Luftverkehr:Lufthansa ist in Italien fast am Ziel

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Eine Maschine der ITA: Die italienische Fluggesellschaft könnte bald die neue Konzerntochter der Lufthansa werden. (Foto: Remo Casilli/Reuters)

Nach einem Jahr Hin und Her erlaubt die EU-Kommission nun offenbar doch die Übernahme von ITA durch die Deutschen. Rom soll dann ein weiteres Drehkreuz der Lufthansa-Gruppe werden.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Ausgesprochen wohlwollend gab sich Konzernchef Carsten Spohr, als er seinen Zuhörern im heruntergekühlten Konferenzraum eines Hotels erklärte, warum die Europäische Kommission es gerade nicht leicht habe. Sie müsse sich bei Übernahmen in der Luftverkehrsindustrie halt nach allen Seiten hin absichern, um sich nicht angreifbar zu machen. Die Sache sei in den rechtlichen Details sehr kompliziert und deswegen dauere es eben eine Weile. Aber: Er sei sehr optimistisch.

Natürlich ahnte Spohr da schon, dass die Wettbewerbsbehörde den Einstieg der Lufthansa bei der italienischen Fluggesellschaft ITA Airways nach ewigem Hin und Her nun doch erlauben würde. Das hat ihn wohl milde gestimmt, und taktisch wäre es auch nicht klug gewesen, den Deal in letzter Sekunde durch einen Wutausbruch zu gefährden. Allerdings waren Spohr und seine Leute in den vergangenen knapp eineinhalb Jahren oft der Verzweiflung und wohl auch der Weißglut nahe, weil die Kommission aus ihrer Sicht aberwitzig hohe Auflagen verlangte, um das Vorhaben durchzuwinken.

Eine gute Woche nach Spohrs Auftritt in Dubai sieht es nun vielversprechend aus in Sachen Lufthansa/ITA. Für ein offizielles Statement hat die Kommission zwar noch bis zum 4. Juli Zeit, und die Anwälte müssen bis dahin noch viel Kleingedrucktes formulieren. Aber es darf jetzt als ziemlich sicher gelten, dass ITA Airways bald eine weitere Tochter des Lufthansa-Konzerns sein wird. Lufthansa wird demnach für 325 Millionen Euro zunächst 41 Prozent und die unternehmerische Führung übernehmen und plant, in einigen Jahren die restlichen Anteile des Staates zu kaufen.

Gegen die Konkurrenz in der Branche hatte die ITA zuletzt keine Chance mehr

ITA Airways tut alles, um den Eindruck zu vermeiden, sie sei der rechtliche Nachfolger der für ihre jahrzehntelang aufgehäuften Verluste berüchtigten Alitalia. Diese war im Zuge der Corona-Pandemie endgültig verschwunden, doch der italienische Staat baute mit ITA eine neue Fluglinie auf, die übrigens auch die Namensrechte an Alitalia hält. ITA führte ihre ersten Flüge im Oktober 2021 durch, natürlich mit alten Alitalia-Maschinen, und profitierte (wie ihre Vorgängerin) von einer kräftigen Anschubinvestition des Staates. Mit dem Geld bestellte sie viele neue Flugzeuge bei Airbus, die derzeit ausgeliefert werden.

Es war aber schon bald klar, dass die im Vergleich stark geschrumpfte ITA auf Dauer noch viel weniger Chancen haben würde, sich gegen die Großkonzerne der Branche und die Billiganbieter wie Ryanair zu behaupten. Daher suchte die italienische Regierung strategische Partner. Zunächst bevorzugte sie ein Konsortium mit Air France-KLM, doch die Pläne scheiterten. Zeitweise wollte Lufthansa mit der Reederei MSC zusammen bei ITA einsteigen, zum Schluss blieb nur die deutsche Fluggesellschaft übrig, und sie muss nun versuchen, die neue Tochter möglichst schnell in die Gewinnzone zu schieben.

Er war der Verzweiflung nah: Lufthansa-Chef Carsten Spohr. (Foto: Marco Einfeldt)

Im Konzern reiht sie sich neben anderen Fluglinien wie Swiss, Austrian und Brussels Airlines ein. Wie sie soll auch ITA ihre eigene Marke (die könnte in den nächsten Jahren auch wieder Alitalia heißen) und ein eigenes Management behalten. Wichtige Funktionen wie Flotteneinkauf, Netzplanung und Verkauf sind aber weitgehend zentralisiert, die Flugpläne der Konzerntöchter idealerweise aufeinander abgestimmt. Rom soll ein weiteres Drehkreuz in der Gruppe werden, vor allem für Ziele in Afrika und Südamerika. Italien ist für Lufthansa nach den USA der zweitwichtigste internationale Markt, schon jetzt fliegt Konzerntochter Air Dolomiti (Sitz: Verona) zahlreiche Zubringerflüge zu den Drehkreuzen in München und Frankfurt.

Lufthansa musste dem Vernehmen nach einigen schmerzhaften Auflagen zustimmen, über deren Details die beiden Seiten noch schweigen. Die Kommission wollte vor allem sicherstellen, dass am Flughafen Mailand-Linate auch nach einem Zusammenschluss genügend Wettbewerb herrscht. Darüber hinaus waren ihr auch die Langstrecken nach Italien ein besonderes Anliegen. Zuletzt forderte die Kommission von der Lufthansa, ITA nicht in das transatlantische Joint Venture mit Air Canada und United Airlines einzubringen. Eine nicht wirklich akzeptable Auflage für die Lufthansa. Dem Vernehmen nach gibt es in diesem Punkt nun einen Kompromiss, mit dem beide Seiten leben können. Hinter den Kulissen hat die italienische Regierung offenbar großen Druck gemacht, dass der Deal zustande kommt. Lufthansa soll das Problem ITA für sie lösen.

Auch die Konkurrenz dürfte übrigens froh sein darüber, dass es in der ITA-Saga nun doch noch eine Lösung geben könnte. Air France-KLM will bei SAS Scandinavian Airlines einsteigen. International Airlines Group (IAG), die Muttergesellschaft von British Airways, Aer Lingus und Iberia, will Air Europa übernehmen. Und dann will Portugal die derzeit staatliche TAP Air Portugal privatisieren. Alle drei Großkonzerne sind interessiert.

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