Luftfahrt:Niederlage für die Lufthansa

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ITA Airways wird nun wohl nicht von der Lufthansa übernommen. (Foto: Remo Casilli/Reuters)

Die Fluggesellschaft galt zusammen mit der Großreederei MSC seit Monaten als idealer Partner für Italiens gebeutelte Airline ITA Airways. Nun kommt ein amerikanischer Finanzinvestor zum Zug.

Von Ulrike Sauer, Rom

Ohne Turbulenzen geht es in Rom anscheinend nicht. Das Schicksal der am heftigsten von Dauerkrisen und Verlusten gebeutelten Fluggesellschaft Europas ist durch Kehrtwenden und abenteuerliche Coups gezeichnet. Nun gelangte die Endlos-Saga um den Pleiteflieger Alitalia, aus dem vor zehn Monaten die Nachfolgerin ITA Airways hervorgegangen ist, wieder an einen überraschenden Wendepunkt. Die Lufthansa kommt mit ihrem Partner, der Schweizer Großreederei MSC, bei der Privatisierung der Staatsairline nicht zum Zug. Das römische Finanzministerium sortierte die Offerte des seit Monaten favorisierten Duos aus. Über den Verkauf eines Mehrheitsanteils von ITA werde man mit dem Rivalen, der amerikanischen Fondsgesellschaft Certares, in exklusive Verhandlungen treten, kündigte das italienische Finanzministerium am Mittwoch an.

Einen Monat vor den Neuwahlen in Italien machte die Entscheidung der zurückgetretenen Regierung von Mario Draghi alle Erwartungen der Lufthansa zunichte. "Das Angebot von Certares stimmte besser mit den Zielen des Privatisierungsdekrets überein", teilte das Finanzministerium mit. MSC und Lufthansa hatten bereits im vergangenen Januar auf eigene Initiative ein erstes Angebot zur Übernahme von 80 Prozent vorgelegt. Daraufhin schob die Regierung im Februar ein Bieterverfahren zum Verkauf seiner 100-Prozent-Beteiligung an ITA an. Drei Mal wurden seither vom Ministerium Nachbesserungen der abgelieferten Offerten verlangt. Anfang August gaben sowohl das Deutsch-Schweizer-Gespann als auch der US-Finanzinvestor ihr drittes Angebot ab. Ausschlaggebend für die Entscheidung waren offenbar die großen Differenzen bei der Rolle, die dem italienischen Staat zugedacht werden. "Certares ist bereit, dem Staat einen wesentlich stärkeren Einfluss zu garantieren", sagt Andrea Giuricin, Transportexperte von der Mailänder Universität Bicocca.

Der amerikanische Investitionsfonds möchte dem römischen Finanzminister 51 Prozent der Airline abkaufen und Kapital direkt in das Unternehmen einbringen. Dem Staat bliebe knapp die Hälfte von ITA. Certares garantiert der Regierung ausdrücklich einen wesentlich stärkeren Einfluss auf die Zukunft der Fluggesellschaft. Im künftigen Verwaltungsrat von ITA soll das Finanzministerium zwei Posten erhalten und darf den Präsidenten stellen. Außerdem räume Certares dem Ministerium in einigen Fragen ein Vetorecht ein, heißt es. Mit von der Partie sind Air France-KLM und die amerikanische Fluggesellschaft Delta, die aber nicht als Aktionäre einsteigen. Es wird in Rom nicht ausgeschlossen, dass Air France später eine Beteiligung in Höhe von 9,9 Prozent an ITA übernehmen könnte, wenn sie ihre Corona-Hilfen an den französischen Staat zurückgezahlt hat.

In Frankfurt nahm man die Entscheidung gelassen zur Kenntnis. "Wir sind weiter der Überzeugung, unser Angebot mit MSC wäre die bessere Lösung gewesen", teilte das Unternehmen mit. "Aber offenbar geht man den Weg mit mehr Staatseinfluss und keiner vollständigen Privatisierung", kommentierte der Lufthansa-Sprecher. MSC und Lufthansa hatten 850 Millionen Euro für 80 Prozent von ITA geboten, die seit ihrem Start im vergangenen Oktober bereits knapp 500 Millionen Euro Verluste eingeflogen hat. Im Verwaltungsrat sollte MSC mit drei Sitzen und Lufthansa und das römische Finanzministerium mit jeweils einem Sitz vertreten sein.

Überzeugt hatte das Bieter-Duo, so schien es jedenfalls über Monate, mit ihrer industriellen Strategie zur Rettung der Erbin der insolventen Alitalia, die seit dem Jahr 2000 niemals schwarze Zahlen geschrieben hat. Alfredo Altavilla, Chef der ITA Airways, wurden Sympathien für die Lufthansa-Lösung nachgesagt. Sogar die italienischen Gewerkschaften, die sich seit Jahrzehnten mit Händen und Füßen gegen jeden Privatisierungsanlauf gewehrt hatten, sprachen sich für das Angebot aus. Vor allem aber galten Regierungschef Draghi und sein einflussreicher wirtschaftspolitischen Berater Francesco Giavazzi als Befürworter einer Allianz mit starken industriellen Partnern wie sie Lufthansa und die Reederei MSC des Italieners Gianluigi Aponte, dem Weltmarktführer in der Containerschifffahrt und der Nummer drei im Kreuzfahrtgeschäft, gewesen wären.

Nun aber tritt ein Finanzinvestor aus New York in die exklusiven Verhandlungen mit dem römischen Finanzministerium ein. Der Marktanteil von Alitalia und ihrer Nachfolgerin ITA ist 2021 in ihrem Heimatland auf 3,9 Prozent gesunken. Branchenkenner geben der römischen Fluggesellschaft keine Chance, sich allein sich im hart umkämpften Fluggeschäft zu behaupten. Ob Draghi den Verkauf vor seiner Ablösung durch die neue Regierung abschließen kann, ist fraglich. "Wir stehen wirklich erst am Anfang eines langen Prozesses, dessen Abschluss sehr komplex sein wird", sagt Giuricin.

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