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Top-Manager:Auf diese Menschen kommt es 2021 an

Ob Corona- oder Wirtschaftskrise, ob Umbruch in der Auto-, IT- oder Stahlindustrie: Diese Frauen und Männer müssen im kommenden Jahr Entscheidungen mit weitreichenden Folgen fällen.

Von SZ-Autoren

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Quelle: SZ

Das sind die Top-Manager, auf die es im Jahr 2021 ankommen wird: Janet Yellen, die die US-Finanzpolitik wieder in Ordnung bringen muss, Belen Garijo, die als einzige Frau Dax-Chefin werden soll, Christine Lagarde, die Europa durch die bislang schwerste Krise lenken soll, Martina Merz, die die Traditionsfirma Thyssenkrupp jetzt endgültig zerlegt, Manfred Knof, der irgendwie die Commerzbank retten muss, Herbert Diess, der verzweifelt versucht, VW umzubauen.Marc Benioff, der die Slackübernahme durch Salesforce hinbekommen muss und Özlem Türeci, der Biontech-Mitgründerin, die die Welt vor Corona rettet.

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Martina Merz

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Quelle: Ina Fassbender/AFP

Martina Merz, 57, hat raue Erwartungen für 2021 geschürt. "Die nächsten Schritte können schmerzhafter werden als die bisherigen", warnte die Thyssenkrupp-Chefin zuletzt. "Wir werden alles hinterfragen." Vor gut einem Jahr war die Ingenieurin vom Aufsichtsrat an die Vorstandsspitze des Konzerns gewechselt, dessen Ursprünge bis ins Jahr 1811 reichen und auf dem seit Jahren hohe Schulden lasten. Unter Merz' Führung verkaufte Deutschlands größer Stahlhersteller sein profitables Aufzugsgeschäft, da ihm sonst das Geld auszugehen drohte. Doch in der Corona-Krise ordern die Kunden merklich weniger Stahl, Autoteile oder Anlagen. Ohne die Aufzüge meldet Thyssenkrupp Milliardenverluste. 2021 stehen daher weitere Abgänge an, etwa personell: Der größte Industriekonzern des Ruhrgebiets will nicht mehr nur 6000 Arbeitsplätze abbauen, wie 2019 angekündigt, sondern bis zu 11 000 - mehr als jede zehnte Stelle.

Merz will und muss Thyssenkrupp jetzt auf weniger, dafür profitable Säulen stellen, beispielsweise den Werkstoffhandel, den Bau von Großwälzlagern für Windräder oder von Wasserstoff-Erzeugungsanlagen. Im Gegenzug will die frühere Bosch-Managerin Verlustbringer verkaufen oder in Partnerschaften auslagern, etwa weite Teile des Anlagenbaus.

Ob Thyssenkrupp auch die Stahlwerke an Rhein und Ruhr verkauft, dürfte Merz' gravierendste Entscheidung werden. Die Stammsparte kämpft mit internationaler Konkurrenz und vergleichsweise hohen Kosten. In Krisenjahren fährt das Stahlgeschäft hohe Verluste ein, dabei muss Thyssenkrupp eigentlich Milliarden in klimaschonende Technologien investieren.

Merz warb zwar für Fusionen. Doch offiziell hat bislang nur der britische Unternehmer Sanjeev Gupta Interesse an den Ruhr-Stahlwerken bekundet. Sein Konzern Liberty Steel prüft bereits die Bücher der Sparte, damit er seine Offerte konkretisieren kann. Alternativ könnte Thyssenkrupp das Stahlgeschäft allein sanieren - müsste dann aus Sicht des Vorstands aber noch mehr sparen als bislang geplant. Voraussichtlich bis Frühjahr will Merz nach eigenem Bekunden "eine Lösung für das Stahlgeschäft finden". Insgesamt arbeite sie gerade am größten Restrukturierungsprogramm seit dem Bestehen des Konzerns, sagte Merz und versprach: "Wir werden die Schlagzahl beim Umbau von Thyssenkrupp weiter erhöhen."

Von Benedikt Müller-Arnold

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Herbert Diess

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Quelle: Michael Probst/AP

Für gewöhnlich sind die Leute am Vormittag eines 1. Januar noch leicht dasig von der Silvesternacht. Oder gehen besinnlich spazieren. Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess, 62, macht es anders, oder zumindest lässt er sich anders inszenieren: Noch bevor es zwölf Uhr mittags geschlagen hatte am ersten Tag des Jahres 2021, stellte er eine kleine Videosequenz online: In einem recht sportlichen Wagen der Tochtermarke Seat fährt er im Kreis herum, es dürfte die VW-Schnellbahn östlich des Werkes in Wolfsburg sein. Es scheint ihm Laune zu machen, auf der Rückbank fliegt sein Zeug umeinander. Schnitt. Der Wagen rollt langsam vorbei an der Kamera - und man sieht Diess mit einer Batman-Maske übergestreift. Wortlos gibt er wieder Stoff, im Internet schreibt er dazu schlicht: Startklar für 2021! Dazu ein Batman-Emoji.

Das ist ein spezieller Humor, wie er diesem ungewöhnlichsten aller Dax-Chefs schon immer zu eigen ist. Der halboffizielle Anlass für den kleinen Videospaß ist, dass irgendjemand dieses Fahrzeug (konkret ist es ein Cupra Formentor) einmal Batmobil nannte, wahrscheinlich um Diess zu schmeicheln, der ein großer Fan davon ist. Aber letztlich gibt es auch einen guten Grund, dass sich der Chef eines der größten Autokonzerne der Welt diesen Charakter zu eigen macht als Jahresmotto. Der Schriftsteller Dietmar Dath schrieb vor Jahren so wunderbar und treffend in der FAZ: Batman, dieser außerhalb des Gesetzes stehende Fledermausmensch, "will immer alles alleine machen" im Kampf gegen Unrecht und Korruption, "das Hirn voll Wut, die Faust geballt, den Gürtel voller Rauchbomben, Nervengiftkapseln, elektrischer Wurfgeschosse und selbstklebender Säureblasen".

Nun regiert in Wolfsburg zwar mitnichten das Verbrechen, aber irgendwie passt das auch zu Diess. Er ist im System Volkswagen der Outlaw, der geachtet und gefürchtet wird, aber nicht so sehr gemocht. Deswegen schafft Diess es einerseits, diese riesige Konzernbehörde samt ihren etlichen Untermarken inmitten großer Unsicherheiten in der Autobranche umzusteuern hin zu einer ganz anderen, digitalen, elektrischen Zukunft. Deswegen ist er andererseits immer mal wieder knapp vor dem Hinschmeißen oder vor dem Rauswurf. Diese Spannung wird anhalten, auch in diesem Jahr: Denn was die Machtspiele anbelangt, kann Wolfsburg leicht mithalten mit Gotham City.

Von Max Hägler

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Manfred Knof

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Quelle: Alessandra Schellnegger

Seit wenigen Tagen ist Manfred Knof, 55, nun offiziell Vorstandschef der Commerzbank - allzu viele Entscheidungen kann er also noch nicht getroffen haben. Klar ist aber, dass auf die zweitgrößte deutsche Privatbank nun harte Einschnitte zukommen. Das zeigte auch eine Meldung, die noch kurz vor dem Jahreswechsel kam: Demnach einigte sich die Commerzbank mit dem Betriebsrat darauf, weitere 2300 Stellen zu streichen und die dafür anfallenden Kosten von 610 Millionen Euro noch in die Bilanz 2020 zu buchen. Im Corona-Jahr wird die Commerzbank damit einen Verlust ausweisen, um dann irgendwann, so die Hoffnung, wieder zu erstarken. Insgesamt steht der Abbau von mehr als 10 000 Jobs im Raum, das wäre jede vierte Stelle - und vermutlich die letzte Chance für die Commerzbank, eigenständig zu bleiben.

Knofs Vorgänger Martin Zielke und der damalige Aufsichtsratschef Stefan Schmittmann hatten im Juli nach Kritik von Aktionären überraschend ihre Jobs hingeschmissen. Auf Schmittmann folgte der frühere Landesbanker Hans-Jörg Vetter, 68, der sich kurz darauf für Knof als Vorstandschef entschied. Die Wahl sorgte für Überraschung. Knof, promovierter Jurist und gebürtig in Köln, war zuletzt für das Privatkundengeschäft der Deutschen Bank verantwortlich, eine Stufe unterhalb des Konzernvorstands. Von Hause aus ist Knof eigentlich gar kein Banker, sondern Versicherungsexperte, zuvor hatte er fast seine gesamte Laufbahn bei der Allianz verbracht.

Ob das der Befreiungsschlag ist, den das Institut braucht, ist unklar. Das neue Führungsduo hat jedenfalls die Rückendeckung des Bundes, der seit der Finanzkrise mit 15 Prozent an der Commerzbank beteiligt ist. Das Bundesfinanzministerium soll sich explizit eine neue Bankführung "von außen" gewünscht haben, nachdem das Management der Commerzbank lange Zeit eher ein inzestuöses System war. Zudem wird dem selbstbewussten Hans-Jörg Vetter nachgesagt, auch ein Eigeninteresse an einem eher schwachen Vorstandschef zu haben, damit er ungestört durchregieren kann. Knof jedenfalls will es nun allen zeigen: Seit er bei der Deutschen Bank beurlaubt ist, beschäftigt er sich dem Vernehmen nach bereits intensiv mit seiner neuen Aufgabe. Bereits auf einer Aufsichtsratssitzung am 10. Februar soll die neue Strategie festgezurrt werden, wie die Commerzbank bestehen kann.

Von Meike Schreiber

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Belén Garijo

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Quelle: Hartmut Naegele/Merck

Im Oktober erschien im Time Magazine ein Gastbeitrag von Belén Garijo, 60. Sie erzählt darin, wie sie wurde, was sie ist, und was sie treibt. Lange bevor sie Managerin in der Pharmaindustrie wurde, sei sie Ärztin in einem Krankenhaus in Madrid gewesen. Da habe sie schätzen gelernt, was es bedeutet, Patienten mit Empathie, Würde und individualisierter Pflege zu begegnen. Ohne diese Sichtweise, schreibt Garijo, "behandeln wir nur Krankheiten, nicht Menschen." Die Spanierin beklagt dabei auch, dass klinische Studien nicht divers genug angelegt seien. Frauen, Schwarze und Latinos seien chronisch unterrepräsentiert, Männer und Asiaten überrepräsentiert.

Studien über den Grad der Diversität gibt es für viele Themen und Gruppen. Im Management von Dax-Konzerne beispielsweise sind Frauen immer noch sehr unterrepräsentiert, es gibt immer noch viele ohne Frau im Vorstand. Mit der US-Amerikanerin Jennifer Morgan in einer Doppelspitze mit Christian Klein beim Softwarekonzern SAP hat es erst eine Frau auf den Chefposten geschafft, nach sechs Monaten schied sie wieder aus.

Garijo wird die erste Frau sein, die einen Dax-Konzern alleine führt. Am 1. Mai 2021 löst sie Stefan Oschmann als Vorsitzenden der Geschäftsleitung beim Darmstädter Konzern Merck ab, statistisch kann sie als Ausreißerin gelten. Merck ist ein börsennotiertes Familienunternehmen. Bewerber für Positionen im Management müssen eine doppelte Prüfung bestehen, sie müssen nicht nur externen Investoren begeistern, sondern auch einer Familie gefallen, die weit über die Laufzeit von Vorstandsverträgen hinaus agiert.

Garijo hat durch ihre Arbeit überzeugt. Sie hat das darbende Pharmageschäft saniert. "Ich bin in der Lage, harte Entscheidungen zu treffen", sagt Garijo einmal der Welt am Sonntag: "Aber schlimmer, als hart zu entscheiden, ist es, aus Angst vor Fehlern gar nichts zu entscheiden." So kämpft sie für das, was sie will. Nach dem Studium der Medizin betreut sie in einer Klinikkette in Madrid klinische Studien. Nach sechs Jahren wechselt sie in die Pharmaindustrie. Zu den Stationen zählen Abbott und Rhône-Poulenc. Für Merck arbeitet sie seit 2011. Im Jahr 2015 steigt sie in die Geschäftsleitung auf, schon seit Juli 2020 ist sie stellvertretende Vorsitzende der Geschäftsleitung.

Von Elisabeth Dostert

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Özlem Türeci

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Quelle: oh

Über ihn reden jetzt alle, über sie weniger. Özlem Türeci, 53, drängt sich nicht in den Vordergrund. Ihr Ehemann Uğur Şahin, 55, gilt als der Mann, der Europa den ersten Impfstoff gegen das Coronavirus brachte, doch auch sie ist eine treibende Kraft. "Sie sind ein geniales Forscherpaar", sagt Christoph Huber, der mit ihnen zusammen 2008 Biontech gegründet hat. Er vergleicht sie mit den Nobelpreisträgern Marie und Pierre Curie, "leidenschaftlich und hochintelligent".

Über Türeci geraten viele ins Schwärmen, denen in ihrem Leben brillante Forschende begegnet sind. "Wenn Sie Özlem fragen, erklären Sie mir bitte die Zahl Vier, dann gibt sie Ihnen das Gefühl, dass sie über die Zahlen Drei und Fünf noch viel mehr weiß. Sie kann die kompliziertesten Sachverhalte verständlich erklären", sagt Biontech-Investor Thomas Strüngmann im SZ-Interview. Als Şahin im Januar vom neuen Virus in China liest, läuft er, so heißt es in Medienberichten, erst zu seiner Frau, um ihr davon zu erzählen. Und bald darauf beginnen sie an der Arbeit an einem Corona-Impfstoff.

Türeci ist seit 2018 der Chief Medical Officer von Biontech, also Vorstand Medizin, von Anfang an berät sie die Firma. Operativ kümmerte sie sich viele Jahre um eine andere, die das Paar Türeci/Şahin 2001 gegründet hatte: Ganymed, eine auf monoklonale Antikörper zur Krebstherapie spezialisierte Firma. 2007 wird sie deren Vorstandschefin und bleibt es bis zum Verkauf von Ganymed 2016 an den japanischen Konzern Astellas für - je nach Erfolg der Medikamente - bis zu 1,3 Milliarden Dollar. Türeci ist Wissenschaftlerin und eine gute Geschäftsfrau. Das ist ihr bis heute ein Anliegen: Aus Wissen Produkte zu machen, die Patienten heilen.

Türeci wurde in Deutschland geboren und wächst bei ihren Großeltern in Istanbul auf, mit vier Jahren holen sie die Eltern nach Lastrup, wo der Vater als Arzt an einem kleinen katholischen Krankenhaus arbeitet. Nach dem Abitur studiert sie in Homburg Medizin. Dort lernt sie Şahin kennen. Beide fasziniert die Krebsforschung und die Vorstellung, die körpereigene Immunabwehr so anzuleiten, dass sie sich selbst gegen Angreifer wehrt. Gemeinsam wechseln sie an die Universität Mainz. 2002 heiraten Türeci und Şahin. Vor und nach dem Standesamt stehen sie im Labor. "Ich bin", sagt sie einmal der SZ, "eine preußische Türkin."

Von Elisabeth Dostert

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Janet Yellen

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Quelle: Brendan Smialowski/AFP

Was Wirtschaft und Arbeitsplätze angeht, gibt es für die Amerikaner zu Beginn des neuen Jahres eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte: Trotz angelaufener Impfungen und neuer staatlicher Hilfen für Unternehmen und Verbraucher hält die Corona-Krise die USA fest im Griff. Zehn Millionen Stellen sind verschwunden, Tausende Firmen haben Insolvenz angemeldet, unzählige Menschen Haus, Hof oder Ersparnisse verloren. Die Folgewirkungen der Pandemie werden noch auf Jahre hinaus spürbar sein.

Die gute Nachricht: Die Frau, die vom künftigen Präsidenten Joe Biden den Auftrag bekommen hat, die Trümmer wegzuräumen und die Wirtschaft wiederaufzubauen, ist Janet Yellen. Ein Glücksfall, wie fast alle Experten sagen: Es gebe "wohl niemanden, der besser geeignet wäre" für den Job der Finanzministerin als die ehemalige Chefin der Notenbank Fed, schrieb der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz beim Meinungsportal Project Syndicate und verwies auf "den scharfen Verstand, die Erfahrung, die Werte und die zwischenmenschlichen Fähigkeiten" der 74-Jährigen.

Yellen, aufgewachsen in Brooklyn und bald als blitzgescheite Schülerin bekannt, wird all diese Qualitäten brauchen können, denn Corona ist nur ein Problem unter vielen: Das Zollchaos, das der scheidende Präsident Donald Trump hinterlässt, der Klimawandel, der Streit über die Besteuerung multinationaler Konzerne, die soziale Ungleichheit, die Benachteiligung von Frauen im Berufsleben, um nur einige zu nennen. Helfen wird ihr dabei ihr hohes internationales Ansehen, das sie sich als Fed-Chefin erworben hat.

Sollte der Senat ihre Berufung bestätigen, wovon fest auszugehen ist, wäre Yellen die erste Frau an der Spitze des US-Finanzministeriums. Das hat auch für sie selbst Symbolkraft, schließlich hat sich die einstige Hochschullehrerin, Fed-Ökonomin und Wirtschaftsberaterin des Weißen Hauses stets auch als Kämpferin gegen die berufliche Benachteiligung von Frauen verstanden. Nicht nur, weil sie die Diskriminierung für ungerecht hält, sondern auch, weil diese Wohlstand koste. Trump warf Yellen bei der Fed einst auch deshalb raus, weil er, im Ernst, seiner großen Nation nicht länger eine klein gewachsene Notenbankchefin zumuten wollte. Jetzt geht der große Mann mit dem gelben Haar - und die kleine Grand Dame mit dem schlohweißen Bubi-Kopf übernimmt.

Von Claus Hulverscheidt

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Marc Benioff

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Quelle: Nicholas Kamm/AFP

An Marc Benioff, 56, ist alles groß, die Statur, das Ego und der Wille, seine Firma Salesforce groß und immer größer zu machen. Er hatte die richtige Idee zur richtigen Zeit und die Kraft, sie auch umzusetzen. Cloudsoftware, das war 1999 bei der Gründung von Salesforce etwas, das noch kaum einer kannte. Microsoft, SAP oder auch Oracle brauchten noch Jahre, um zu erkennen, welches Potenzial darin steckt.

Zeit, die Salesforce nutzte, um sich einen Vorsprung bei dieser Technologie zu verschaffen. Viele Firmen verwalten ihre Kundenbeziehungen mittlerweile via Cloud mit Salesforce-Produkten. Sieht man nur aufs Cloud-Geschäft, hat Salesforce etwa SAP längst überholt. Microsoft hat die Kurve schneller gekriegt und ist sehr erfolgreich mit seinen Cloud-Angeboten, doch das hält einen wie Benioff natürlich nicht auf. Dass Salesforce nun die Kommunikationsplattform Slack kaufen will, kann man nämlich auch als ziemlich unverhohlenen Angriff auf Microsoft sehen. Doch was haben Benioff und seine Leute damit vor? Slack könnte, wenn die technische und organisatorische Integration gelingt, eine Art verbindender Kitt werden zwischen den vielen Salesforce-Anwendungen, die es mittlerweile gibt.

Es könnte aber auch die Schwelle senken für Kunden, künftig die Salesforce-Software zu nutzen, denn manche der Anwendungen sind bislang eher gedacht für größere Mittelständler oder Konzerne. Slack mit seiner Fähigkeit, Anwendungen von Drittanbieter einzubinden und damit leicht zugänglich zu machen, könnte dabei helfen.

Salesforce hatte bisher allerdings kein Glück mit Kommunikationsanwendungen. Ob es mit Slack nun besser funktioniert, muss sich erst zeigen. Einen ganzen Zoo an verschiedenen Anwendungen einzubinden, das ist keine leichte Aufgabe, und dann müssen die Kunden das ja auch noch gut finden. Interessant wird auch sein zu sehen, was die bisherigen Kunden von Slack dazu sagen. Auch Slack selbst muss ja weiterentwickelt werden, nichts ist in der Welt der Daten schlimmer als stehen zu bleiben.

In dem 27,7-Milliarden-Dollar-Deal steckt also ein ziemliches Risiko. Gelingt es, kann Benioff eine Lücke schließen, die bei Salesforce schon länger klafft. Wenn aber nicht, dann sind die 27,7 Milliarden eine Summe, die auch dem erfolgsgewöhnten Mr. Big Marc Benioff sehr wehtun werden.

Von Helmut Martin-Jung

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Christine Lagarde

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Quelle: oh

Wenn Regierungen, Konzerne und Banken nicht mehr weiterwissen, dann erschallt der Ruf nach der Europäischen Zentralbank (EZB). Christine Lagarde, 65, durfte sich in ihrer 14 Monate langen Amtszeit an diesen Automatismus gewöhnen. Mit Beginn der Corona-Krise im März 2020, dem folgenden wirtschaftlichen Lockdown und den Turbulenzen an den Finanzmärkten legten Lagarde und ihre Kollegen im EZB-Rat flugs ein billionenschweres Rettungsprogramm auf, was für Ruhe an den Börsen sorgte. Lagarde wird auch dieses Jahr immer wieder retten müssen.

Doch die frühere Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) fremdelt ein wenig mit der Geldpolitik. In den Pressekonferenzen wirkt sie mitunter verunsichert. Die Sätze kommen ihr nicht mehr so leicht über die Lippen, seitdem sie durch allzu pointierte Aussagen für Unruhe an den Börsen gesorgt hatte. So entstand einmal der Eindruck, sie wolle Mario Draghis "Whatever it takes"-Versprechen zumindest für Italien aufweichen. Lagarde ruderte zurück und klebt seitdem bei Fachfragen an den schriftlichen Protokollen.

Warum auch nicht? Denn in anderen Bereichen wirkt Lagarde sehr beredet, sehr konzis und überzeugend. Eine "grüne" Geldpolitik für mehr Klimaschutz? Lagarde treibt das Thema eisern voran. Mit der EU-Kommission und den EU-Regierungschefs auf Augenhöhe verhandeln? Kein Problem für die ehemalige französische Finanzministerin. Ihre Kommunikationsfähigkeit unterscheidet Lagarde von ihrem Vorgänger Draghi, der stets den smarten Experten exklusiv für die Geldpolitik gab. Lagarde möchte die EZB öffnen für die Gesellschaft, der die große Macht der EZB in Teilen suspekt erscheint.

Lagarde begann ihre Karriere bei der US-amerikanischen Anwaltskanzlei Baker McKenzie. Die Mutter zweier erwachsener Söhne kam als Finanzministerin in die Negativschlagzeilen, weil sie mit Steuergeldern eine 400 Millionen Euro hohe Entschädigung für den Unternehmer Bernard Tapie genehmigt hatte. Ein Sondergericht verurteilte sie deshalb 2016 wegen Fahrlässigkeit. Der Modezeitschrift Elle gab die Juristin mal ein humorvolles Interview, in dem sie berichtet, wie sie sich in endlosen Sitzungen in ihren Stuhl zurücklehnt, ihren Rücken gerade zieht und durch fokussierte Kontraktion ihren Gesäßmuskel trainiert. Das wird sie auch 2021 brauchen.

Von Markus Zydra

© SZ/vit
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