sind neue Zahlen des Bundesverbandes der Versandbuchhändler. Amazon kontrolliert demnach etwa 75 Prozent des Bücherversandes im Internet. Dieser Anteil liegt deutlich über einem Drittel und damit über der Schwelle, die laut Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen auf eine marktbeherrschende Stellung hindeutet. Ist Amazon ein Monopolist?

Die Daten des Verbandes sind lediglich eine Schätzung. Ihm gehören 136 Buchversender an, darunter Amazon selbst. Von den 2,15 Milliarden Euro, die Verbandsmitglieder online umsetzen, entfallen demnach etwa 1,6 Milliarden auf Amazon. Exakte Zahlen gibt es nicht. Der Konzern ist notorisch geheimnistuerisch. Wie viel Geld das Unternehmen mit Büchern macht, versteckt es schon immer in dem allgemeinen Posten "Medien" - zu dem auch CDs, DVDs und MP3 zählen. Aber seit das Unternehmen Anfang des Jahres zum ersten Mal seinen gesamten Umsatz in Deutschland veröffentlicht hat, können Rückschlüsse auf den Buchmarkt gezogen werden.

Klaus Holthoff-Frank ist Generalsekretär der Monopolkommission, welche die Regierung in Wettbewerbsfragen berät. Er weist darauf hin, wie schwierig allein die Abgrenzung des Marktes sei: Soll Amazons Anteil am gesamten Buchhandel gezählt werden oder nur am Versand im Netz? Der gesamte Buchmarkt hat dem Börsenverein zufolge im vergangenen Jahr mehr als neun Milliarden Euro umgesetzt - Amazons 1,6 Milliarden wären hier also ein deutlich geringerer Anteil als beim Bücherversand. Holthoff-Frank sagt, es sei zwar "denkbar", dass sich seine Kommission mit dem Buchhandel beschäftigt. Konkret geplant sei dies aber nicht.

BWL-Professor Gerrit Heinemann dagegen hält Amazon klar für einen Monopolisten. Er glaubt, der Börsenverein hindere sich selbst daran, die Wettbewerbswächter auf seine Seite zu ziehen. Er erforscht den Handel im Netz an der Hochschule Niederrhein und beobachtet Amazon seit langem. Heinemann sagt, der Börsenverein zähle auch Nicht-Buchartikel zu seinen Zahlen hinzu - Verluste an Amazon versuchten Buchhändler mit Plüschtieren oder Postern zu kompensieren. So wirkt Amazons Anteil am gesamten Buchgeschäft laut Heinemann kleiner, als er tatsächlich ist. Lege man die Zahl zugrunde, welche die Marktforscher von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) errechnet haben - einen Buchmarkt von 4 Milliarden Euro -, hätte Amazon mehr als 40 Prozent Marktanteil. Das wäre auch jenseits des Online-Buchhandels eine dominante Stellung. Der Börsenverein widerspricht: Seine Angabe von 9,6 Milliarden Euro umfasse nur Bücher und Zeitschriften, keine anderen Artikel.

Was sagt das Bundeskartellamt, der oberste deutsche Wettbewerbshüter? Dort heißt es, Amazons Marktmacht werde derzeit nicht untersucht. Der reine Marktanteil eines Unternehmens könne "höchstens ein Indiz" für Wettbewerbsverletzungen sein. Denn die Schwelle von einem Drittel ist lediglich ein "Vermutungskriterium", kein Automatismus, der das Amt zum Handeln zwingt. Nur im Fusionsfall könne das Kartellamt tätig werden, etwa bei Übernahme einer großen Kette, oder dem klaren Verdacht auf Missbrauch.

Allerdings interessiert sich das Amt sehr wohl für Amazon: Seit Anfang 2013 befragen die Wächter externe Händler, die Produkte über dessen Plattform Marketplace anbieten. Geprüft wird, ob Amazon ihnen verbieten darf, Produkte in ihren eigenen Online-Shops oder bei Konkurrenten wie Ebay billiger anzubieten als auf Amazon.

Zwang zum Rabatt

Auch die Monopolkommission hat den Buchmarkt schon einmal ins Visier genommen, allerdings anders, als es den Verlagen recht ist. Sie attackierte schon 2000 die Buchpreisbindung, wegen der ein Buch in Deutschland überall gleich viel kosten muss (Hauptgutachten 2000/2001 als PDF). Für die Kommission ist sie ein "ordnungspolitischen Ärgernis ersten Ranges". Ihre Abschaffung, so sie denn eines Tages kommt, dürfte eher Amazon zu Gute kommen. Konzernchef Bezos setzt oft auf eine Billig-Strategie, um weiter zu wachsen. So bietet er Apples iPad mit dem günstigen Tablet Kindle Fire die Stirn.

Der Buchmarkt ist kein gewöhnlicher Markt. Der neue Dan Brown kostet dank Preisbindung überall gleich viel und wird auch dann nicht besser, wenn man ihn beim Buchhändler um die Ecke kauft. Der Kampf um Kunden läuft hauptsächlich über Service - und der gilt in den Augen von immer mehr Kunden als Amazons Stärke. Bestellen und schnell geliefert bekommen ist einfach bequemer als der Gang in den Buchladen, die Auswahl ist riesig. Problematisch wird große Marktmacht in dieser Branche also nicht im Verhältnis zwischen Kunde und Händler, sondern in dem zwischen Händler und Produzent.

Die Produzenten im Buchhandel sind: die Verlage. Der Börsenverein sagt: "Amazon diktiert ungünstige Konditionen." Christoph Schroer, Chef des kleinen Kunstbuch-Verlages Neue Sachlichkeit, hatte sich im Februar in einem offenen Brief an Amazon-Chef Jeff Bezos gewandt. Er klagte über Rabatte von 50 Prozent, die der Platzhirsch den Verlagen aufzwinge, die diese mangels gleichstarker alternativer Verkaufskanäle akzeptierten.

Doch offene Kritik von Verlegern ist die Ausnahme. Wenn sie Beschwerden an die Behörden richten würden, dass Amazon seine Marktmacht in Verhandlungen missbraucht, könnte der Konzern ins Visier der Kartellwächter geraten. Allerdings ergibt sich auch daraus kein Zwang für das Kartellamt, zu handeln.

Die meisten Verlage waren bisher ohnehin still. Aus Angst, wie Professor Heinemann glaubt: "Faktisch liegt Abhängigkeit vor. Aber kein Verlag traut sich, aufzustehen." Wettbewerbshüter nennen es das "Ross-und-Reiter-Problem": Wer von einem großen Konzern abhängig ist, wird ihn kaum bei Behörden anschwärzen. Ein Monopolist könnte Produkte von Rebellen als Vergeltung auslisten.

© Süddeutsche.de/bbr
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