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Marktmacht Amazon:"Dieser Wettbewerb ist frei"

Amazon Logistik-Zentrum Pforzheim Weihnachten

Warenströme aus allen Himmelsrichtungen, in alle Himmelsrichtungen: Amazon Logistik-Zentrum in Pforzheim.

(Foto: dpa)

Bis zu 15 Prozent des Verkaufspreises zahlt Gündling an Amazon, dazu kommt eine monatliche Pauschale von 44 Euro und ein Teil der Versandkosten. Bei Ebay könnte sie es billiger haben. Und doch bleibt sie bei Amazon - wegen der Größe und weil der Service besser ist. Amazon stellt Händlern auf Wunsch seine Lagerhäuser zur Verfügung, wickelt den Versand ab.

Gündling hilft der Konzern beim Marketing und übernimmt das Inkasso. Gerade kleinere Anbieter kann das Risiko, dass der Kunde nicht zahlt, belasten. "Bei Ebay müssten wir selbst Mahnungen schreiben - dafür fehlt einfach die Zeit", sagt Gündling. Natürlich ist sie nicht mit allem zufrieden, bei der Kommunikation hapere es, bei Anfragen würde man oft mit vorgefertigten Textbausteinen abgefertigt.

Doch Gündling hat es gut getroffen. Mehrere tausend Sendungen im Jahr bringt sie über den "Marktplatz" an die Kunden. Das liegt auch daran, dass Amazon sie im Internet sichtbar macht. "Wenn sie ,Bambusbong' eingeben, sind wir in den Top 5 - auch bei Google." Das Ranking auf den Seiten selbst ist wichtig: Nur wer unter den ersten Anbietern steht, macht das Geschäft, so die Faustregel. Wer und wie man nach oben kommt, bleibt weitgehend Amazons Geheimnis, auch wenn Deutschland-Chef Kleber das anders darstellt.

Händler mit guten Bewertungen, die Ware verfügbar hätten, wanderten auf der Liste nach oben, sagt er. "Dieser Wettbewerb ist frei." Kontrollieren lässt sich das nicht. Lucia Gündling glaubt, dass auch Händler bevorzugt werden, die ihre Ware bei Amazon einlagern und den Konzern für den Versand zusätzlich bezahlen. "Ich bin mir sicher, dass es ein Belohnungs- und Bestrafungssystem gibt."

"Wer mit Amazon arbeitet, stärkt seinen eigenen Konkurrenten."

Sie sollte sich dennoch nicht zu sehr in Sicherheit wiegen. Denn Amazon, sagt Experte Heinemann, sei eben nicht nur eine Handelsplattform, sondern auch selbst Händler: "Wer mit Amazon zusammenarbeitet, stärkt im Grunde seinen eigenen Konkurrenten." Und das könnte für manchen kleinen Anbieter gefährlich werden.

Die Computer des US-Konzerns registrierten genau, welche Produkte sich gut verkaufen, und oft nehme der Konzern diese dann auch selbst ins Sortiment. Und dann erzählt Heinemann, dass ein ehemals führender Konzernmitarbeiter nach ein paar Bier das Verhältnis von externen Anbietern und Amazon als "tödliche Umarmung" bezeichnete.

Wer erfolgreich ist, laufe Gefahr, erdrückt zu werden. Deutschlandchef Kleber lacht, als man ihn mit dieser Aussage konfrontiert. "Es ist nicht weiter verwunderlich, dass gute Produkte auch von anderen Händlern angeboten werden", sagt er. Konkurrenz gehöre eben zum Geschäft. Pech nur, wenn einer der Beteiligten um ein Vielfaches stärker ist, als die anderen.

Wie hat es Amazon geschafft?

Doch was ist das Geheimnis dieses Erfolgs? Wie hat es Amazon geschafft, eine solche Marktstärke aufzubauen? Uwe Clausen, der heute das Fraunhofer-Institut für Logistik in Dortmund leitet, war bis 2001 bei Amazon für die Logistik zuständig. Er sagt: "Amazon hat die Verbindung von Warenwirtschaftssystemen und Frontend perfektioniert." Was er damit meint, ist: Niemand schafft es, so schnell, so präzise und mit einer so breiten Angebotspalette die Wünsche der Kunden zu erfüllen - und ihnen vielleicht auch noch den einen oder anderen "Wunsch" anzudrehen, wie Amazon.

Die Rechner des Konzerns registrieren nicht nur genau die Bewegungen der potenziellen Kunden bei der Suche nach Produkten. Sobald ein Kunde am Computer auf den Knopf "Kaufen" drückt, setzen sie eine fein abgestimmte Maschinerie in Gang. Der Klick des Käufers alarmiert den Mitarbeiter im Warenlager, der auf seinem Lesegerät genau sehen kann, welchen Artikel er aus welchem Regal holen, wann verpacken und auf welches Fließband legen muss, damit die Bestellung in der gewünschten Zeit beim Kunden ankommt.

Es ist ein System, dass für fachfremde Beobachter viele Überraschungen bereithält. Denn von Ordnung, wie man sich diese gemeinhin vorstellt, ist im Logistikzentrum in Graben nichts zu sehen. Hier gibt es kein Belletristik-Regal und keines für Bildbände. "Das wäre fatal", sagt Norbert Brandau. Der kräftige 44-Jährige ist Leiter des Logistikzentrums.