Pandemie:Wie die Luftfahrt aus der Krise kommt

Flottau, Jens

Illustration: Bernd Schifferdecker

Die Branche leidet weiter stark unter den Folgen der Pandemie und einigen unsinnigen Regeln. Hier muss sich was ändern.

Von Jens Flottau

Der Chef der Fluggesellschaft Eurowings, Jens Bischof, verbreitete zuletzt auffallend gute Stimmung. Ein Großteil der Flotte ist wieder in der Luft, die Geschäftsreisenden kommen langsam nach den Sommerferien wieder zurück, und irgendwann nächstes Jahr wird die Airline wieder genauso viele Flugzeuge einsetzen, wie vor der Corona-Krise. Viel wettbewerbsfähiger wird sie sein und den Marktanteil deutlich ausbauen, versprach er.

Einen Zusammenhang zwischen Eurowings und Wettbewerbsfähigkeit zu finden, war seit Gründung des Lufthansa-Ablegers praktisch unmöglich, aber das ist eine andere Geschichte. Die größere Frage, die sich hinter Bischofs Prognosen verbirgt, ist, ob die Luftfahrt auf dem Weg aus der Krise schon den größten Teil hinter sich hat, oder ob sie noch lange massiv leiden wird. Bislang muss man festhalten, dass der Sektor die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie noch sehr, sehr lange spüren wird.

Die vergleichsweise guten Nachrichten haben einfache Gründe: Innerhalb Europas gibt es mittlerweile weniger pandemiebedingte Reiserestriktionen. Das Sommergeschäft ist daher gerade für Airlines, die wie Eurowings viele Ferienziele auf Kurz- und Mittelstrecken bedienen, ganz gut gelaufen. Viele wollten unbedingt einmal wieder verreisen und hatten, weil sie in den Lockdowns sparen konnten, auch das nötige Geld dazu.

Doch die Verkehrsströme sind regional begrenzt und nicht überall läuft die Entwicklung parallel: Die USA haben ein erstaunlich schnelles Comeback hinter sich, aber mittlerweile streichen die Fluglinien wieder vermehrt Flüge. Die vielen Impfverweigerer sorgen auch in der Reisewirtschaft dafür, dass die Krise sich verlängert. Europa hat zunächst eine langsamere Erholung erlebt, die sich dafür aber nun fortzusetzen scheint. In Asien, einst der Motor im Weltluftverkehr, tut sich nach wie vor wenig bis nichts. Die Nachfrage und die Einschränkungen korrelieren mit der niedrigen Impfquote. Ausnahmen wie das starke Inlandsgeschäft in China bestätigen die Regel.

Immer noch brauchen Europäer Sondergenehmigungen für Flüge in die USA

Auf den Langstrecken fliegen die Airlines weiterhin nur noch einen Bruchteil ihres früheren Programms. Der wirtschaftliche Schaden für Unternehmen wie die Lufthansa, die das meiste Geld im Interkontinentalverkehr verdienen, ist kaum zu ermessen. Verständlich also, dass die Branche auf andere, sinnvollere Reiseregeln drängt, als diejenigen, die im Moment gelten. Geimpfte bekommen in vielen Ländern im Alltag mehr und mehr Rechte zurück. Für Flugreisen aber scheint dies nicht zu gelten: Immer noch brauchen Europäer Sondergenehmigungen für Flüge in die USA, und zuletzt hat die EU den Mitgliedsländern vorgeschlagen, Amerikaner nur noch aus wichtigen Gründen einreisen zu lassen. Immerhin: Für Geimpfte sollen die Einschränkungen für Europareisen nicht gelten.

Das genau aber müsste generell der Weg sein. Wer geimpft oder genesen ist, muss prinzipiell reisen dürfen. Schon in der Frühphase der Pandemie, als es noch keine Impfstoffe gab, haben sich nur wenige während eines Fluges oder am Flughafen mit dem Coronavirus infiziert. Denn an Bord gibt es effiziente Luftfilter und strenge Regeln. Jetzt, da zwei Drittel der Erwachsenen in Europa geimpft sind, sind pauschale Reiseverbote noch viel weniger sinnvoll als vor einem Jahr.

Längerfristig stellt sich aber auch die Frage, ob der Luftverkehr überhaupt in der alten Form und Größe zurückkehren soll. Aus Klimaschutzsicht betrachtet, ist die Antwort klar: auf keinen Fall. Der Sektor steht vor einer Transformation, die gerade erst beginnt, und die steht und fällt mit dem Erfolg von synthetischen Treibstoffen, die die negativen Folgen der Fliegerei für die Umwelt drastisch reduzieren könnten.

Klar ist, dass ein Teil des alten Geschäfts verloren ist. Manche, wenn auch bei Weitem nicht alle Dienstreisen, sind in Zeiten von Videokonferenzen nicht mehr nötig, und mancher Kurztrip an den Strand ist nicht mehr zu rechtfertigen. Wenn die Airlines nicht in alte Verhaltensmuster verfallen und immer noch mehr Sitze anbieten, wird sich manches über den höheren Preis regeln lassen. Es wäre wirtschaftlich ganz in ihrem Sinne und umwelttechnisch sowieso wünschenswert.

© SZ
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