Machtkampf bei der Deutschen Bank Leistung, die Leiden schafft

Einbruch im Investmentbanking, Kampf um die Macht: Josef Ackermanns Endspiel bei der Deutschen Bank läuft. Sein Gegner ist sein Nachfolger - Anshu Jain, der Regenmacher. Und die Chancen für den Noch-Chef stehen gut.

Von Harald Freiberger und Hans-Jürgen Jakobs

Sein Thema müsste der Wahlkampf sein. Das Antichambrieren bei großen Fonds wie Blackrock aus den USA, die viele Aktien der Deutschen Bank halten. Das Werben für den großen Sprung, den Wechsel vom Vorstandsvorsitz an die Spitze des Aufsichtsrats. 25 Prozent des Kapitals müssen zustimmen, nur dann ist eine Wahl auf der Hauptversammlung im Mai möglich.

Josef Ackermann, 63, aber muss in diesen Tagen die Welt retten, oder besser: die Welt der Banken. Seit Wochen beredet der Chef der Deutschen Bank und des Weltbankenverbands IIF in zermürbenden Einzelgesprächen, in zig Konferenzen und Handy-Telefonaten den Beitrag der Banken und anderer privater Investoren zur Lösung der Staatsschuldenkrise. Er spielt Feuerwehr. Und fehlt im eigenen Haus. Es geht, nach wie vor, um die Frage: Wie verteilt sich die Macht? Konkret: Was wird aus dem Investmentbanking, der Krisen-Zone der Bank (Slogan: "Leistung aus Leidenschaft"), das von Anshu Jain, 48, geleitet wird?

Der Inder ist Ackermanns Nachfolger - und Ackermanns Antipode. Liebend gerne würde der Schweizer die Macht des Rainmakers begrenzen. Manchmal schafft Leistung auch Leiden.

Die jüngsten Geschäftszahlen scheinen dem skeptischen Noch-Bankchef recht zu geben. Die Investmentsparte verdiente von Juli bis September deutlich weniger: Vor Steuern blieben gerade noch 70 Millionen Euro übrig. Einst trug das Kapitalmarktgeschäft zwei Drittel zum Gesamtgewinn bei, und Jain war Star des Hauses, einer, der mit seinem jungen Team von London aus Milliarden scheffelte. Manches war Zockerei.

Die Kunden seien in der Krise weniger Risiken eingegangen, erklärt die Bank den Einbruch. Das Umfeld sei im dritten Quartal "so schwierig wie seit dem Jahresende 2008 nicht mehr" gewesen, sagt Ackermann. Damals, vor drei Jahren, ging die US-Investmentbank Lehman Brothers pleite. Angesichts des Jain-Debakels fällt der Gewinn der Deutschen Bank im dritten Quartal mit 777 Millionen Euro sogar noch stattlich aus - aber es sind 37 Prozent weniger als im Vierteljahr zuvor.

Ackermann setzt auf weitere Korrekturen: Bis Frühjahr 2012 wird, so der neue Plan, jeder zehnte Investmentbanker gehen. Im Vergleich zum Höchststand von 15.800 Bankern vor einem Jahr sinkt die Zahl der Stellen um zehn Prozent auf gut 14.000. Das Geldinstitut selbst hatte vor drei Wochen nur die Streichung von weiteren 500 Stellen im Investmentbanking bis Ende März 2012 angekündigt. "Wir passen die Plattform an und werden das auch weiterhin tun, wenn sich am Umfeld nichts ändert", verkündet Finanzvorstand Stefan Krause.

So reduziert sich das Geschäft Jains, bevor er zusammen mit Jürgen Fitschen, 63, die Leitung der Bank übernimmt. Wie teilt sich die Doppelspitze die Arbeit? Zieht Jain nach Frankfurt? Spricht er dann Deutsch? Interessiert er sich für deutsche Politik?

Kundenbank oder Investmentbank?

Das sind nur die drängendsten Fragen, die Mitarbeiter in den Frankfurter Zwillingstürmen, dem Sitz der Bank, stellen. Es gibt viel Unruhe. Schon zirkulieren Gerüchte, Fitschen könne neuer Chef-Kontrolleur werden und Jain alleine lenken. Die in solchen Fällen üblichen Intrigen, bevor dann Ackermann im Mai 2012 den Aufsichtsratschef Clemens Börsig, 63, ersetzen kann. Für diese Funktion hat es sich der Eidgenosse zur Aufgabe gemacht, gezielt den nächsten Vorstandschef zu suchen. Jemand, der auf den etwas älteren Fitschen folgt - und gegebenenfalls Jain ausbremst. Der soll auf keinen Fall Solist an der Spitze werden. Bloß keinen dort, der mit Spekulationen groß wurde, heißt es jetzt in Frankfurt.

Die Bank habe sich gewandelt, wirbt Ackermann im kleinen Kreis, sie sei wieder mehr Kundenbank. Das liegt an den Akquisitionen, an Postbank, Norisbank und Berliner Bank. Die Strategie "für einen ausgeglichenen Ertragsmix durch den Ausbau unserer zum klassischen Bankgeschäft zählenden Geschäftsfelder hat sich ausgezahlt", jubelt der Deutschbankier in seinem Brief an die Aktionäre. Der Umbau des Investmentbankings habe "das Risikoprofil der Deutschen Bank deutlich verbessert".

Die aktuelle Entwicklung sei "eine Bestätigung für Ackermanns Kurs der vergangenen Jahre", sagt Michael Seufert, Analyst bei der NordLB. Die Grenzen, die der Deutschbankier den Jain-Leuten setzt, empfinden manche dort als Berufsverbot. Sie sind auf absolute Leistungsshow getrimmt, auf Superboni. Und nun sollen sie auf einmal ans große Ganze denken, an die Gesellschaft und Bürger.

Die Zocker haben eine ganze Branche in Verruf gebracht. Verbandschef Ackermann kämpft, um eine gesetzliche Aufspaltung in Geschäftsbank und Investmentbank zu verhindern. Den Schuldenschnitt für Griechenland wollte er auf 40 Prozent begrenzen, nun sollen es mehr als 50 Prozent sein. Die Politik macht Ernst. Das Kapital der Bank muss dann wohl erhöht werden - und Ackermann will notfalls Gewinne einbehalten. Die Dividende könnte leiden.

Es gibt also viel zu erklären. Auf den Schlussmetern seiner operativen Karriere wird es ungemütlich für Ackermann. Jüngst konnte der Vielbeschäftigte sogar nur per Video der Konferenz der obersten Führungskräfte beiwohnen. Und irgendwann muss er dann wirklich mit den wichtigsten Aktionären reden.