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Machtkampf im Energiekonzern:Blackout bei Thüga

Der Stadtwerke-Verbund Thüga will neben Eon und RWE zum Riesen auf dem deutschen Energiemarkt aufsteigen. Für die Verbraucher wäre das keine schlechte Nachricht - doch ein Machtkampf lähmt den Konzern.

Zumindest in Musterstadt ist die Welt noch in Ordnung. Musterstadt, das ist die Heimat des kurzen Filmchens, mit dem die Stadtwerke-Holding Thüga sich selbst erklärt. Da leben die Musterstädter glücklich und zufrieden mit ihrem Stadtwerk, das ihnen Strom, Wasser und wohlige Wärme liefert.

Weil das Musterstädter Stadtwerk aber alleine zu klein ist, hat es sich mit vielen anderen zusammengeschlossen. "So lässt sich vieles effizienter erledigen", wirbt der Werbefilm, und mehr noch: "Weil so ein großes Netzwerk jemand koordinieren muss, gibt es die Thüga." Wären doch die Dinge überall so einfach wie in Musterstadt.

Bei der Thüga selbst jedenfalls sind sie es nicht. An diesem Mittwoch tritt in München der Aufsichtsrat des Verbunds von 100 Stadtwerken zusammen. Es geht um nicht weniger als eine Palasterevolution bei einem der größten Energiekonzerne Deutschlands. Wenn sich die Kontrolleure treffen, steht der Job von Vorstandschef Ewald Woste, 54, zur Disposition - aber auch das Geschäftsmodell als Ganzes.

Am mangelnden Erfolg der Thüga liegt die Revolte nicht. Die einstige Eon-Tochter erzielte zuletzt mehr Gewinn als erwartet. Auf Deutschlands Energiemarkt, lange dominiert von den Riesen Eon, EnBW, RWE und Vattenfall, mischten über die Holding mit Sitz in München plötzlich auch Stadtwerke aus Fulda, Freiburg oder Neuss mit. Es entstand ein neuer Riese - kommunal.

Viele Stadtwerke würden den Riesen gern in Ketten legen

Doch ausgerechnet in Musterstadt wird das nun vielen unheimlich. Die Thüga, eigentlich gedacht als Hilfsmittel der Kommunen, entwickelt sich selbst zunehmend zum machtbewussten Akteur und versucht über ihre Kontakte zu den Städtechefs ihrerseits auf die Stadtwerke Einfluss zu nehmen. "Das löst immer mehr Ärger aus", sagt ein Insider. "Viele Stadtwerke, die den Riesen geschaffen haben, würden ihn nun gerne in Ketten legen."

Um die Zukunft der Thüga tobt deshalb eine heftige Auseinandersetzung. Der Zusammenschluss von Städten und Stadtwerken ist zerstritten. Eine Fraktion um die Thüga-Aufsichtsrätin und ehemalige Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) fordert Eigenständigkeit für die Zentrale. Die schärfsten Widersacher von Vorstandschef Woste sitzen im Ausschuss der Eigentümervertreter. Stadtwerke wie Enercity aus Hannover und ihr Chef Michael Feist sind dagegen. Zum gewaltigen Problem wird damit auch die seltsame Zwitterrolle der Thüga.

Zu ihren größten Anteilseignern zählen die Stadtwerke in Hannover, Frankfurt und Nürnberg, außerdem ein Zusammenschluss mehrerer kleiner Stadtwerke - lauter Unternehmen, an denen die Thüga ihrerseits wieder beteiligt ist. So hält Feists Enercity 20,5 Prozent der Thüga-Anteile - Wostes Thüga ihrerseits aber 24 Prozent der Enercity-Anteile. Mit den Stadtwerken in Frankfurt und Nürnberg verhält es sich ähnlich. Wer hier Mutter- und wer Tochtergesellschaft ist, lässt nicht so einfach ausmachen. Doch dieses Schachtelkonstrukt könnte den Machtkampf nun eskalieren lassen.

"Bis überhaupt nichts mehr vorwärtsgeht"

"Jeder kann jedem Steine in den Weg legen, bis überhaupt nichts mehr vorwärtsgeht", sagt ein Beteiligter. "Die Gesellschaft ist einfach nicht führbar", ein anderer. Für Thüga-Chef Woste wird es auch deshalb eng. Einerseits wünschen sich vor allem die Kämmerer beteiligter Kommunen noch höhere Erlöse von der Thüga, andererseits kann die auf Erlöse kaum Einfluss nehmen.

Dazu nämlich müssten die vielen Stadtwerke profitabler werden, an denen Thüga beteiligt ist. Nur: Die Vorschläge der Thüga für Sparmaßnahmen stoßen in den betroffenen Stadtwerken auf Ablehnung. Und die Minderheitsbeteiligung reicht nicht aus, um sie trotzdem durchzusetzen.

Will die Thüga auf dem deutschen Energiemarkt Konzernen wie Eon und RWE ernsthaft gefährlich werden, braucht sie Geld. Gespräche mit potenziellen Investoren im arabischen Raum seien ergebnislos geblieben, heißt es. Ohne mehr Einfluss auf die Stadtwerke aber bleibe der Thüga nur, ihre Beteiligungen zu verwalten. Das Unternehmen bietet den Stadtwerken auch gemeinsamen Stromeinkauf an, versucht Dienstleistungen und Kompetenzen zu bündeln.

Von einer echten Kooperation à la Musterstadt aber sind die Thüga-Beteiligungen weit entfernt - was nicht zuletzt daran liegt, dass die kommunal geführten Stadtwerke im Zweifel gerne ihr eigenes Süppchen kochen.

In der Energiewende hätte man Rundum-sorglos-Anbieter werden können

Die Thüga vergibt damit Chance um Chance. Denn in der Energiewende könnte den Stadtwerken eine Schlüsselrolle zufallen: Sie haben kurze Wege zu den Verbrauchern und könnten ihnen Rundum-sorglos-Angebote zurechtschneidern, von der Solarzelle auf dem Dach bis zum Energiespeicher im Keller.

Ohnehin spielt eine stärker dezentrale Versorgung mit Strom den kommunalen Firmen in die Hände. Doch die Thüga, so bemängeln ihre Kritiker, schöpfe dieses Potenzial nicht aus. Sie sei gehemmt durch ihre verschachtelte Organisation und interne Machtkämpfe.

Wie es aussieht, könnte Woste, bis zum Sommer noch Präsident des mächtigen Branchenverbands BDEW, nun zum Opfer der verkorksten Struktur werden. Ende Oktober läuft sein Vertrag aus, Beobachter rechnen ihm kaum noch Chancen aus, seine Position zu halten. Denkbar wäre allenfalls ein Ein-Jahres-Vertrag, als Übergangslösung. Von der Thüga selbst war am Dienstag nichts dazu zu erfahren. "Marktgerüchte kommentieren wir nicht", sagte ein Sprecher.

© SZ vom 17.09.2014/fued

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