Makler "Menschen sind ja keine Viecher"

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(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Riesen-Verdienst bei wenig Aufwand? Immobilienmakler haben keinen guten Ruf, schon gar nicht in Zeiten der Wohnungsnot. Wie sieht ihre Arbeit wirklich aus? Unterwegs mit Eva Miller, Maklerin in München.

Von Thomas Hummel

Mittwochabend, laues Septemberwetter in München. Eva Miller ist wie immer pünktlich. Um 17.30 Uhr sperrt sie im Stadtteil Sendling ein Ein-Zimmer-Appartment auf, das neu vermietet werden soll. Es beginnt eine der in der Stadt berüchtigten Wohnungsbesichtigungen. Doch von einer langen Schlange an Bewerbern, einem Ansturm gar, ist nichts zu sehen. Denn Eva Miller mag das nicht.

Die 69-Jährige ist Immobilienmaklerin, sie ist vom Eigentümer beauftragt worden, einen neuen Mieter zu suchen. Sie schaltete eine Anzeige in Internetportalen, dazu führt sie selbst eine Liste mit Vormerkungen. Am Ende hat sie zehn Bewerber ausgewählt, die sie für geeignet hält und sie zur Besichtigung eingeladen. Es hätten auch 80 sein können, Interessenten gibt es genug. "Aber Menschen sind ja keine Viecher, die man in einer Herde hier durchtreibt", sagt sie. Es sei nicht in Ordnung, wenn man die Zeit der Leute stehle, am Ende könne sowieso nur einer einziehen.

Dieser Text ist Teil des Projekts Werkstatt Demokratie. In einer Schwerpunktwoche widmen wir uns in Beiträgen und Diskussionen der Frage "Wie wird Wohnen wieder bezahlbar?". Alle Texte und Infos zum Projekt hier.

Die zehn Bewerber kommen nach und nach im Laufe einer Stunde. Eva Miller ist nicht sehr groß, eher schmal, und strahlt eine drahtige Stärke aus. Sie redet überaus freundlich, wenn es sein muss aber auch sehr bestimmt mit den Interessenten. Sie wirkt wie eine Frau, die sich gerne kümmert. Aber wenn sie über ihre Lesebrille blickt, weiß jeder, wer der Chef im Raum ist.

Miller steht inmitten der 34 Quadratmeter großen Wohnung (Kaltmiete: 566 Euro) und erklärt zehn Mal das gleiche: Der Vertrag sei unbefristet, Eigenbedarf werde der Eigentümer nicht anmelden. Die Fenster seien relativ neu, ebenso die Einbauküche. Die Brandspuren auf dem Parkett müsse die Vormieterin noch ausbessern. Die Heizkosten seien niedrig, weil das Haus energetisch top saniert sei, zudem wohne die Hausmeisterin in der Anlage, ein großer Vorteil. Ein paar Mal muss sie es auf Englisch erklären, weil einige Bewerber aus dem Ausland kommen. "The kitchen is included, it's from the owner."

Ist diese Frau die Verkörperung des oft beschworenen Feindbildes auf dem engen Wohnungsmarkt deutscher Städten? Immobilienmakler genießen angesichts der Not sowie abenteuerlich steigender Mieten und Kaufpreise bisweilen das Ansehen von Blutsaugern. Sperren zwei Mal die Wohnung auf, lassen sich hofieren und stecken einen Haufen Provision ein - wer braucht so jemanden?

Arbeit, die die Kunden nicht sehen?

"Das gesellschaftliche Vorurteil gegenüber Maklern hält sich", sagt Marco Wölfle, Professor an der Steinbeis-Hochschule für Immobilienwirtschaft in Berlin. Das Problem sei: "Die Kunden sehen die Arbeit der Makler nicht." Die spiele sich zum Großteil im Hintergrund ab. Eine Studie an seinem Institut habe ergeben, dass der Zeitaufwand der Makler unterschätzt werde. Für Internetauftritte müssten sie hochwertige Fotos der Immobilien anfertigen, Besichtigungen seien fast immer abends oder am Wochenende, die Auswahl passender Bewerber dauere lange.

"Dazu haben die Anforderungen im rechtlichen und technischen Bereich stark zugenommen", erklärt Wölfle. Gefühlt gebe es alle zwei Jahre eine neue Norm, ein neues Gesetz: Energieausweis, Legionellen-Schutz, Heizungsarten, Vorschriften rund um Aufzüge et cetera. Oder die Geldwäsche-Prävention, gerade bei größeren Objekten.

Eva Miller, Maklerin in München

(Foto: privat)

Und der Riesen-Verdienst? Miller will ihr Gehalt nicht offenlegen. Sie sagt, dass bei einer Vermittlung selten die berühmten zwei Monatsmieten fällig würden. Bei ihr entscheide der Arbeitsaufwand über die Höhe der Rechnung. Doch es gibt auch die großen Büros, die sich auf dem Kaufmarkt tummeln und in manchen Bundesländern mehr als sieben Prozent Provision erhalten. Da gehen die Umsätze schnell in die Millionen.

"Ich kann in drei Minuten Makler sein"

Das Imageproblem rührt auch daher, dass es praktisch keine Zugangshürden für den Beruf gibt. Wer will, geht heute aufs Gewerbeamt, weist geordnete Finanzen und ein ordentliches Führungszeugnis nach und holt die Gewerbeerlaubnis 34c ab. Das reicht. "Ich kann in drei Minuten Makler sein", sagt Wölfle.

Angesichts der kolportierten enormen Provisionen lockt das Hasardeure und Hochstapler an. Der Immobilienverband IVD kämpft seit langem für die Einführung einer Art Meisterbrief für Makler, doch die Politik zieht nicht mit. Seit kurzem müssen Makler zwar regelmäßige Fortbildungen nachweisen, doch die Standards sind schwammig.

Eva Miller war vor 37 Jahren eine der ersten, die sich zum Fachwirt für Immobilien ausbilden ließ. Sie war alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und suchte einen Job, der zeitlich flexibel ist. Schnell erarbeitete sich die kontaktfreudige Miller einen Kundenstamm.

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Sie erzählt von den 1980er Jahren, als nach dem Boom um Olympia 1972 in München und Umgebung plötzlich ganze Häuser leer standen und die Eigentümer froh waren, wenn ihnen Frau Miller einen rechtschaffenen Mieter vermittelte. Lange her. Heute stapeln sich die Suchenden für viel zu wenige Wohnungen.

Die Einführung des Bestellerprinzips für Mietwohnungen im Juni 2015 hat der Maklerbranche aber einen herben Schlag verpasst. Jetzt muss der Eigentümer einen Makler auch selbst bezahlen, wenn er ihn beauftragt. Marco Wölfle glaubt, dass deshalb mehr als achtzig Prozent der Vermittler in diesem Bereich aufgegeben haben. Oder in den sehr umkämpften Markt rund um Eigentumswohnungen und -häuser wechselten. Denn Vermieter sparten sich die Kosten und suchten sich selbst neue Mieter.

"Manchmal wird man blöd angeredet"

"Die Aufträge sind weniger geworden. Aber inzwischen kommen viele Kunden wieder zurück, weil sie gemerkt haben, was für ein Aufwand dahintersteckt", sagt Eva Miller. Zum Beispiel der Eigentümer eines Hauses in Unterföhring mit acht Wohnungen: Miller sucht einen neuen Mieter für eine Ein-Zimmer-Wohnung, 32 Quadratmeter, 552 Euro Warmmiete, Balkon hinten raus, Einbauschrank und Küche inklusive. Wieder hat sie nur zehn Bewerbern einen Termin gegeben, wieder ist es abends um halb sechs. Es kommen: Studenten oder Berufsanfänger, teilweise mit ihren Eltern, Freunden, Geschwistern. Ein frisch getrennter Vater ist dabei, wie in Sendling auch einige Migranten aus Europa und anderswo.

Alle Menschen, die kommen, sind ordentlich gekleidet, freundlich, zuvorkommend. "Brauchen Sie noch was?", fragen sie die Maklerin. Sie wollen einen guten Eindruck hinterlassen. "Manchmal wird man blöd angeredet", sagt Miller, "da heißt es dann: du zockst doch bloß ab." Bisweilen komme es vor, dass ein Bewerber eine stille Unterredung in der Küche wünsche und dann einen Bestechungsversuch unternehme. "Das nervt mich, wenn die Leute mit den Scheinen wedeln." Wer sowas mache, dem könne man nicht trauen. Am Ende entscheide ja ohnehin der Vermieter, wen er haben möchte.

Eva Miller steht am Ende ihrer langen Laufbahn mittendrin im Kampf auf dem Wohnungsmarkt. Sie bietet eine Dienstleistung an, die im besten Fall Menschen bei wichtigen Entscheidungen hilft: Wer wohnt wo? Welchen Mieter bekommt der Eigentümer? Genug Geld muss aber schon da sein, der Markt ist unerbittlich: "Für Sozialwohnungen muss der Staat sorgen, das können Privatleute nicht leisten."

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