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Marktmacht Amazon:2,50 Euro weniger als im Tarifvertag

Von der Ausbildung her ist er eigentlich Chemiker, aber auch hier hat er es mit komplexen Zusammenhängen zu tun. Aus allen Himmelsrichtungen fließen die Warenströme in das Lager, und in alle Himmelsrichtungen fließen Warenströme wieder hinaus. Eine Trennung nach Produktgruppen würde die fein abgestimmten Abläufe stören, sagt Brandau und erklärt: "Wir sortieren nach Größe. Davon abgesehen herrscht Chaos."

Ein organisiertes Chaos allerdings: Software rechnet den perfekten Weg aus, auf dem Mitarbeiter Warenladungen möglichst optimal zusammenstellen. In orangenen Westen eilen die Arbeiter durch die Gänge, ausgerüstet mit einer Art Einkaufskorb und einer Scan-Pistole. Der Computer weist ihnen den Weg. Der Bestseller "Hunger Games" lagert neben der Doku-DVD "Senna" und der neuen CD von Van Halen. Der neueste Roman von Steven King befindet sich neben der DVD-Box der Serie "Mad Men". In anderen Regalen: Fußbälle, Kondome, iPhones von Apple.

Das Chaos verrät manches über Amazon-Gründer Jeff Bezos, den Tüftler und Techniker, der als Finanzanalyst an der Wall Street arbeitete, bevor er die Idee hatte, den größten Online-Händler zu starten. Und der inzwischen immer wieder mit Steve Jobs, dem genialen Apple-Gründer, verglichen wird.

"In gewisser Weise ist es eine besessene Firma"

Clausen sagt, Bezos zeichne sich durch "eine Mischung aus Spieltrieb, Geschäftssinn und Begeisterung für die eigene Idee" aus - auch das zeigt Parallelen zu Jobs. Ähnlich wie dieser schirmt auch der 48-jährige Bezos, Vater von vier Kindern, sein Privatleben streng ab, gibt nur selten Interviews, fordert von seinen Mitarbeitern Perfektion - aber auch Begeisterung. "In gewisser Weise ist es eine besessene Firma", sagt Clausen.

Nicht ganz ins Bild dieser besessenen, genialen und modernen Firma passt da der Vorwurf, dass Amazon bei den Löhnen der einfachen Mitarbeiter in den Warenzentren knausert. Der US-Konzern ist nicht an einen Tarifvertrag gebunden. Die angestellten Warenhausbeschäftigten oder Komissionierer - "Picker" im Amazon-Sprech - bekommen mehr als 2,50 Euro weniger pro Stunde als im Tarifvertrag der Branche vorgesehen, und kein Weihnachts- und Urlaubsgeld, sagt Thomas Gürlebeck.

Er ist bei der Gewerkschaft Verdi für das Versandlager in Graben zuständig. Deutschland-Chef Kleber sagt zu den Vorwürfen lediglich: Dass kein Tariflohn gezahlt werde, sei eben eine "Entscheidung des Unternehmens". Die Bezahlung sei "wettbewerbsfähig" - außerdem gehe es um Einstiegsgehälter, die mit der Zeit steigen könnten.

Vermutlich sind viele Mitarbeiter auch froh, hier einen Job gefunden zu haben. An machen Orten, in denen Amazon seine Zentren errichtete, gibt es nicht viele Alternativen. Und der Konzern stelle auch Langzeitarbeitslose ein, lobt Gürlebeck.

Gängelei, Druck, Akkord

Inzwischen gibt es in einigen Logistikzentren Betriebsräte, an den neuen Standorten sollen demnächst Arbeitnehmervertreter gewählt werden. Amazon hat angekündigt, diesen Prozess nicht zu behindern. Gewerkschafter Gürlebeck geht aber davon aus, dass das Unternehmen Führungskräfte zur Wahl aufstellen wird, um den Rat arbeitgeberfreundlich zu halten. Er erzählt von Arbeitern, die sich gegängelt fühlten durch Sicherheitskontrollen oder per SMS auf ihre Kommissioniergeräte Druck bekommen, bestimmte Paketzahlen pro Stunde zu packen.

In den Lagerhallen in Graben wird konzentriert gearbeitet und wenig gesprochen. Gabelstapler surren, Kartons werden gefaltet und gestaucht, Waren-Scanner piepen. Hier herrschen eigene Verkehrsregeln. Die orangenen Linien dürfen Fußgänger nicht überschreiten, um nicht von den vorbeisausenden Hubwagen erfasst werden.

Von einem Fußgängersektor in den anderen läuft man über blaue Zebrastreifen. Mitten im bayerischen Schwaben wird die Sprache des globalen Handels gesprochen und geschrieben. Jeder Bereich hat einen Namen, der klingt wie der Befehl eines American-Football-Trainers. Pick. Sort. Stow. Ship.

Standortleiter Norbert Brandau weiß, wie das wirkt und sagt fast entschuldigend: "Wir versuchen zumindest auf Betriebsversammlungen, Anglizismen zu vermeiden." Auch für das Versandlager gibt es einen Anglizismus: Fulfillment Center, als würden hier alle Wünsche in Erfüllung gehen.

Ein breiter Fluss spült auch eine Menge Unbrauchbares mit sich. Herausgefischt wird das in Graben in einer eigenen Halle. Hier werden Retouren aussortiert. Was geht noch? Was geht nicht mehr? Kaputte Produkte werden ins Land des Schadens verfrachtet - "Damageland" heißt die Station, von der aus sie zurück zum Hersteller gehen. Leichte Mängel dagegen bringen Amazons Maschine nicht ins Stocken. Auch mit solchen Produkten wird Geld gemacht. Sie werden unter der Amazon-Rubrik "Warehouse Deals" verramscht.

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