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Malern, Basteln, Fliesen legen:Willkommen in der Werkel-Republik

Hilf dir selbst ? Geräte reparieren als Autodidakt

Selbermachen? Kein Problem! Eine junge Frau schraubt im Repair Café Berlin-Spandau an ihrem CD-Player.

(Foto: dpa-tmn)

Der englische Begriff "Do-it-yourself" verschleiert, wer die passioniertesten aller Bastler sind: die Deutschen. Die Liebe zum Werkeln hat eine lange Tradition, mittlerweile ist das Selbermachen Breitensport. Selbst die Politik hat erkannt, dass Heimwerken die Deutschen glücklich macht.

Von Max Hägler

Mag ja sein, dass der Begriff des Do-it-yourself, des Selbermachens, des Selberherumstümperns, aus den USA kommt. 1912 soll er das erste Mal notiert worden sein, in einem Artikel der Zeitschrift Suburban Life, der dazu aufrief, die Leute sollten selbst zum Farbtopf greifen und nicht viel Geld für Maler ausgeben. Doch der englische Begriff, von Kennern gern mit DIY abgekürzt, verdeckt, dass die passioniertesten aller Bastler wohl die Deutschen sind, zumindest wenn man den Historikern folgt: Graf Franz I. von Erbach-Erbach etwa war einer dieser Bastler. Wenn er nicht gerade seine Ländereien im Odenwald regierte, dann schnitzte und feilte er herum; überliefert ist von ihm eine einigermaßen ansehnliche Dose aus Elfenbein. Für sein Können erhielt er später sogar den Meistertitel zuerkannt.

Mittlerweile ist das Heimwerken längst zur Breitenbeschäftigung avanciert: Nägel, Farbtöpfe und Holzbretter diverser Couleur im Wert von 18,6 Milliarden Euro verkauften im vergangenen Jahr die 2381 deutschen Bau- und Heimwerkermärkte, das meiste davon nach Branchenmeinung an Bastler. Soziologen haben gleich mehrere Motive dafür ausgemacht: Die Deutschen basteln, weil sie Geld sparen. Weil ihnen das Selbstgemachte besser gefällt. Weil sie sich selbst verwirklichen können. "Es gibt kein stärkeres Bedürfnis der Menschen, als das, dass sie sich selbstwirksam erfahren wollen", so begründet der Heimwerker-Erforscher und Neurobiologe Gerald Hüther den Basteldrang.

Wer einmal unter einer so schönen wie rostigen Citroën-Ente oder einem VW-Käfer lag und mit dem Ringschlüssel vergeblich versuchte, die Bremsscheibe zu lösen, so wie es das "Jetzt helfe ich mir selbst"-Buch erklärte, um dann nach vielem Fluchen mit dem Baumarkt-Gasbrenner und dem Hammer zum Erfolg zu kommen, der wird Hüthers These nachvollziehen können.

"Freude am eigenen Werk und den Stolz auf die persönliche Leistung"

Wobei es nicht nur um Autos geht - man blicke nur in die Warengattungen der Baumärkte: Fliesen legen, Gartenteiche buddeln, Fahrräder reparieren, Tomaten ziehen, schwedische Möbel zusammenhämmern oder Wände streichen. Viel machen die Deutschen: Etwa zwei Drittel erledigen kleine Renovierungsarbeiten selbst. Wobei, auch das ist mittlerweile ausgemessen, der durchschnittliche Handwerker hierzulande 48 Jahre alt ist und eher Mann als Frau - und seine Fähigkeiten für fortgeschritten bis beinahe professionell einschätzt.

Man darf indes getrost annehmen, dass dem oft eine gewisse Fehlwahrnehmung zugrunde liegt. Bereits im Jahre 1957 erkannten Journalisten den Bedarf für Hilfestellung: Selbst ist der Mann heißt seitdem das Fachblatt für den deutschen Heimwerker, das einst mit Hilfe des kleinen Comic-Männchens Bast'l und heute mit anschaulichen Fotostrecken erklärt, wie sich Schlieren beim Malern oder der Feuerwehreinsatz nach der Wascharmatur-Installation verhindern lassen. Um die "Freude am eigenen Werk und den Stolz auf die persönliche Leistung" - darum geht es den Magazinmachern.

Die Auflage sinkt zwar leicht, aber das ist kein Ausdruck für Desinteresse: Die Deutschen schauen mittlerweile einfach rasch ins Internet, informieren sich wie andere Amateure etwas hinbekommen haben. Selbst die deutsche Politik hat mittlerweile offenbar erkannt, dass Heimwerken die Deutschen glücklich macht - und fördert manche Bastelforen wie etwa expli.de finanziell. Neuester Vorschlag dort: eine Lounge aus Holz der Douglasie. Kosten: 250 Euro, Schwierigkeit: mittel.

© SZ vom 12.07.2013/sks
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