Management Die wichtige Rolle der Spielverderberin

Beim Plan-W-Kongress diskutieren unter anderem Urmi Richardson, Sarah Ungar, Anna Sophie Herken und Reinhild Fürstenberg.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wie können Mitarbeiter für ihr Unternehmen nützlich sein? Nötig ist eine Atmosphäre, in der jeder sich gern einbringt - aber nicht nur das.

Von Felicitas Wilke, Berlin

Anna Sophie Herken war immer wieder die Frau, die von außen in ein Unternehmen stieß. "Industriefremd", wie sie sagt, kam die Juristin während ihrer Karriere immer wieder in ein Unternehmen, zuletzt in die Finanzbranche zur Allianz Asset Management, wo sie als Managerin arbeitet. "Ich war da, um auch doofe und unangenehme Fragen zu stellen", sagt sie. U damit einen Mehrwert für die Unternehmen zu schaffen, für die sie arbeitet.

Beim Plan-W-Kongress diskutierten Herken und andere Managerinnen darüber, wie Mitarbeiter nützlich für ihr Unternehmen sein können. Eine Fragestellung, die zunächst irritiert: Reicht es etwa nicht, wenn Beschäftigte jeden Tag am Schreibtisch, an der Werkbank oder unterwegs vollen Einsatz für ihre Firma zeigen? Braucht es noch mehr, um als Arbeitnehmer "nützlich" zu sein?

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Für Sarah Ungar hat die Antwort auf diese Fragen nicht nur etwas mit den Erwartungen zu tun, die Unternehmen an ihre Mitarbeiter haben. Vielmehr müssten Führungskräfte ihren Angestellten den Freiraum geben, eigene Ideen einzubringen, sagt die Managerin, die bei Thyssenkrupp die interne Karriereberatung verantwortet und bald zu Rolls-Royce Power Systems nach Friedrichshafen wechseln wird. "Mitarbeiter möchten wirksam sein und das Ergebnis ihrer Arbeit sehen können", sagt Ungar. Als Arbeitgeber müsse man die Möglichkeiten schaffen, damit die Kollegen im Kleinen oder im Großen etwas verändern können. Gelingen kann das auf ganz unterschiedliche Weise. Im Fall von Anna Sophie Herkens war es die Chance, in unbekannten Branchen eine andere Perspektive einzubringen - und so zu erfahren, wie man etwas verändern kann.

Wirksam können Mitarbeiter auch dann sein, wenn sie die Möglichkeit bekommen, eigene Ideen einzubringen und verrostete Prozesse zu verbessern. Das sogenannte betriebliche Vorschlagswesen in Unternehmen gibt es schon seit Ende des 19. Jahrhunderts. Heute firmiert es meist etwas weniger hölzern unter Ideenmanagement, doch die Idee dahinter ist die gleiche: Bei Thyssenkrupp beispielsweise können Mitarbeiter aus den verschiedensten Fachbereichen gemeinsam daran arbeiten, Lösungen für Probleme zu finden. "Dafür werden sie von ihren Führungskräften für einen bestimmten Zeitraum stundenweise freigestellt", sagt Ungar.

Um als Chefin oder Chef mit einem Team arbeiten zu können, das etwas bewegt und um selbst "nützlich" zu sein, müssen Führungskräfte gut zuhören können, sagt Urmi Richardson, die beim Technologiekonzern Linde das weltweite Healthcare-Segment leitet. "Empathie ist eine Superpower", findet die Managerin. Sie müsse nicht unbedingt gemocht, aber als verlässliche Ansprechpartnerin respektiert werden.

Doch Mitbestimmung und die Lust auf Veränderung sind auch eine Kulturfrage. "Wir müssen schauen, wie wir die deutsche Konsensorientierung vereinen mit dem Wunsch, auch mal sein eigenes Ding zu machen", sagt Allianz-Managerin Herken. Als Deutsch-Schwedin könne sie mit Werten wie Harmonie und Gleichheit im Job zwar viel anfangen, "aber wir sollten auch Menschen fördern, die auch mal der Party-Pooper in einem Team sind", also die hinterfragende Spaßbremse, in dem man sich sonst gut versteht. Sie kennt die Rolle selbst gut und weiß, dass man insbesondere als Spielverderberin noch kritischer beäugt wird als das männliche Pendant. "Doch ich habe irgendwann beschlossen, das zu ignorieren", sagt sie - und erntet dafür anerkennende und auch ein paar bewundernde Blicke aus dem Publikum in Berlin.

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Was also braucht es als Mitarbeiter, um "nützlich" zu sein? "Im Ergebnis geht es tatsächlich ganz simpel darum, dass sie ihren Job machen", sagt Reinhild Fürstenberg, die Mitarbeiter und Führungskräfte bei psychischen Belastungen berät. Um sich dabei wohl zu fühlen im Job, um "begeistert" zu sein, wie sie ihren Idealzustand beschreibt, müssen Arbeitgeber und Mitarbeiter ran. Die Arbeitgeber und Führungskräfte müssen den Rahmen schaffen, doch auch die Teammitglieder können ihren Beitrag leisten. "Habt ein Ziel", rät Linde-Managerin Urmi Richardson dem Publikum. Und zögert nicht so viel, fügt Anna Sophie Herken hinzu: "Es ist eine gute Idee, erst ja zu sagen und dann zu schauen, was passiert."

Thyssenkrupp-Managerin Ungar hatte während ihrer Karriere im Konzern das Gefühl, wirksam und nützlich gewesen zu sein. Mit der eigentlich begrüßenswerten Folge, dass sie nun doch sehr an ihrem Arbeitgeber hängt. Als sie die Möglichkeit bekam, in Friedrichshafen ein großes Team zu leiten, entschied sie sich trotzdem, das Unternehmen zu verlassen. "Ich war wahrscheinlich selbst am traurigsten über meinen Weggang", sagt sie. Den Mitarbeitern zu zeigen, dass sie "nützlich" für das Unternehmen sind, kann also auch helfen, sie besser zu binden. Auch wenn es im Fall von Sarah Ungar am Ende doch nicht geklappt hat.