Luftverkehr:Lufthansa gehen die Piloten aus

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Luftverkehr: Lufthansa-Maschinen am Frankfurter Flughafen. Da viele Piloten ausfallen, muss die Fluggesellschaft Flüge über Weihnachten streichen.

Lufthansa-Maschinen am Frankfurter Flughafen. Da viele Piloten ausfallen, muss die Fluggesellschaft Flüge über Weihnachten streichen.

(Foto: Kai Pfaffenbach/REUTERS)

Außergewöhnlich viele Krankmeldungen sorgen dafür, dass die Fluggesellschaft über Weihnachten Langstreckenflüge streichen muss - dabei hatte sich die Airline einen Aufschwung erhofft.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Vor gut einer Woche hatte die Lufthansa eine wichtige Mitteilung zu machen: Sie kündigte die sogenannte Perspektivvereinbarung (PPV), die das Verhältnis zwischen der mächtigen Mitarbeitergruppe und der Fluggesellschaft grundsätzlich regelt, zum 30. Juni 2022, und sorgte damit bei den Besatzungen für, gelinde gesagt, schlechte Stimmung. Eine Woche später muss Lufthansa nun über Weihnachten bislang sechs Langstreckenflüge streichen, weil es plötzlich eine "extrem hohe Krankenquote" gibt.

Ob ein Zusammenhang besteht und ein informeller Bummelstreik vorliegt, wird sich natürlich nie nachweisen lassen. Allerdings stellen sich viele im Konzern genau diese Frage - ein Hinweis darauf, wie schlecht die Stimmung mittlerweile ist. Und selbst in Kreisen der Arbeitnehmervertreter vermuten manche, dass die Krankmeldungen kein Zufall sind. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass Piloten eine Fluggesellschaft spüren lassen, wie viel Schaden sie mit etwas weniger gutem Willen anrichten können. Vor allem bei amerikanischen Airlines war das eine Weile ein beliebtes Mittel unter unzufriedenen Piloten. Und aus ihrer Sicht haben die Lufthansa-Crews allen Grund, sauer zu sein.

Allerdings: Grundsätzlich ist die Einsatzplanung in Corona-Zeiten extrem kompliziert geworden. Die Gesundheitsauflagen auch für die Besatzungen ändern sich ständig, die Fluggesellschaften müssen häufig Dienstpläne und Routen über den Haufen werfen, manchmal Ziele miteinander verbinden, damit die Piloten und Flugbegleiter an einem bestimmten Ort übernachten können und nicht an einem anderen. Das System arbeitet am Anschlag. Hinzu kommt, dass bestimmte Flotten wie etwa die A380 bei Lufthansa noch stillgelegt sind, während kleinere Langstreckenjets wie die A330 und A340-300 trotz Pandemie quasi in Volllast fliegen. Dadurch konnte die Airline vergleichsweise viele Strecken aufrechterhalten, auch wenn die Zahl der Passagiere lange deutlich unter dem Niveau von 2019 lag. Während auf anderen Flugzeugtypen viele Piloten also immer wieder in Kurzarbeit geschickt wurden oder, wie bei der A380, seit Anfang 2020 überhaupt nicht mehr geflogen sind, hatten die A330- und A340-Besatzungen bald wieder genug zu tun.

Genau die A330/A340-Flotte ist jetzt das Problem. Schon vor den Krankmeldungen sei es extrem schwer gewesen, über die Weihnachtszeit alle Flüge zu besetzen. Lufthansa zufolge hat die Crew-Planung große Puffer eingebaut, aber die reichen jetzt offenbar nicht aus, weil die Ausfälle das erwartete Maß weit übersteigen. Betroffen sind unter anderem Flüge von Frankfurt nach Boston, Washington, Houston, Tokio-Haneda. Die Airline hat versucht, Verbindungen herauszunehmen, bei denen sie die Passagiere leicht auf Alternativflüge umbuchen kann.

Eine Flotte von 325 Maschinen ist aus Lufthansa-Sicht unrealistisch

Die Perspektivvereinbarung hatte den Piloten der Kernmarke 2017 garantiert, dass diese immer mit einer Flotte von mindestens 325 Maschinen (inklusive Germanwings) fliegen können. Im Gegenzug hatten die Piloten um 15 Prozent niedrigere Stückkosten ermöglicht und dem Unternehmen mehr Freiheiten beim Einsatz von Tochtergesellschaften auf ehemaligen Lufthansa-Strecken eingestanden. Lufthansa hat nun die PPV mit der Begründung gekündigt, wegen der Folgen der Corona-Pandemie seien 325 Maschinen auf Dauer unrealistisch. Sie fordert nun dem Vernehmen nach einen niedrigeren Wert und weitere Kostensenkungen.

Parallel dazu steht immer noch eine Einigung über verpflichtende Teilzeitregeln für alle Piloten aus, durch die ein massiver Personalüberhang ohne Entlassungen überwunden werden kann. Das Unternehmen beschäftigt derzeit nach eigenen Berechnungen mehr als 1000 Cockpit-Mitarbeiter zu viel. Ein Freiwilligenprogramm, durch das im Sommer 2022 mehrere Hundert Piloten ausscheiden, könnte über eine Klausel in der Vereinbarung dafür sorgen, dass die Lufthansa vertragskonform die Flotte deutlich schneller abbauen kann.

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