LuftverkehrDie Lufthansa streitet wieder mit Piloten

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Lufthansa-Maschinen auf dem Vorfeld des Frankfurter Flughafens: Je weniger Flugzeuge, umso größer der Druck auf die Piloten.
Lufthansa-Maschinen auf dem Vorfeld des Frankfurter Flughafens: Je weniger Flugzeuge, umso größer der Druck auf die Piloten. Andreas Arnold/dpa

Ein Schiedsgericht soll klären, ob die Fluggesellschaft die Größe ihrer Flotte reduzieren darf. Die Piloten fürchten, dass immer mehr Flüge auf günstigere Töchter verlagert werden.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Die Einigung war teuer, aber immerhin gab es sie, und sie versprach scheinbar Ruhe für die nächsten gut drei Jahre. Die Lufthansa einigte sich 2023 mit ihren Piloten auf ein Gehaltsplus von etwa 18 Prozent und versuchte damit, eine Menge ungelöster Konflikte irgendwie beiseite zu kehren.

Man kann sagen, dass die Rechnung nicht ganz aufgegangen ist, denn der größte Konflikt zwischen dem Konzern und der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) bricht nun neu aus. Die VC kündigte ein Schiedsgerichtsverfahren gegen die Lufthansa an, weil diese die der Gewerkschaft zugesagte Mindestflottengröße unterschreite. Der Subtext dazu ist entscheidend: Die Piloten wollen unbedingt verhindern, dass immer mehr Flüge auf günstigere Tochtergesellschaften verlagert werden. Nebenbei haben sie den Tarifvertrag zur Altersvorsorge zum 31. Dezember gekündigt, ein offener Tarifvertrag wäre Voraussetzung für einen möglichen Streik.

2017 hatten sich die beiden Seiten auf eine sogenannte Perspektivvereinbarung geeinigt. Diese garantierte den mit Abstand am besten bezahlten und abgesicherten Piloten der Lufthansa Airlines mindestens 325 Flugzeuge. Nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie, in der zeitweise überhaupt kein Luftverkehr mehr stattfand, kündigte die Lufthansa den Vertrag, weil sie keine Chance mehr sah, ihn einzuhalten. Der Rückbau der Garantie sollte sich über mehrere Jahre bis 2027 ziehen und jedes Jahr etwa fünf Flugzeuge umfassen.

„Die Lufthansa hält sich nicht an ihre vertraglichen Zusagen und versucht dies zu verschleiern“, so VC-Präsident Andreas Pinheiro. „Dies bedroht die Arbeitsplätze und berufliche Weiterentwicklung der Pilotinnen und Piloten. Wir sind nicht bereit, das hinzunehmen.“ Die Lufthansa argumentiert hingegen, dass sie wegen einiger Sondereffekte wie einem Freiwilligenprogramm während der Pandemie deutlich schneller abbauen darf, nämlich um zusätzlich etwa 35 Flugzeuge.

Das Problem aus Sicht der Piloten ist, dass viele der Maschinen bei neuen Tochtergesellschaften wie Discover oder City Airlines landen. Discover fliegt von Frankfurt aus vor allem Urlauberziele auf der Kurz- und Langstrecke an und soll in den nächsten Jahren die Flotte von 24 auf 33 Jets ausbauen. City Airlines ist in diesem Frühjahr gestartet und fliegt Zubringerflüge zu den Drehkreuzen in Frankfurt und München. Auch City soll in den nächsten Jahren stark wachsen – unter anderem hat Lufthansa für sie 40 Airbus A220 bestellt, zusätzlich zu den Flugzeugen, die von Lufthansa Airlines herüberwandern.

Piloten bei Discover und City verdienen, je nachdem, wie lange sie dabei sind, etwa 20 bis 30 Prozent weniger als bei der Kernmarke. Lufthansa hat also ein starkes wirtschaftliches Interesse daran, immer mehr Verkehr auf die günstigeren Plattformen zu verlagern. Problematisch ist die Strategie vor allem für jüngere Lufthansa-Piloten, die derzeit als Erste Offiziere eingesetzt werden. Denn wenn die Flotte nicht wächst oder sogar schrumpft, verschlechtern sich die Perspektiven, zum Kapitän befördert zu werden, dramatisch.

Außerdem steht die Frage im Raum, ob die teure Kernmarke mit ihren hohen Kosten auf lange Sicht überhaupt noch Kurz- und Mittelstrecken bedienen oder sich auf die Langstrecken konzentrieren wird, auf denen noch besseres Geld verdient werden kann. Vorerst schützen die großen Lieferprobleme der Hersteller die Piloten zumindest teilweise – die neuen Tochtergesellschaften können ihre Flotten nicht so schnell aufbauen, und Lufthansa will sich nur aus Strecken zurückziehen, wenn es gar nicht anders geht. Auch die Kernmarke wartet auf Dutzende Flugzeuge, die schon längst hätten ausgeliefert werden sollen.

Das von den Piloten nun eingeleitete Schiedsgerichtsverfahren war von vorneherein als Mechanismus der Perspektivvereinbarung vorgesehen. Offenbar hofft aber selbst die VC noch auf eine Verhandlungslösung, denn man sei weiter „bereit zum Dialog“.

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