Lufthansa:Trennungsgedanken

Fluggesellschaft Condor

Eine Maschine der Fluggesellschaft Condor rollt über das Vorfeld am Düsseldorfer Flughafen.

(Foto: Marcel Kusch/dpa)

Lufthansa will offenbar die langjährige Kooperation mit dem Ferienflieger Condor aufgeben. Der Dax-Konzern will einen Konkurrenten wie die polnische LOT nicht unterstützen.

Von Jens Flottau, München/Frankfurt

Als Condor-Vertriebschef Paul Schwaiger in dieser Woche beim European Aviation Symposium in München auftrat, hatte er vor allem ein Ziel: Der deutschen Reisebranche klarmachen, dass sie sich mit dem Einstieg der staatlichen polnischen Luftfahrt-Holding PGL um die Condor keine Sorgen mehr machen muss. Schwaiger erzählte von "drei magischen Momenten" im Überlebenskampf der vergangenen Monate: Die Entscheidung, nach dem Kollaps der früheren Muttergesellschaft Thomas Cook weiterzumachen, die Zusage des staatlichen Überbrückungskredites (380 Millionen Euro) und schließlich der Verkauf an PGL, zu der auch LOT Polish Airlines gehört.

Doch das mit dem keine Sorgen mehr machen könnte sich bald schon als sehr relativ herausstellen. Nach SZ-Informationen steht die Lufthansa kurz davor, die langjährige Kooperation mit ihrer früheren Tochter aufzugeben. Davon betroffen wäre ein Vertrag, der den Zubringerverkehr zu den Condor-Langstrecken in Frankfurt regelt und die Teilnahme der Ferienfluggesellschaft am Vielfliegerprogramm Miles & More. Außerdem erwägt Lufthansa ernsthaft, bei der Europäischen Kommission ein Verfahren wegen staatlicher Beihilfen gegen PGL im Zusammenhang mit dem Einstieg bei Condor anzustreben. Endgültige Entscheidungen gibt es in beiden Fällen dem Vernehmen nach noch nicht, Lufthansa will sich zu dem Thema nicht offiziell äußern.

PGL hatte in der vergangenen Woche bekannt gegeben, Condor übernehmen zu wollen. Die Airline soll als Touristiksparte neben LOT agieren, die beiden Fluggesellschaften sollen dabei eng zusammenarbeiten und Synergien nutzen, wo sie sich anbieten. Beim Streckennetz gibt es kaum Anknüpfungspunkte, wohl aber bei Investitionen wie neuen Flugzeugen, die bei Condor langsam dringlich werden. Weder PGL noch Condor haben Angaben zum Kaufpreis gemacht und lediglich bestätigt, dass der Überbrückungskredit ganz zurückgezahlt wird. In der Branche kursiert ein Betrag in der Größenordnung von rund 600 Millionen Euro, hinzu kommen die anstehenden Investitionen in die Flotte.

Auch andere wie der Billigflieger Wizz Air ärgern sich über PGL wegen der Hilfen vom Staat.

Lufthansa stellt seit vielen Jahren das innerdeutsche und europäische Zubringernetz für die Langstreckenbasis der Condor in Frankfurt zur Verfügung. Paul Schwaiger zufolge ist das Arrangement für beide "ein gutes Geschäft", daher sieht er keinen Grund dafür, dass irgendjemand daran etwas ändern wollte. Klar - ohne Lufthansa-Zubringer in Frankfurt wäre es sehr fraglich, ob Condor eine Langstreckenflotte der heutigen Größe weiter profitabel betreiben kann.

Lufthansa hat trotz der offenbar guten Marge Gründe, ernsthaft über ein Ende der Kooperation nachzudenken: Sie will nicht einen Konkurrenten wie LOT auch nur indirekt unterstützen, der stark wachsen will und mit dem sie sich zwangsläufig ins Gehege kommen wird. Außerdem plant sie, in Frankfurt und München ihren eigenen Flugbetrieb für Ferien-Langstrecken aufzubauen, nachdem der erste Versuch auf der Basis ihres Ablegers Eurowings gescheitert war. Dieser würde mit Condor/LOT direkt konkurrieren. Auch ein erzwungener Ausstieg bei Miles & More wäre für Condor schmerzhaft.

Die zweite Lufthansa-Initiative zielt auf angebliche Staatshilfen für LOT/PGL ab. Die Europäische Kommission hatte 2014 eine Kapitalerhöhung in Höhe von 200 Millionen Euro abgesegnet, die der polnische Staat zeichnete, um einen Kollaps der damals stark angeschlagenen LOT zu verhindern. Gemäß EU-Regeln kann der Staat einem Unternehmen nur einmal innerhalb von zehn Jahren helfen, und zwar nur wie eine Sanierung oder Restrukturierung. 2018 gründete Polen dann mit einem Kapitalstock von rund 600 Millionen Euro die Staatsholding PGL, in der bislang neben LOT auch noch Wartungs- und Handlingsfirmen integriert wurden. 2019 stieg der Konzern dann über den Ableger PGL Leasing in das Flugzeugleasing-Geschäft ein. Den Kauf von Condor soll laut LOT- und PGL-Chef Rafal Milczarski ein polnisches Bankenkonsortium finanzieren.

Lufthansa ist nicht die einzige Airline, die sich über LOT und PGL beklagt. Die Billigfluggesellschaft Wizz Air hat sich laut Vorstandschef Jószef Váradi bereits bei der Europäischen Kommission beschwert und eine Untersuchung der Vorgänge gefordert. Warschau sei sowieso "für jede Airline ein miserabler Ort, weil die Regierung alles tut, um LOT zu unterstützen". Váradi kritisiert auch den Übergangskredit für Condor: "Die britische Regierung hat bei Thomas Cook die Regeln des Marktes gelten lassen, das hätte Deutschland auch tun müssen." Auch was den strategischen Sinn des Geschäfts angeht, hat Váradi eine klare Meinung. Es sei "kombinierter Unsinn." Auch Wizz Air habe sich Condor angeschaut - "zwei Minuten lang".

© SZ vom 31.01.2020
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