Lufthansa:Kommt der nächste Streik?

Lesezeit: 3 min

Streik bei der Lufthansa: Passagiere warten an einem Flughafen

So sieht das aus, wenn bei der Lufthansa gestreikt wird - ein Bild aus der vergangenen Woche.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

An diesem Mittwoch verhandeln Verdi und Lufthansa wieder über mehr Geld für das Bodenpersonal. Doch die Arbeitskämpfe bei der Airline sind damit noch nicht vorbei.

Von Benedikt Peters

Manche Jobs geben einem mehr Macht als andere. Wenn, sagen wir, die Mitarbeiter einer Autofabrik streiken, dann interessiert das meist vor allem deren Arbeitgeber. Die meisten Menschen aber bekommen davon kaum etwas mit, es fehlen ja nicht von einem Tag auf den anderen Hunderttausende Autos. Anders ist das bei Busfahrern, Lokführerinnen und den Mitarbeitern von Fluggesellschaften: Sie können ab sofort ganze Städte oder auch mal das halbe Land lahmlegen. So geschah es am vergangenen Mittwoch, als das Bodenpersonal der Lufthansa streikte, die Check-In-Mitarbeiter, die Kofferpacker, die Technikerinnen. An den Drehkreuzen in Frankfurt und München ging fast nichts mehr. Über 1000 Flüge mussten gestrichen werden, die Lufthansa verlor viele Millionen und mancher Fluggast die Aussicht auf einen entspannten Urlaub. An diesem Mittwoch und Donnerstag folgt nun der nächste Showdown in einem Hotel am Frankfurter Flughafen. Die Delegationen der Lufthansa und der Gewerkschaft Verdi treffen sich zur dritten Verhandlungsrunde. Am Ende könnte eine Einigung stehen - aber auch weitere Warnstreiks. Das sind die wichtigsten Punkte:

Was Verdi erreichen will

Die Gewerkschaft fordert 9,5 Prozent mehr Lohn für die 20 000 Beschäftigten. Für alle, die weniger als 3700 Euro brutto verdienen, soll es noch eine etwas kräftigere Erhöhung von 350 Euro geben. Verdi begründet die vergleichsweise hohe Forderung erstens mit der seit Monaten hohen Teuerung, im Juli lag sie bei 7,5 Prozent. Zweitens verweisen die Verhandlungsführer Christine Behle und Marvin Reschinsky darauf, dass es schon in den vergangenen beiden Jahren keine Lohnerhöhungen gab. In der Krise, in die die Luftfahrt durch die Corona-Pandemie geschlittert war, mussten die Beschäftigten außerdem auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichten, viele waren in Kurzarbeit. Das dritte Argument für eine kräftige Lohnerhöhung: Die Belastungen seien stark gestiegen, kritisiert Verdi, nachdem die Luftfahrtindustrie etwa ein Drittel der Beschäftigten entlassen hat. Die Menschen schöben Schichten rund um die Uhr, und das für ein Gehalt, von dem man gerade in Ballungsgebieten, in denen die Flughäfen liegen, kaum leben könne. Ein Einsteiger am Check-In bekommt nach Verdi-Angaben für eine Vollzeitstelle etwa 2100 Euro brutto.

Die Position der Lufthansa

Die Fluggesellschaft hat Verdi ein Angebot gemacht. Sie will den Beschäftigten sofort 150 Euro mehr zahlen, auch rückwirkend für den Juli. Ab 1. Januar 2023 will sie noch mal 100 Euro drauflegen. Und wenn der Konzern einen Gewinn einfährt, dann soll es von Juli 2023 an eine dritte Erhöhung um zwei Prozent geben. Gelten soll der Tarifvertrag nach dem Willen der Lufthansa für insgesamt 18 Monate. Das seien "hohe und sozial ausgewogene Vergütungen", sagt Personalvorstand Michael Niggemann, der für die Lufthansa verhandelt.

Warum Verdi damit nicht zufrieden ist

Die Gewerkschaft sieht das anders. 250 Euro mehr in zwei Stufen seien zu wenig, sagt ihr Verhandler Marvin Reschinsky. Mit den zusätzlichen zwei Prozent könnten die Beschäftigten außerdem nicht planen. "Die Erhöhung ist abhängig vom Gewinn des Konzerns. Das geht nicht, denn die Beschäftigten haben es schließlich nicht in der Hand, ob die Lufthansa zum Beispiel große Investitionen tätigt und deshalb rote Zahlen schreibt." Die Gewerkschaft stößt sich außerdem an der vorgeschlagenen Laufzeit des Tarifvertrags von 18 Monaten. Sie würde lieber kürzer abschließen, um bald wieder reagieren zu können - etwa, wenn die Inflation 2023 noch weiter steigt.

Der Warnstreik der letzten Woche

Für die Arbeitsniederlegungen von vergangener Woche schieben sich Verdi und die Lufthansa gegenseitig die Schuld zu. "Eskalation", "enorme Schäden", "nicht mehr verhältnismäßig" hieß es dazu aus dem Konzern. Die Gewerkschafter wiederum sagen, die Lufthansa habe nach der Ankündigung noch zwei Tage Zeit gehabt, um zu verhandeln und die Warnstreiks abzuwenden. Den Versuch aber habe niemand unternommen. Wie auch immer, den Schaden hatten danach alle: Der Streiktag soll die Lufthansa etwa 100 Millionen Euro gekostet haben, 134 000 Fluggäste sollen betroffen gewesen sein. Verdi wiederum wurde in zahlreichen Boulevard- und auch in seriösen Medien kritisiert, was ihrem Ruf geschadet haben dürfte.

Drohen nun neue Streiks?

Das ist gut möglich. Für das Bodenpersonal könnte es zwar am Donnerstag eine Einigung geben, die dritte Verhandlungsrunde ist in Tarifkonflikten in der Regel die letzte. Die Motivation, sich zu einigen, dürfte außerdem auf beiden Seiten gegeben sein, da der zurückliegende Warnstreik nur Verlierer produziert hat. Verdi könnte zum Beispiel auf einen kleinen Teil der Lohnforderung verzichten, die Lufthansa dafür bei der Laufzeit entgegenkommen. Mindestens einen Inflationsausgleich müsse das Angebot aber beinhalten, sagte Verdi-Vizechefin Behle der SZ: "Das ist entscheidend, um weitere Warnstreiks abzuwenden." Aber auch wenn sich die Tarifpartner einigen sollten, heißt das nicht, dass die Fluggäste in nächster Zeit von Streiks verschont bleiben. Denn neben den Verhandlungen beim Bodenpersonal braut sich gerade auch bei den Piloten etwas zusammen. Deren Gewerkschaft Vereinigung Cockpit und die Lufthansa haben sich in einem Tarifkonflikt verheddert. Cockpit verlangt einerseits eine Gehaltserhöhung von 5,5 Prozent und für 2023 einen automatischen Inflationsausgleich. Außerdem fordert die Gewerkschaft eine einheitliche Tarifstruktur, das heißt, letztlich sollen für alle Lufthansa-Piloten die gleichen Bedingungen gelten, das gilt als kompliziert. Am Sonntag votierten die Piloten beinahe geschlossen für einen Streik, der allerdings noch nicht beantragt ist. Intern heißt es, zumindest inoffiziell würden weitere Gespräche geführt. Für Fluggäste, Piloten und Lufthansa ist das zumindest ein kleiner Hoffnungsschimmer.

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