Marc Benioff betritt einen Raum wie der Onkel auf dem Grillfest, der weiß, dass die Party erst mit seiner Ankunft so richtig losgeht, denn er hat das feinste Fleisch und die tollsten Geschichten dabei. Er begrüßt alle, die sich nicht rechtzeitig aus der Einflugschneise subtrahieren, per Handschlag oder Schulterklopfen, stets mit dem für alle hörbaren Hinweis, welch edlen Tropfen man schon zusammen getrunken habe. Dahinter steckt die Botschaft: Ich kenne alle, ich kann mit jedem.
So hat der US-amerikanische Salesforce-Chef am gestrigen Dienstag die firmeneigene Konferenz Dreamforce in San Francisco eröffnet – von der es heißt, dass sie die wichtigste in der Geschichte des 1999 gegründeten Software-Giganten sei. Benioff sagt dazu: „Wir hatten die Cloud, wir hatten Mobile, wir hatten Social, wir hatten prädikative KI.“ Prädikative KI nutzt - vereinfacht ausgedrückt - Daten aus der Vergangenheit, um Modelle und Prognosen für die Zukunft zu erstellen. Die nächste Evolutionsstufe soll Agentic AI sein, ein KI-System, das autonom innerhalb des Workflows einer Firma agieren kann. Es analysiert Prozesse also in Echtzeit, schlägt Maßnahmen vor und leitet sie gegebenenfalls sogar selbst ein. „Es wird Magie“, sagt Benioff. Etwa 100 Millionen Dollar will Salesforce heuer durch den Einsatz der KI-Agents sparen.
Ein Blick auf den Aktienkurs des Unternehmens löst allerdings Verwunderung aus. Seit Jahresbeginn ist dieser um mehr als 27 Prozent gefallen. Das könnte daran liegen, dass der KI-Pionier OpenAI jüngst angekündigt hat, nicht mehr nur die KI-Infrastruktur für Software-as-a-Service-Konzerne wie Salesforce bereitstellen zu wollen, sondern diese Services selbst anbieten zu können. Im August hatte der OpenAI-Chef Sam Altman angekündigt, in die Fast-Fashion-Ära von Software-as-a-Service einzutreten. In der Branche wurde diese Aussage als Warnschuss wahrgenommen, Anfang Oktober titelte das Tech-Magazin Wired: „OpenAI niest – Software-Firmen bekommen eine Erkältung.“ Um in diesem Sprachbild zu bleiben: die Erkältungswelle der Software-Firmen in den USA hat auch Folgen für Marc Benioff. Im September hat er 4000 Mitarbeitende im Kundensupport entlassen. Die Begründung: Seit Jahresbeginn hätten KI-Agents in etwa die Hälfte der drei Millionen Kunden-Konversationen mit ähnlich zufriedenstellenden Ergebnissen erledigt.
Benioff hatte für seine Konferenz den Einsatz der Nationalgarde gefordert
Als der Unternehmer am Dienstag im Rahmen der Dreamforce Konferenz vor die Presse tritt, hagelt es trotz der Widrigkeiten Lob für OpenAI. Kritische Fragen gibt Benioff an Vertreter von Salesforce-Kunden wie Pepsi, Fedex oder Pandora weiter, mit der Aufforderung, doch bitte zu erklären, warum die Zusammenarbeit so toll laufe. Das kann man unbefriedigend nennen – oder sich fragen: Was soll Marc Benioff denn sonst tun? Die Branche verändert sich so schnell, kaum einer traut sich wirklich, eine klare Aussage über die Zukunft von KI zu tätigen.
Damit ist die Rolle von Benioff klar definiert: Er, Benioff, gibt den Baum, während der Wind gerade stark von vielen Seiten weht.
So ist das auch beim zweiten Aufreger-Thema rund um Marc Benioff der vergangenen Tage. In einem Interview mit der New York Times Mitte Oktober hatte der Unternehmer einen Einsatz der Nationalgarde in San Francisco während der Dreamforce gefordert– und damit US-Präsident Donald Trump eine Steilvorlage für Attacken gegen die linksliberale Metropole geliefert. „Mein oberstes Ziel ist die Sicherheit aller Besucher“, sagte Benioff. Salesforce habe 200 Sicherheitsleute angeheuert, eine Zusammenarbeit von Polizei, Security und Nationalgarde sei in seinen Augen begrüßenswert. Es sei, und so eine Gedankenbrücke bekommen nur die wenigsten Menschen so elegant gebaut wie Benioff, wie bei seinen neuen Produkten: am besten funktionieren sie, wenn KI-Agents und Menschen zusammenarbeiten.
Ein Baum im Wind also. Vielleicht ist das tatsächlich die derzeit vernünftigste Strategie für einen Konzern wie Salesforce. Dazu passt, dass Benioff kurze Zeit nach dieser Aussage David Sacks, den KI- und Krypto-Beauftragten der Trump-Regierung, interviewte. Beobachter deuten diese Aktion als weiteren Hinweis darauf, dass sich Benioff im politischen Wind gedreht haben könnte. Er klopft David Sacks, seinem „langjährigen Freund“ und „Botschafter des Silicon Valley in Washington“ während des Interviews auf die Schulter und erzählt von gemeinsam langen Nächten in seiner Küche. Die Botschaft, auch hier: Ich kenne alle, ich kann mit jedem, um meinen Konzern muss sich niemand Sorgen machen.

