Luftverkehr:Bei Lufthansa droht ein Streik

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Luftverkehr: Die Lufthansa und ihre Piloten steuern auf den nächsten Großkonflikt zu.

Die Lufthansa und ihre Piloten steuern auf den nächsten Großkonflikt zu.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Die Fluggesellschaft kündigt eine wichtige Vereinbarung mit der Vereinigung Cockpit, die Pilotengewerkschaft den Vergütungstarifvertrag. Eskaliert der Konflikt nun?

Von Jens Flottau, Frankfurt

Zum Verständnis ein kurzer Blick zurück ins Jahr 2017. Der Luftverkehr boomte und mit ihm die Lufthansa. Schon längst wollte der Konzern von der Agentur Skytrax das begehrte Fünf-Sterne-Rating bekommen, das ihn als eine der besten Fluggesellschaften der Welt auszeichnen würde. Doch immer wieder scheiterte das Projekt. Vor allem die ständigen Pilotenstreiks nervten Prüfer und Passagiere. Ein scheinbar nicht enden wollender Konflikt um Einsparungen, Auslagerungen und Besitzstandswahrung störte die aus heutiger Sicht ziemlich heile Welt. Dann endlich im Herbst des Jahres 2017 der Durchbruch: mit einer sogenannten "Perspektivvereinbarung" kehrte für vier Jahre Ruhe ein. Die zermürbenden Konflikte schienen der Vergangenheit anzugehören.

Doch wenn es dumm läuft für Airline, Piloten und Passagiere, dann steuern beide Seiten derzeit auf den nächsten Großkonflikt zu, der vielleicht schon im Sommer eskalieren könnte. Ende der vergangenen Woche kündigte Lufthansa die intern nur PPV genannte Perspektivvereinbarung zum 30. Juni 2022. Die zunächst leicht perplexe Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) sammelte sich kurz und kündigte am nächsten Tag den aktuell gültigen Vergütungstarifvertrag ebenfalls zum 30. Juni. Die Verhandlungen zu allen anderen Themen sind erst einmal auf Eis gelegt.

Die Sache ist ungeheuer kompliziert und am besten auf zwei Zeitsträngen und den dazu gehörenden Handlungsebenen zu verstehen, eine langfristige und eine kurzfristige.

Die langfristige betrifft die Perspektivvereinbarung: 2017 hatte Lufthansa den Piloten für die Kernmarke Lufthansa und die damals noch existierende Tochtergesellschaft Germanwings zugesichert, immer mindestens 325 Flugzeuge bereedern zu dürfen. Im Gegenzug erklärten sich die Piloten bereit, über verschiedene Zugeständnisse produktiver zu werden und so die Stückkosten um rechnerisch 15 Prozent zu senken. Außerdem gewann sie mehr Freiheit, wenn es darum ging, andere Airlines im Konzern auf ehemaligen Lufthansa-Strecken einzusetzen. In den guten Jahren waren die 325 Maschinen gar kein Problem.

Weit vom Verkehrsniveau des Jahres 2019 entfernt

Doch dann kam die Corona-Pandemie. Zeitweise stand nahezu die gesamte Flotte am Boden. Immer noch ist Lufthansa weit vom Verkehrsniveau des Jahres 2019 entfernt. Es gibt zwar eine Krisenklausel, durch die die Vereinbarung ausgesetzt wird. Aber der Vorstand argumentiert, die Zahl 325 werde auf lange Sicht nicht mehr erreicht werden. Also kündigen und wieder von vorne verhandeln. Nur noch 250 Flugzeuge gelten mittlerweile als realistisch.

Die kurzfristige Ebene betrifft das Krisenmanagement. Lufthansa hat zu viele Piloten. Bislang hat sie davon keinen entlassen, die nicht benötigten stattdessen in staatlich finanzierte Kurzarbeit geschickt und die Differenz zwischen der Bemessungsgrenze und der tatsächlichen Gehälter auf knapp 90 Prozent selbst ausgeglichen. Für die Piloten ist die Krise also bislang äußerst glimpflich verlaufen. Doch die Kurzarbeit endet im März, und die Zeit für eine Regelung danach drängt. Lufthansa hat über mittlerweile mehr als ein Jahr darauf gesetzt, verpflichtende Teilzeit für alle Piloten zu vereinbaren, bis wieder genügend Arbeit für alle anfällt.

Die VC hatte es, gelinde gesagt, nicht eilig. Sie setzte ganz offensichtlich darauf, dass sich der Luftverkehr schnell erholen werden würde und der Bedarf an Teilzeit-Zugeständnissen im nächsten Jahr viel geringer sein würde. Dann kam die Delta-Variante des Coronavirus, dann Omikron und es wird klar, dass die Krise noch lange nicht vorbei ist. Womöglich ist also mehr Teilzeit nötig, als noch vor ein paar Monaten denkbar.

Es gibt also viele ungelöste Fragen, unter anderem die, warum Lufthansa gerade jetzt die Perspektivvereinbarung gekündigt hat, wo sie vielleicht doch noch auf eine Einigung in Sachen Kurzarbeit hoffen konnte? Die Antwort findet sich womöglich im Kleingedruckten: Gemäß der Vereinbarung darf Lufthansa die Zahl der vereinbarten Flugzeuge nach der Kündigung nur über Jahre langsam abschmelzen. Da aber im Sommer rund 400 Piloten über ein Freiwilligen-Programm gehen, könnte der Sockel schneller kleiner werden - es gibt dann nicht mehr genug Piloten für 325 Flugzeuge. Normalerweise wären Strafzahlungen fällig, wenn die tatsächliche Zahl der Maschinen unter der vereinbarten liegt.

In Pilotenkreisen heißt es, jedem sei klar, dass 325 eine Zahl aus einer anderen Zeit war, die verhandelt werden kann. Mehr Sorgen macht ihnen das Wachstum von Ablegern wie Eurowings und Eurowings Discover, die mit schlechter bezahlten Kollegen ehemalige Lufthansa-Strecken übernehmen. Lufthansa hingegen glaubt, aus einer Position der Stärke argumentieren zu können: Die 15 Prozent geringeren Stückkosten bleiben, und nach einem einschlägigen Gerichtsurteil sieht sie auch ihre Entscheidungsfreiheit beim Einsatz von Billig-Töchtern gestärkt.

Sie will also alle Vorteile aus der Perspektivvereinbarung erhalten, die 325 Maschinen aber nicht mehr garantieren. Es könnte sein, dass sich die Gewerkschaft nun fragt, warum sie überhaupt noch Zugeständnisse machen soll. Durch die Kündigung des Vergütungstarifvertrages macht sie sich schon einmal streikbereit. Ob ein neuer Pilotenstreik allerdings politisch gesehen machbar wäre, nachdem die Lufthansa und die Arbeitsplätze im Cockpit gerade mit Milliarden an wenn auch mittlerweile zurückgezahlten Staatshilfen gerettet wurden, steht auf einem anderen Papier.

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