VW-Abgasskandal:Werte frisiert, Vertrauen verspielt

In den USA manipuliert VW offenbar Abgaswerte für Diesel-Autos. Ein herber Schlag für den Konzern - und eine schwere Bürde für die deutsche Autoindustrie.

Kommentar von Thomas Fromm

Es gibt Sätze, deren Tragweite erst Tage, nach denen sie gesagt wurden, klar wird. So einen Satz hat VW-Chef Martin Winterkorn in der vergangenen Woche gesprochen. Man sei dabei, Volkswagen "neu zu erfinden", sagte er bei der Frankfurter Automesse IAA. Winterkorn sprach vor allem von der Digitalisierung der Branche.

Der Konzern muss sich wirklich neu erfinden

Seit diesem Wochenende ist klar: Volkswagen muss sich tatsächlich neu erfinden. Bei diesem Innovationsprozess geht es aber nicht allein um Elektromotoren und autonomes Fahren mit Mini-Computern und Sensoren. Es geht um den Konzern an sich. Und es geht um das höchste Gut, das ein Autokonzern wie Volkswagen mit seinen zehn Millionen verkauften Autos und 200 Milliarden Euro Umsatz im Jahr haben kann: seine Glaubwürdigkeit.

VW drohen in den USA Strafen in Milliardenhöhe, der Vorwurf der dortigen Behörden wiegt schwer (PDF). Jahrelang sollen die Wolfsburger mithilfe einer Spezialsoftware die Messung des Schadstoffausstoßes von Dieselfahrzeugen manipuliert haben. Dass der Konzern aufgefordert wird, an die 500 000 Autos zurückzurufen, ist dabei noch das kleinste Problem. Von Rückrufen sind heute so gut wie alle Hersteller betroffen - in den vergangenen Jahren auch die Konzernkolosse Toyota und General Motors. Autos werden von Jahr zu Jahr komplizierter, viele technische Mängel werden zu spät erkannt und erst dann behoben, wenn die Fahrzeuge längst auf dem Markt sind. So etwas tut weh, lässt sich aber in der Werkstatt regeln.

Das VW-Problem ist kein Fall für die Werkstatt. Wenn die Vorwürfe der US-Umweltbehörde stimmen - VW hat Fehler zugegeben -, dann hat der Konzern zu illegalen Mitteln gegriffen, um ganz gezielt Umweltauflagen auszuhebeln. So etwas kann nicht nur Milliarden kosten - noch teurer ist in solchen Fällen der Imageschaden.

VW hat ein ernstes Problem

Der Kunde vergisst eine solche Manipulation nicht und macht, wenn es ganz schlecht läuft, über Jahre einen Bogen um die Marke. Ausgerechnet VW, ausgerechnet die USA: Der zweitgrößte Automarkt der Welt ist für alle Hersteller von existenzieller Bedeutung, auf der Karte der Wolfsburger aber findet sich dort seit Jahren ein schwarzer Fleck. Das Geschäft läuft nicht rund, der Absatz ist schwach, dem Konzern fehlen die Modelle, und schon im vergangenen Jahr nannte Betriebsratschef Bernd Osterloh das US-Geschäft eine "Katastrophenveranstaltung". Wenn es das in der Vergangenheit war, wie wird es dann erst in Zukunft sein?

Es droht eine eklatante Vertrauenskrise, aber nicht nur für VW. Der Fall könnte abstrahlen, auch auf die anderen deutschen Hersteller, die seit Jahren versuchen, ihre Dieselfahrzeuge als saubere Alternative zum Benziner auf dem US-Markt zu verkaufen. Da Amerikaner bei Diesel eher an Lkw als an Autos denken, war es in der Vergangenheit schwer, sie von der Sprit-Alternative zu überzeugen. Jetzt dürfte es fast unmöglich werden.

Wurde wirklich nur in den USA manipuliert?

Für den Konzern aber, der sich neu erfinden will, stellen sich einige Fragen. Ist die mutmaßliche Manipulation der US-Tochter eine Ausnahme, oder wurde die Software auch woanders eingesetzt? Und, sollte es tatsächlich nur ein reines US-Thema sein: Wie ist so etwas an der Zentrale vorbei möglich gewesen? Seit wann hat man von den Manipulationen gewusst?

Der Druck auf den VW-Vertrieb jenseits des Atlantiks, immer mehr Autos zu verkaufen, ist enorm. VW-Manager sprachen hier zuletzt gerne vom "Angriff". Nur: Absatzzahlen allein genügen nicht mehr, um erfolgreich zu sein. Der Angriff muss neu gedacht werden - und der Konzern, in dem es seit Jahren vor allem um Größe und Expansion geht, braucht für seine Neu-Erfindung nicht nur neue Technologien. Er braucht ein neues Selbstverständnis.

© SZ vom 21.09.2015/mahu/sry
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