Wer verstehen will, wie der Luxus nach Castrop-Rauxel kam, konnte sich das zuletzt rund um einen Parkplatz des Ruhrgebiets-Städtchens anhören. Krachende Motoren, gefährlich quietschende Bremsen, das volle Programm. Oder am Karfreitag in Herten-Süd, ein Tag, den sie in der Szene „Car-Freitag“ nennen. Herten ist übrigens auch so eine Ruhrpott-Stadt, die für einiges steht, aber gewiss nicht für ausufernden Luxus. Aber wie in Castrop und Herten ist es inzwischen fast überall im Land: Der Luxus kommt meistens am Samstagabend über die Städte, schleicht sich langsam an und heult, jault und rast dann los. Hunderte sogenannte Poser in PS-starken, durchaus sehr luxuriösen Sportwagen auf dem Dortmunder Wall, Autorennen auf dem Mittleren Ring in München, dem Berliner Ku’damm und auf den Kölner Ringen.
Eine Wohnung am Dortmunder Wall oder am Kölner Barbarossaplatz gekauft? Sorry, dumm gelaufen. Wer konnte vor 20 Jahren schon ahnen, wohin sich die Welt des Automobils eines Tages entwickeln würde.
Poser mögen Marken wie Ferrari, Lamborghini oder Mercedes-AMG
Der Autoposer gehört jedenfalls nicht zu jener Kategorie von Menschen, die am Wochenende mit einem Fiat Cinquecento Cabrio zur romantischen Landpartie aufbrechen. Der Poser bevorzugt belebte Innenstädte, dicke Felgen, krasse Spoiler, ausgefeilte Tuning-Techniken, und er legt sein Fahrzeug gern tiefer. Er (es handelt sich mutmaßlich vor allem um Männer) fährt häufig Porsche Panamera, Lamborghini, Ferrari, Starkmotoriges von BMW oder Audi und sehr gern auch Mercedes-AMG. Der Hersteller sehr exklusiver, sehr teurer und sehr schneller Fahrzeuge mit 400 PS und mehr ist eine Tochter des Stuttgarter Autobauers Mercedes-Benz, zu den Klassikern gehört das CLA Coupé mit dem Werbeclaim „So luxuriös wie sportlich, so aufregend wie emotional“.
Womit man bei Mercedes-Chef Ola Källenius wäre, jenem Automanager, der in diesen Tagen wissen ließ, dass er das Wort Luxus künftig nicht mehr im Zusammenhang mit seinen Mercedes-Modellen lesen möchte. Weniger Hochpreisiges, mehr Bescheidenheit und mehr Autos für die Breite, so ungefähr darf man das wohl verstehen. Eine Erkenntnis, die – immerhin – besser spät kommt als nie. Wenn sie denn auch wirklich so gemeint ist.

Autoindustrie:Mercedes und das böse L-Wort
Unter dem Stern von Stuttgart wollen sie nicht mehr von „Luxus“ reden, man sagt jetzt lieber „Top-End“. Sonst aber soll eigentlich alles weitergehen wie gehabt. Das ist vor allem eines: ziemlich deutsch.
Toskana-Fraktion hier, Mitternachts-Poser dort – es ist für alle etwas dabei
Zwar liefern sich die Hersteller seit Jahren ein Schaulaufen, jeder will nachhaltiger sein als der andere, es wird recycelt und reduziert und optimiert, was das Zeug hält. Schon vor einigen Jahren hatte sich BMW seiner hochwertig-nachhaltigen Lederverarbeitungen gerühmt, besonders umweltschonend und mit Olivenblatt-Extrakten gegerbt. Das war natürlich eine feine Sache, änderte dann aber auch nichts daran, dass die Wochenend-Poser trotzdem gern auf einen M5 mit V8-Motor und über 700 PS (BMW-Werbung: „Entdecken Sie den Hochleistungssportler“) zurückgreifen. Das sollte niemanden verwundern, denn neben Olivenblättern und anderen Toskana-Fraktions-kompatiblen Accessoires wird gleichzeitig immer noch viel Werbebudget, Marketing-Lyrik und Forschungs- und Design-Aufwand in teure (und luxuriöse) Boliden gesteckt.
Man kann die Autobauer nicht dafür verantwortlich machen, dass ihre PS-Boliden und zu Poser-Monstertrucks ausgebauten Luxusschlitten ausgerechnet in nächtlichen Straßenkämpfen zum Einsatz kommen. So hatte man sich das vermutlich nicht gedacht. Man kann aber einen Zusammenhang herstellen zwischen dem PS-seligen Marketing der Unternehmen und den Begehrlichkeiten, die sie damit wecken.
Daher: Auto-Luxus und PS-Protzerei sind nicht nur marketingtechnisch ein Anachronismus. Sie passen grundsätzlich nicht mehr in diese Zeit. Und schon gar nicht in laue Sommernächte in Castrop-Rauxel.
