Manager Generation Gier schwächt die Demokratie

Martin Winterkorn, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG.

(Foto: dpa)

Der soziale Zusammenhalt geht verloren, wenn Vorstandschefs sich wie Martin Winterkorn benehmen und als Halbgötter sehen.

Kommentar von Joachim Käppner

Zum Anekdotenschatz der sehr alten Bundesrepublik gehört die Szene, als ein Vorstandsmitglied von Flick eines Abends in voller Jagdmontur beim Unternehmensinhaber vorsprach; der Manager wollte anschließend auf die Pirsch gehen. Friedrich Flick musterte seinen Mann voller Verdruss und gab ihm mit auf den Weg: "Auch wenn man von mir weggeht, geht man zur Arbeit, nicht zur Jagd." Verantwortung, sollte das heißen, endet nie.

Es war noch die Ära der großen Alleininhaber; Flick, Krupp, Siemens. Wer sie damals erlebte, hätte womöglich Probleme mit der Vorstellung gehabt, dass man ein halbes Jahrhundert später der Zeit der Patriarchen nachtrauern würde. Despotisches Gebaren und Hybris waren ihnen nicht fremd, viele hatten eine braune Vergangenheit.

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Was auch immer die Rolle des früheren VW-Chefs Martin Winterkorn, gegen den nun Anklage erhoben wird, in dem die deutsche Autoindustrie erschütternden Abgasskandal war: Im Vergleich zur Hybris vieler Manager der Gegenwart erscheinen die Nachkriegsjahre des Wirtschaftswunders wie eine goldene Ära, jene des rheinischen Kapitalismus und der sozialen Marktwirtschaft. Heute dagegen treibt, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, die Generation Gier ihr Unwesen. Sie bewegt sich in einer abgeschotteten Welt, folgt eigenen Regeln, kassiert selbst dann noch Millionen, wenn sie ein Unternehmen an die Wand gefahren hat.

Sie spricht sogar eine eigene Sprache. Gelegentlich fordert der eine oder die andere "Compliance" oder "neue, gesellschaftlich orientierte Performance-Metriken im Management" - und zeigt damit selbst bei gutem Willen, wie groß die Kluft zur Welt der Arbeitnehmer ist.

Natürlich, für viele, sehr viele Manager gilt dieses Urteil nicht; für viele, zu viele aber eben doch. Noch Mitte der Sechzigerjahre wollten die Manager gar nicht Manager heißen, zu unpersönlich, abstrakt klang das. Lieber nannte man sich "Industrieller". So viel Macht, Privilegien und Geld sie auch in sich vereinten, sie verstanden sich am Ende doch als Angestellte. Zu viele Manager heute fühlen sich dagegen als Halbgötter, frei von Regeln und Gesetzen. Solcherlei Entrücktheit führte direkt in die Abgasaffäre.

Der 2013 verstorbene Ruhrpatriarch Berthold Beitz, der jahrzehntelang über Krupp gebot, hasste solche überlebensgroße Manager-Egos. Er fürchtete um den sozialen Zusammenhalt, wenn Vorstandschefs das Gefühl für das Leben ihrer Angestellten verlieren. Soziale Spannungen klein zu halten, also Systemstabilisierung, war ja das eigentliche Ziel des alten, oft als mitfühlend bezeichneten Kapitalismus. Diese alte Welt verschwindet, langsamer im Mittelstand, der noch das Herz der deutschen Wirtschaft ausmacht, rascher in den Großkonzernen. Gerade in der Globalisierung wäre es nötig gewesen, die soziale Marktwirtschaft zu stärken, statt die Macht des ungezügelten Marktes anzubeten. Aber es kam anders. Wo Shareholder Value regiert und weniger das Interesse der Arbeitnehmer, ist der Gemeinsinn oft zerstoben.

Die Generation Gier trägt ihren Anteil daran, dass die Kräfte, welche die demokratische Gesellschaft zusammenhalten, schwächer werden. Vielleicht steht am Ende des Abgasskandals die Einsicht, dass es Zeit wird für eine neue Manager-Generation: eine Generation Gemeinsinn.

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